The Project Gutenberg EBook of Der Weihnachtsabend, by Charles Dickens

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Title: Der Weihnachtsabend
       Eine Geistergeschichte

Author: Charles Dickens

Translator: Julius Seybt

Release Date: August 31, 2007 [EBook #22465]

Language: German


*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEIHNACHTSABEND ***




Produced by Norbert H. Langkau, Irma Knoll and the Online
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                        Der Weihnachtsabend.


                       Eine Geistergeschichte

                                von

                          Charles Dickens.


                         Aus dem Englischen

                                von

                            Julius Seybt.



                              Leipzig.

               Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.




                               Inhalt

         Erstes Kapitel:  Marleys Geist.                      3
         Zweites Kapitel: Der erste der drei Geister.        25
         Drittes Kapitel: Der zweite der drei Geister.       45
         Viertes Kapitel: Der letzte der drei Geister.       71
         Fnftes Kapitel: Das Ende.                          89




Erstes Kapitel.

Marleys Geist.


Marley war tot, damit wollen wir anfangen. Ein Zweifel darber kann
nicht stattfinden. Der Schein ber seine Bestattung wurde von dem
Geistlichen, dem Kster, dem Leichenbesorger und den vornehmsten
Leidtragenden unterschrieben. Scrooge unterschrieb ihn und Scrooges Name
wurde auf der Brse respektiert, wo er ihn nur hinschrieb. Der alte
Marley war so tot wie ein Thrnagel.

Merkt wohl auf! Ich will nicht etwa sagen, da ein Thrnagel etwas
besonders Totes fr mich htte. Ich selbst mchte fast zu der Meinung
geneigt sein, ein Sargnagel sei das toteste Stck Eisenwerk auf der
Welt. Aber die Weisheit unsrer Altvordern liegt in dem Gleichnisse und
meine unheiligen Hnde sollen sie dort nicht stren, sonst wre es um
das Vaterland geschehen. Man wird mir daher erlauben, mit besonderem
Nachdruck zu wiederholen, da Marley so tot wie ein Thrnagel war.

Scrooge wute, da er tot war? Natrlich wute er's. Wie konnte es auch
anders sein? Scrooge und er waren, ich wei nicht seit wie vielen
Jahren, Handlungsgesellschafter. Scrooge war sein einziger
Testamentsvollstrecker, sein einziger Administrator, sein einziger Erbe,
sein einziger Freund und sein einziger Leidtragender. Und selbst Scrooge
war von dem traurigen Ereignis nicht so entsetzlich gerhrt, da er
selbst an dem Begrbnistage nicht ein vortrefflicher Geschftsmann
gewesen wre und ihn mit einem unzweifelhaft guten Handel gefeiert
htte.

Die Erwhnung von Marleys Begrbnistag bringt mich zu dem Ausgangspunkt
meiner Erzhlung wieder zurck. Es ist ganz unzweifelhaft, da Marley
tot war. Das mu scharf ins Auge gefat werden, sonst kann in der
Geschichte, die ich eben erzhlen will, nichts Wunderbares geschehen.
Wenn wir nicht vollkommen fest berzeugt wren, da Hamlets Vater tot
ist, ehe das Stck beginnt, wrde durchaus nichts Merkwrdiges in seinem
nchtlichen Spaziergang bei scharfem Ostwind auf den Mauern seines
eignen Schlosses sein. Nicht mehr, als bei jedem andern Herrn in
mittleren Jahren, der sich nach Sonnenuntergang rasch zu einem
Spaziergang auf einem luftigen Platze, zum Beispiel Sankt Pauls
Kirchhof, entschliet, blo um seinen schwachen Sohn in Erstaunen zu
setzen.

Scrooge lie Marleys Namen nicht ausstreichen. Noch nach Jahren stand
ber der Thr des Speichers Scrooge und Marley. Die Firma war unter
dem Namen Scrooge und Marley bekannt. Zuweilen nannten Leute, die ihn
noch nicht kannten, Scrooge Scrooge und zuweilen Marley; aber er hrte
auf beide Namen, denn es war ihm ganz gleich.

O, er war ein wahrer Blutsauger, der Scrooge! ein gieriger,
zusammenscharrender, festhaltender, geiziger alter Snder; hart und
scharf wie ein Kiesel, aus dem noch kein Stahl einen warmen Funken
geschlagen hat; verschlossen und selbstbegngt und fr sich, wie eine
Auster. Die Klte in seinem Herzen machte seine alten Zge erstarren,
seine spitze Nase noch spitzer, sein Gesicht von Runzeln, seinen Gang
steif, seine Augen rot, seine dnnen Lippen blau, und klang aus seiner
krchzenden Stimme heraus. Ein frostiger Reif lag auf seinem Haupt, auf
seinen Augenbrauen, auf den starken kurzen Haaren seines Bartes. Er
schleppte seine eigene niedere Temperatur immer mit sich herum; in den
Hundstagen khlte er sein Comptoir wie mit Eis; zur Weihnachtszeit
wrmte er es nicht um einen Grad.

Aeuere Hitze und Klte wirkten wenig auf Scrooge. Keine Wrme konnte
ihn wrmen, keine Klte ihn frsteln machen. Kein Wind war schneidender
als er, kein fallender Schnee mehr auf seinen Zweck bedacht, kein
schlagender Regen einer Bitte weniger zugnglich. Schlechtes Wetter
konnte ihm nichts anhaben. Der rgste Regen, Schnee oder Hagel konnten
sich nur in einer Art rhmen, besser zu sein als er: Sie gaben oft im
Ueberflu, und das that Scrooge nie.

Niemals trat ihm jemand auf der Strae entgegen, um mit freundlichem
Gesicht zu ihm zu sagen: Mein lieber Scrooge, wie geht's, wann werden
Sie mich einmal besuchen? Kein Bettler sprach ihn um eine Kleinigkeit
an, kein Kind frug ihn, welche Zeit es sei, kein Mann und kein Weib hat
ihn je in seinem Leben um den Weg gefragt. Selbst der Hund des Blinden
schien ihn zu kennen, und wenn er ihn kommen sah, zupfte er seinen
Herrn, da er in ein Haus trete und wedelte dann mit dem Schwanze, als
wollte er sagen: kein Auge ist besser, als ein bses Auge, blinder Herr.

Doch was kmmerte das Scrooge? Gerade das gefiel ihm. Allein seinen Weg
durch die gedrngten Pfade des Lebens zu gehen, jedem menschlichen
Gefhl zu sagen: bleib' mir fern, das war das, was Scrooge gefiel.

Einmal, es war von allen guten Tagen im Jahre der beste, der
Christabend, sa der alte Scrooge in seinem Comptoir. Es war drauen
schneidend kalt und nebelig und er konnte hren, wie die Leute im Hofe
drauen prustend auf und nieder gingen, die Hnde zusammenschlugen und
mit den Fen stampften, um sich zu erwrmen. Es hatte eben erst Drei
geschlagen, war aber schon ganz finster. Den ganzen Tag ber war es
nicht hell geworden und aus den Fenstern der benachbarten Comptoirs
erblickte man Lichter, wie rote Flecken auf der dicken, braunen Luft.
Der Nebel drang durch jede Spalte und durch jedes Schlsselloch und war
drauen so dick, da die gegenber stehenden Huser des sehr kleinen
Hofes wie ihre eignen Geister aussahen. Wenn man die trbe, dicke Wolke,
alles verfinsternd, heruntersinken sah, htte man meinen knnen, die
Natur wohne dicht nebenan und braue =en gros=.

Die Thr von Scrooges Comptoir stand offen, damit er seinen Commis
beaufsichtigen knne, welcher in einem unheimlich feuchten, kleinen
Raume, einer Art Burgverlie, Briefe kopierte. Scrooge hatte nur ein
sehr kleines Feuer, aber des Dieners Feuer war um so viel kleiner, da
es wie eine einzige Kohle aussah. Er konnte aber nicht nachlegen, denn
Scrooge hatte den Kohlenkasten in seinem Zimmer und allemal, wenn der
Diener, mit der Kohlenschaufel in der Hand, hereinkam, meinte der Herr,
es wrde wohl ntig sein, da sie sich trennten, worauf der Diener
seinen weien Shawl umband und versuchte, sich an dem Lichte zu wrmen,
was, da er ein Mann von nicht zu starker Einbildungskraft war, immer
fehlschlug.

Frhliche Weihnachten, Onkel, Gott erhalte Sie! rief eine heitere
Stimme. Es war die Stimme von Scrooges Neffen, der ihm so schnell auf
den Hals kam, da dieser Gru die erste Ankndigung seiner Annherung
war.

Pah, sagte Scrooge, dummes Zeug!

Der Neffe war vom schnellen Laufen so warm geworden, da er ber und
ber glhte; sein Gesicht war rot und hbsch, seine Augen glnzten und
sein Atem rauchte.

Weihnachten dummes Zeug, Onkel? sagte Scrooges Neffe, das kann nicht
Ihr Ernst sein.

Es ist mein Ernst, sagte Scrooge. Frhliche Weihnachten? Was fr ein
Recht hast du, frhlich zu sein? was fr einen Grund, frhlich zu sein?
Du bist arm genug.

Nun, antwortete der Neffe heiter, was fr ein Recht haben Sie,
grmlich zu sein? was fr einen Grund, mrrisch zu sein? Sie sind reich
genug.

Scrooge, der im Augenblick keine bessere Antwort bereit hatte, sagte
noch einmal Pah! und brummte ein Dummes Zeug! hinterher.

Seien Sie nicht bs, Onkel, sagte der Neffe.

Was soll ich anders sein, antwortete der Onkel, wenn ich in einer
Welt voll solcher Narren lebe? Frhliche Weihnachten! Der Henker hole
die frhlichen Weihnachten! Was ist Weihnachten fr dich anders, als ein
Tag, wo du Rechnungen bezahlen sollst, ohne Geld zu haben, ein Tag, wo
du dich um ein Jahr lter und nicht um eine Stunde reicher findest, ein
Tag, wo du deine Bcher abschlieest und in jedem Posten durch ein
volles Dutzend von Monaten ein Deficit siehst? Wenn es nach mir ginge,
sagte Scrooge heftig, so mte jeder Narr, der mit seinem frhlichen
Weihnachten herumluft, mit seinem eigenen Pudding gekocht und mit einem
Pfahl von Stecheiche im Herzen begraben werden.

Onkel! sagte der Neffe.

Neffe! antwortete der Onkel heftig, feiere du Weihnachten nach deiner
Art und la es mich nach meiner feiern.

Feiern! wiederholte Scrooges Neffe; aber Sie feiern es nicht.

La mich ungeschoren, sagte Scrooge. Mag es dir Nutzen bringen! viel
gentzt hat es dir schon.

Es giebt viel Dinge, die mir htten ntzen knnen und die ich nicht
benutzt habe, das wei ich, antwortete der Neffe, und Weihnachten ist
eins von denen. Aber ich wei gewi, da ich Weihnachten, wenn es
gekommen ist, abgesehen von der Verehrung, die wir seinem heiligen Namen
und Ursprung schuldig sind, immer als eine gute Zeit betrachtet habe,
als eine liebe Zeit, als die Zeit der Vergebung und Barmherzigkeit, als
die einzige Zeit, die ich in dem ganzen langen Jahreskalender kenne, wo
die Menschen eintrchtig ihre verschlossenen Herzen aufthun und die
andern Menschen betrachten, als wenn sie wirklich Reisegefhrten nach
dem Grabe wren und nicht eine ganz andere Art von Geschpfen, die einen
ganz andern Weg gehen. Und daher, Onkel, ob es mir gleich niemals ein
Stck Gold oder Silber in die Tasche gebracht hat, glaube ich doch, es
hat mir Gutes gethan und es wird mir Gutes thun, und ich sage: Gott
segne es!

Der Diener in dem Burgverliee drauen applaudierte unwillkrlich; aber
den Augenblick darauf fhlte er auch die Unschicklichkeit seines
Betragens, schrte die Kohlen und verlschte den letzten kleinen Funken
auf immer.

Wenn _Sie_ mich noch einen einzigen Laut hren lassen, sagte Scrooge,
so feiern Sie Ihre Weihnachten mit dem Verlust Ihrer Stelle. Du bist
ein ganz gewaltiger Redner, fgte er hinzu, sich zu seinem Neffen
wendend. Es wundert mich, da du nicht ins Parlament kommst.

Seien Sie nicht bs, Onkel. Essen Sie morgen mit uns.

Scrooge sagte, da er ihn erst verdammt sehen wollte, ja wahrhaftig, er
sprach sich ganz deutlich aus.

Aber warum? rief Scrooges Neffe, warum?

Warum hast du dich verheiratet? sagte Scrooge.

Weil ich mich verliebte.

Weil er sich verliebte! brummte Scrooge, als ob das das einzige Ding
in der Welt wre, noch lcherlicher als eine frhliche Weihnacht. Guten
Nachmittag!

Aber, Onkel, Sie haben mich ja auch nie vorher besucht. Warum soll es
da ein Grund sein, mich jetzt nicht zu besuchen?

Guten Nachmittag! sagte Scrooge.

Ich brauche nichts von Ihnen, ich verlange nichts von Ihnen, warum
knnen wir nicht gute Freunde sein?

Guten Nachmittag! sagte Scrooge.

Ich bedaure wirklich von Herzen, Sie so hartnckig zu finden. Wir haben
nie einen Zank miteinander gehabt, an dem ich schuld gewesen wre. Aber
ich habe den Versuch gemacht, Weihnachten zu Ehren und ich will meine
Weihnachtsstimmung bis zuletzt behalten. Frhliche Weihnachten, Onkel!

Guten Nachmittag! sagte Scrooge.

Und ein glckliches Neujahr!

Guten Nachmittag! sagte Scrooge.

Aber doch verlie der Neffe das Zimmer ohne ein bses Wort. An der
Hausthr blieb er noch stehen, um mit dem Glckwunsche des Tages den
Diener zu begren, der bei aller Klte doch noch wrmer als Scrooge
war, denn er gab den Gru freundlich zurck.

Das ist auch so ein Kerl, brummte Scrooge, der es hrte. Mein Diener,
mit fnfzehn Schilling die Woche und Frau und Kindern, spricht von
frhlichen Weihnachten. Ich gehe nach Bedlam.

Der Diener hatte, indem er den Neffen hinauslie, zwei andere Personen
eingelassen. Es waren zwei behbige, wohlansehnliche Herren, die jetzt,
den Hut in der Hand, in Scrooges Comptoir standen. Sie hatten Bcher und
Papiere in der Hand und verbeugten sich.

Scrooge und Marley, glaube ich, sagte einer der Herren, indem er auf
seine Liste sah. Hab' ich die Ehre, mit Mr. Scrooge oder mit Mr. Marley
zu sprechen?

Mr. Marley ist seit sieben Jahren tot, antwortete Scrooge. Er starb
heute vor sieben Jahren.

Wir zweifeln nicht, da sein berlebender Compagnon ganz seine
Freigebigkeit besitzen wird, sagte der Herr, indem er sein
Beglaubigungsschreiben hinreichte.

Er hatte auch ganz recht, denn es waren zwei verwandte Seelen gewesen.
Bei dem ominsen Wort Freigebigkeit runzelte Scrooge die Stirn,
schttelte den Kopf und gab das Papier zurck.

An diesem festlichen Tage des Jahres, Mr. Scrooge, sagte der Herr,
eine Feder ergreifend, ist es mehr als gewhnlich wnschenswert,
einigermaen wenigstens fr die Armut zu sorgen, die zu dieser Zeit in
groer Bedrngnis ist. Vielen Tausenden fehlen selbst die notwendigsten
Bedrfnisse, Hunderttausenden die notdrftigsten Bequemlichkeiten des
Lebens.

Giebt es keine Gefngnisse? fragte Scrooge.

Ueberflu von Gefngnissen, sagte der Herr, die Feder wieder
hinlegend.

Und die Union-Armenhuser? fragte Scrooge. Bestehen sie noch?

Allerdings. Aber doch, antwortete der Herr, wnschte ich, sie
brauchten weniger in Anspruch genommen zu werden.

Tretmhle und Armengesetz sind in voller Kraft, sagte Scrooge.

Beide haben alle Hnde voll zu thun.

So? Nach dem, was Sie zuerst sagten, frchtete ich, es halte sie etwas
in ihrem ntzlichen Laufe auf, sagte Scrooge. Ich freue mich, das zu
hren.

In der Ueberzeugung, da sie doch wohl kaum fhig sind, der Seele oder
dem Leib der Armen christliche Strkung zu geben, antwortete der Herr,
sind einige von uns zur Veranstaltung einer Sammlung zusammengetreten,
um fr die Armen Nahrungsmittel und Feuerung anzuschaffen. Wir whlen
diese Zeit, weil sie vor allen andern eine Zeit ist, wo der Mangel am
bittersten gefhlt wird und der Reiche sich freut. Welche Summe soll ich
fr Sie aufschreiben?

Nichts, antwortete Scrooge.

Sie wnschen ungenannt zu bleiben?

Ich wnsche, da man mich zufrieden lasse, sagte Scrooge. Da Sie mich
fragen, was ich wnsche, meine Herren, so ist das meine Antwort. Ich
freue mich selbst nicht zu Weihnachten und habe nicht die Mittel, mit
meinem Gelde Faulenzern Freude zu machen. Ich trage meinen Teil zu den
Anstalten bei, die ich genannt habe; sie kosten genug, und wem es
schlecht geht, der mag dorthin gehen!

Viele knnen nicht hingehen und viele wrden lieber sterben.

Wenn sie lieber sterben wrden, sagte Scrooge, so wre es gut, wenn
sie es thten, und die berflssige Bevlkerung verminderten. Uebrigens,
Sie werden mich entschuldigen, wei ich nichts davon.

Aber Sie knnten es wissen, bemerkte der Herr.

Es geht mich nichts an, antwortete Scrooge. Es gengt, wenn ein Mann
sein eigenes Geschft versteht und sich nicht in das anderer Leute
mischt. Das meinige nimmt meine ganze Zeit in Anspruch. Guten
Nachmittag, meine Herren!

Da sie deutlich sahen, wie vergeblich weitere Versuche sein wrden,
zogen sich die Herren zurck. Scrooge setzte sich wieder mit einer
erhhten Meinung von sich selbst und in einer besseren Laune, als
gewhnlich, an die Arbeit.

Unterdessen hatten Nebel und Finsternis so zugenommen, da Leute mit
brennenden Fackeln herumliefen, um den Wagen vorzuleuchten. Der
Kirchturm, dessen brummende alte Glocke immer aus einem alten gotischen
Fenster in der Mauer gar schlau auf Scrooge herabsah, wurde unsichtbar
und schlug die Stunden und Viertel in den Wolken mit einem zitternden
Nachklang, als wenn in dem erfrorenen Knopf droben die Zhne klapperten.
Die Klte wurde immer schneidender. In der Hauptstrae an der Ecke der
Sackgasse wurden die Gasrhren ausgebessert und die Arbeiter hatten ein
groes Feuer in einer Kohlenpfanne angezndet, um welche sich einige
zerlumpte Mnner und Knaben drngten, sich die Hnde wrmend und mit den
Augen blinzelnd vor der behaglichen Flamme. Die Wasserrhre, sich selbst
berlassen, strmte ungehindert ihr Wasser aus; aber bald war es zu Eis
erstarrt. Der Schimmer der Lden, in denen Stecheichenzweige und Beeren
in der Lampenwrme der Fenster knisterten, rtete die bleichen Gesichter
der Vorbergehenden. Die Gewlbe der Geflgel- und Materialwarenhndler
sahen aus wie ein glnzendes, frhliches Mrchen, mit dem es fast
unmglich schien, den Gedanken von einer so ernsten Sache, wie Kauf und
Verkauf, zu verbinden. Der Lord Mayor gab in den innern Gemchern des
Mansion-House seinen fnfzig Kchen und Kellermeistern Befehl,
Weihnachten zu feiern, wie es eines Lord Mayors wrdig ist, und selbst
der kleine Schneider, den er am Montage vorher wegen Trunkenheit und
ffentlich ausgesprochenen Blutdurstes um fnf Schilling gestraft hatte,
rhrte den morgenden Pudding in seinem Dachkmmerchen um, whrend sein
abgemagertes Weib mit dem Sugling auf dem Arm ausging, um den
Rinderbraten zu kaufen.

Immer nebeliger und klter wurde es, durchdringend, schneidend kalt.
Wenn der gute, heilige Dunstan des Gottseibeiuns Nase nur mit einem
Hauch von diesem Wetter gefat htte, anstatt seine gewhnlichen Waffen
zu brauchen, dann wrde er erst recht gebrllt haben. Der Inhaber einer
kleinen, jungen Nase, benagt und angebissen von der hungrigen Klte, wie
Knochen von Hunden benagt werden, legte sich an Scrooges Schlsselloch,
um ihn mit einem Weihnachtslied zu erfreuen. Aber bei dem ersten Tone
des Liedes ergriff Scrooge das Lineal mit einer solchen Energie, da der
Snger voll Schrecken entfloh und das Schlsselloch dem Nebel und der
noch verwandteren Klte berlie.

Endlich kam die Feierabendstunde. Unwillig stieg Scrooge von seinem
Sessel und gab dem harrenden Diener in dem Verlie stillschweigend die
Einwilligung, worauf dieser sogleich das Licht auslschte und den Hut
aufsetzte.

Sie wollen den ganzen Tag morgen haben, vermute ich, sagte Scrooge.

Wenn es Ihnen pat, Sir.

Es pat mir nicht, sagte Scrooge, und es gehrt sich nicht. Wenn ich
Ihnen eine halbe Krone dafr abzge, wrden Sie denken, es geschhe
Ihnen unrecht, nicht?

Der Diener antwortete mit einem gezwungenen Lcheln.

Und doch, sagte Scrooge, denken Sie nicht daran, da mir unrecht
geschieht, wenn ich einen Tag Lohn fr einen Tag Faulenzen bezahle.

Der Diener bemerkte, da es nur einmal im Jahre geschhe.

Eine armselige Entschuldigung, um an jedem fnfundzwanzigsten Dezember
eines Mannes Tasche zu bestehlen, sagte Scrooge, indem er seinen
Ueberrock bis an das Kinn zuknpfte. Aber ich vermute, Sie wollen den
ganzen Tag frei haben. Sie werden den ganzen Vormittag hier sein.

Der Diener versprach, da er kommen wolle und Scrooge ging mit einem
Brummen fort. Das Comptoir war in einem Nu geschlossen und der Diener,
die langen Enden seines weien Shawls ber die Brust herabhngend (denn
er konnte sich keines Ueberrocks rhmen), fuhr zu Ehren des Festes als
der Letzte einer Reihe von Knaben zwanzigmal auf einer Glander Cornhill
hinunter und lief dann so schnell als mglich in seine Wohnung in
Camden-Town, um dort Blindekuh zu spielen.

Scrooge nahm sein einsames, trbseliges Mahl in seinem gewhnlichen
einsamen, trbseligen Gasthause ein; und nachdem er alle Zeitungen
gelesen und sich den Rest des Abends mit seinem Bankjournal vertrieben
hatte, ging er nach Haus schlafen. Er wohnte in den Zimmern, welche
seinem verstorbenen Compagnon gehrt hatten. Es war eine dstere Reihe
von Zimmern in einem niedrigen, finstern Gebude in einem Hofe, wo es so
wenig an seinem Platze stand, da man fast htte glauben mgen, es habe
sich dorthin verlaufen, als es noch ein junges Haus war und mit andern
Husern Versteckens spielte, und sich nicht wieder herausfinden knnen.
Es war jetzt alt und de genug, denn niemand wohnte dort, auer Scrooge,
da die andern Rume alle als Geschftslokale vermietet waren. Der Hof
war so dunkel, da selbst Scrooge, der jeden Stein desselben kannte,
seinen Weg mit den Hnden fhlen mute. Der Nebel und der Frost hing so
dick und schwer um den schwarzen alten Thorweg des Hauses, als ob der
Genius des Wetters in trauerndem Nachsinnen auf der Schwelle se.

Nun ist es ausgemacht, da an dem Klopfer der Hausthr ganz und gar
nichts Besonderes war, als seine Gre. Auch ist es ausgemacht, da
Scrooge ihn jeden Abend und jeden Morgen, seitdem er das Haus bewohnte,
gesehen hatte, und da Scrooge so wenig Phantasie besa als irgend
jemand in der City von London, mit Einschlu -- wenn es erlaubt ist, das
zu sagen -- des Stadtrats, der Aldermen und der Znfte. Man vergesse
auch nicht, da Scrooge, auer heute Nachmittag, mit keinem Wrtchen an
seinen seit sieben Jahren verstorbenen Compagnon gedacht hatte. Und nun
soll mir jemand erklren, warum Scrooge, als er seinen Schlssel in das
Thrschlo steckte, in dem Klopfer, ohne da er sich verndert htte,
keinen Thrklopfer, sondern Marleys Gesicht sah.

Ja, Marleys Gesicht. Es war nicht von so undurchdringlichem Dunkel
umgeben, wie die andern Gegenstnde im Hofe, sondern von einem
unheimlichen Lichte, wie eine verdorbene Hummer in einem dunklen Keller.
Er blickte ihm nicht wild oder zrnend entgegen, sondern sah Scrooge an,
wie ihn Marley gewhnlich ansah: mit der gespenstischen Brille auf die
gespenstische Stirn hinauf geschoben. Das Haar stand seltsam in die
Hhe, wie von Wind oder heier Luft gehoben; und obgleich die Augen weit
offen standen, waren sie doch ohne alle Bewegung. Das und die
leichenhafte Farbe machten das Gesicht schrecklich; aber seine
Schrecklichkeit schien mehr, auerhalb des Gesichts und nicht in seiner
Macht, als ein Teil seines Ausdrucks zu sein.

Als Scrooge fest auf die Erscheinung blickte, war es wieder ein
Thrklopfer.

Zu sagen, er wre nicht erschrocken, oder sein Blut htte nicht ein
grausendes Gefhl empfunden, das ihm seit seiner Kindheit unbekannt
geblieben war, wre eine Unwahrheit. Aber er fate sich gewaltsam, legte
die Hand wieder auf den Schlssel, drehte ihn um, trat in das Haus, und
zndete sein Licht an.

Aber doch zgerte er einen Augenblick, ehe er die Thr schlo, und er
guckte erst vorsichtig dahinter, als frchte er wirklich, mit dem
Anblick von Marleys Zopf erschreckt zu werden. Aber hinter der Thr war
nichts, als die Schrauben, welche den Klopfer fest hielten; und so sagte
er: Bah, bah! und warf sie zu.

Der Schall klang durch das Haus wie ein Donner. Jedes Zimmer oben, und
jedes Fa in des Weinhndlers Keller unten schien mit seinem besondern
Echo zu antworten. Scrooge war nicht der Mann, der sich durch Echos
erschrecken lie. Er schlo die Thr zu, ging ber die Hausflur und die
Treppe hinauf, und zwar langsam, und das Licht heller machend, whrend
er hinaufging.

Die Treppe war breit genug, um eine Bahre der Quere hinaufzubringen, und
das ist vielleicht die Ursache, warum Scrooge glaubte, er she vor sich
eine Bahre sich hinaufbewegen. Ein halbes Dutzend Gaslampen von der
Strae aus wrden den Eingang nicht zu hell gemacht haben, und so kann
man sich denken, da es bei Scrooges kleinem Lichte ziemlich dunkel
blieb.

Scrooge aber ging hinauf und kmmerte sich keinen Pfifferling darum.
Dunkelheit ist billig, und das hatte Scrooge gern. Aber ehe er seine
schwere Thr zumachte, ging er durch die Zimmer, um zu sehen, ob alles
in Ordnung sei. Er erinnerte sich des Gesichtes noch gerade genug um das
zu wnschen.

Wohnzimmer, Schlafzimmer, Gertkammer, alles war, wie es sein sollte.
Niemand unter dem Tische, niemand unter dem Sofa; ein kleines Feuer auf
dem Rost, Lffel und Teller bereit und das kleine Tpfchen Suppe
(Scrooge hatte den Schnupfen) an dem Feuer. Niemand unter dem Bett,
niemand in dem Alkoven, niemand in seinem Schlafrock, der auf eine ganz
verdchtige Weise an der Wand hing. Die Gertkammer wie gewhnlich. Ein
alter Kaminschirm, alte Schuhe, zwei Fischkrbe, ein dreibeiniger
Waschtisch und ein Schreisen.

Vollkommen zufriedengestellt machte er die Thr zu und schlo sich ein
und riegelte noch zu, was sonst seine Gewohnheit nicht war. So gegen
Ueberraschung sichergestellt, legte er seine Halsbinde ab, zog seinen
Schlafrock und die Pantoffeln an, setzte die Nachtmtze auf und setzte
sich so vor das Feuer, um seine Suppe zu essen.

Es war wirklich ein sehr kleines Feuer, so gut wie gar keins in einer so
kalten Nacht. Er mute sich dicht daran setzen und sich darber
hinbeugen, um das geringste Wrmegefhl von einer solchen Handvoll
Kohlen zu genieen. Der Kamin war vor langen Jahren von einem
hollndischen Kaufmann gebaut worden und ringsum mit seltsamen
hollndischen Fliesen mit biblischen Bildern belegt. Da sah man Kain und
Abel, Pharaos Tchter, Kniginnen von Saba, Engel durch die Luft auf
Wolken gleich Federbetten herabschwebend, Abraham, Belsazar, Apostel in
See gehend auf Butterschiffen, Hunderte von Figuren, seine Gedanken zu
beschftigen; und doch kam das Gesicht Marleys wie der Stab des alten
Propheten, und verschlang alles andere. Wenn jedes glnzende Flies wei
gewesen wre und die Macht gehabt htte, aus den vereinzelten Fragmenten
seiner Gedanken ein Bild auf seine Flche zu zaubern, auf jedem wre ein
Abbild von des alten Marleys Gesicht erschienen.

Dummes Zeug! sagte Scrooge und schritt durch das Zimmer.

Nachdem er einigemal auf und ab gegangen war, setzte er sich wieder
nieder. Wie er den Kopf in den Stuhl zurcklegte, fiel sein Auge wie von
ungefhr auf eine Klingel, eine alte, nicht mehr gebrauchte Klingel,
welche zu einem jetzt vergessenen Zweck mit einem Zimmer in dem obersten
Stockwerk des Hauses in Verbindung stand. Zu seinem groen Erstaunen und
mit einem seltsamen unerklrlichen Schauer sah er, wie die Klingel
anfing sich zu bewegen; erst bewegte sie sich so wenig, da sie kaum
einen Ton von sich gab; aber bald schellte sie laut und mit ihr jede
Klingel des Hauses.

Das mochte eine halbe Minute oder eine Minute gedauert haben, aber es
schien eine Stunde zu sein. Die Klingeln hrten gleichzeitig auf, wie
sie gleichzeitig angefangen hatten. Dann vernahm man ein Klirren, tief
unten, als ob jemand eine schwere Kette ber die Fsser in des
Weinhndlers Keller schleppe. Jetzt erinnerte sich Scrooge gehrt zu
haben, da Gespenster Ketten schleppen sollten.

Die Kellerthr flog mit einem dumpfdrhnenden Schall auf und dann hrte
er das Klirren viel lauter auf der Hausflur unten; dann wie es die
Treppe herauf kam; und dann wie es gerade auf seine Thr zukam.

's ist dummes Zeug, sagte Scrooge. Ich glaube nicht dran.

Aber doch vernderte er die Farbe, als es, ohne zu verweilen, durch die
schwere Thr und in das Zimmer kam. Als es herein trat, flammte das
sterbende Feuer auf, als ob es riefe, ich kenne ihn, Marleys Geist! und
sank wieder zusammen.

Dasselbe Gesicht, ganz dasselbe. Marley mit seinem Zopf, seiner
gewhnlichen Weste, den engen Hosen und hohen Stiefeln; die Quasten der
letztern standen zu Berge, wie sein Zopf und seine Rocksche und das
Haar auf seinem Kopfe. Die Kette, welche er hinter sich her schleppte,
war um seinen Leib geschlungen. Sie war lang und ringelte sich wie ein
Schwanz; und war, denn Scrooge betrachtete sie sehr genau, aus
Geldkassen, Schlsseln, Schlssern, Hauptbchern, Kontrakten und
schweren Brsen aus Stahl zusammengesetzt. Sein Leib war durchsichtig,
so da Scrooge durch die Weste hindurch die zwei Knpfe hinten auf
seinem Rock sehen konnte.

Scrooge hatte oft sagen gehrt, Marley habe kein Herz im Leibe, aber er
glaubte es erst jetzt.

Nein, er glaubte es selbst jetzt noch nicht. Obgleich er das Gespenst
durch und durch und vor sich stehen sah; obgleich er den kltenden
Schauer seiner totenstarren Augen fhlte und selbst den Stoff des Tuches
erkannte, welches um seinen Kopf und sein Kinn gebunden war und das er
frher nicht bemerkt hatte, war er doch noch unglubig und strubte
sich gegen das Zeugnis seiner Sinne.

Nun, sagte Scrooge, kaustisch und kalt wie gewhnlich, was wollt
Ihr?

Viel! Das war Marleys Stimme.

Wer seid Ihr?

Fragt mich, wer ich _war_.

Nun, wer waret Ihr? sagte Scrooge lauter.

Als ich lebte, war ich Euer Compagnon, Jakob Marley.

Knnt Ihr Euch setzen? fragte Scrooge, ihn zweifelnd ansehend.

Ich kann es.

So thut's.

Scrooge that die Fragen, weil er nicht wute, ob ein so durchsichtiger
Geist sich werde setzen knnen, und fhlte die Notwendigkeit einer
unangenehmen Erklrung, wenn es ihm nicht mglich wre. Aber der Geist
setzte sich auf der andern Seite des Kamins nieder, als wenn er es
gewohnt wre.

Ihr glaubt nicht an mich? sagte der Geist.

Nein, sagte Scrooge.

Welches Zeugnis wollt Ihr, auer dem Eurer Sinne, von meiner
Wirklichkeit haben?

Ich wei nicht, sagte Scrooge.

Warum glaubt Ihr Euren Sinnen nicht?

Weil sie eine Kleinigkeit strt, sagte Scrooge. Eine kleine
Unplichkeit des Magens macht sie zu Lgnern. Ihr knnt ein unverdautes
Stck Rindfleisch, ein Kserindchen, ein Stckchen schlechter Kartoffel
sein. Wer Ihr auch sein mgt, Ihr habt mehr vom Unterleib, als von der
Unterwelt an Euch.

Es war nicht eben Scrooges Gewohnheit, Witze zu machen, auch fhlte er
eben jetzt keine besondere Lust dazu. Die Wahrheit ist, da er sich
bestrebte lustig zu sein, um sich zu zerstreuen und sein Entsetzen
niederzuhalten; denn die Stimme des Geistes machte selbst das Mark
seiner Knochen erzittern.

Nur einen Augenblick schweigend diesen starren, toten Augen gegenber zu
sitzen, wre halber Tod gewesen, das fhlte Scrooge wohl. Auch war es so
grauenerregend, da das Gespenst seine eigene hllische Atmosphre
hatte. Scrooge fhlte sie nicht selbst, aber doch mute es so sein; denn
obgleich das Gespenst ganz regungslos dasa, bewegten sich seine Haare,
seine Rocksche und seine Stiefelquasten wie von dem heien Dunst eines
Ofens.

Ihr seht diesen Zahnstocher, sagte Scrooge, aus dem eben angefhrten
Grunde seinen Angriff sogleich wieder beginnend und von dem Wunsche
beseelt, wenn auch nur fr einen Augenblick den starren, eisigen Blick
des Gespenstes von sich abzuwenden.

Ja, antwortete der Geist.

Ihr seht ihn ja nicht an, sagte Scrooge.

Aber ich sehe ihn doch, sagte das Gespenst.

Gut, erwiderte Scrooge. Ich brauche ihn nur hinunterzuschlucken und
mein ganzes briges Leben hindurch verfolgen mich eine Legion Kobolde,
die ich selbst erschaffen habe. Dummes Zeug, sag' ich, dummes Zeug!

Bei diesen Worten stie das Gespenst einen schrecklichen Schrei aus und
lie seine Kette so grauenerregend und frchterlich klirren, da Scrooge
sich fest an seinen Stuhl halten mute, um nicht in Ohnmacht
herunterzufallen. Aber wie wuchs sein Entsetzen, als das Gespenst das
Tuch von dem Kopf nahm, als wre es ihm zu warm im Zimmer, und die
Unterkinnlade auf die Brust herabsank.

Scrooge fiel auf die Kniee nieder und schlug die Hnde vors Gesicht.

Gnade! rief er. Schreckliche Erscheinung, warum verfolgst du mich?

Mensch mit der irdisch gesinnten Seele, entgegnete der Geist, glaubst
du an mich, oder nicht?

Ich glaube, sagte Scrooge, ich mu glauben. Aber warum wandeln
Geister auf Erden und warum kommen sie zu mir?

Von jedem Menschen wird es verlangt, antwortete der Geist, da seine
Seele unter seinen Mitmenschen wandle, in der Ferne und in der Nhe; und
wenn dieser Geist nicht whrend des Lebens hinausgeht, so ist er
verdammt, es nach dem Tode zu thun. Er ist verdammt, durch die Welt zu
wandern -- ach, wehe mir -- und zu sehen, was er nicht teilen kann, was
er aber auf Erden htte teilen und zu seinem Glck anwenden knnen.

Und wieder stie das Gespenst einen Schrei aus und schttelte seine
Ketten und rang die schattenhaften Hnde.

Du bist gefesselt, sagte Scrooge zitternd. Sage mir, warum?

Ich trage die Kette, die ich whrend meines Lebens geschmiedet habe,
sagte der Geist. Ich schmiedete sie Glied nach Glied und Elle nach
Elle; mit meinem eigenen freien Willen lud ich sie mir auf und mit
meinem eigenen freien Willen trug ich sie. Ihre Glieder kommen dir
seltsam vor.

Scrooge zitterte mehr und mehr.

Oder willst du wissen, fuhr der Geist fort, wie schwer und wie lang
die Kette ist, die du selbst trgst? Sie war gerade so lang und so
schwer, wie diese hier, vor sieben Weihnachten. Seitdem hast du daran
gearbeitet. Es ist eine schwere Kette.

Scrooge sah auf den Boden herab, in der Erwartung, von fnfzig oder
sechzig Klaftern Eisenketten sich umschlungen zu sehen; aber er sah
nichts.

Jakob, sagte er flehend. Jakob Marley, sage mir mehr. Sprich mir
Trost ein, Jakob.

Ich habe keinen Trost zu geben, antwortete der Geist. Er kommt von
anderen Regionen, Ebenezer Scrooge, und wird von andern Boten zu andern
Menschen gebracht. Auch kann ich dir nicht sagen, was ich dir sagen
mchte. Ein klein wenig mehr ist alles, was mir erlaubt ist. Nirgendwo
kann ich rasten oder ruhen. Mein Geist ging nie ber unser Comptoir
hinaus -- merke wohl auf -- im Leben blieb mein Geist immer in den engen
Grenzen unsrer schachernden Hhle; und weite Reisen liegen noch vor
mir.

Scrooge hatte die Gewohnheit, wenn er nachdenklich wurde, die Hand in
die Hosentasche zu stecken. Ueber das, was der Geist sagte, nachsinnend,
that er es auch jetzt, aber ohne die Augen zu erheben, oder vom Stuhl
aufzustehen.

Du mut dir aber viel Zeit genommen haben, Jakob, bemerkte er mit dem
Tone eines Geschftsmannes, obgleich mit vieler Demut und Ehrerbietung.

Viel Zeit! sagte der Geist.

Sieben Jahre tot, sagte sinnend Scrooge. Und die ganze Zeit ber
gereist.

Die ganze Zeit, sagte der Geist. Ohne Frieden, ohne Ruhe und mit den
Qualen ewiger Reue.

Du reisest schnell, sagte Scrooge.

Auf den Schwingen des Windes, sagte der Geist.

Du httest eine groe Strecke in sieben Jahren bereisen knnen, sagte
Scrooge.

Als der Geist dies hrte, stie er wieder einen Schrei aus und klirrte
so grlich mit seiner Kette durch das Grabesschweigen der Nacht, da
ihn die Polizei mit vollem Rechte wegen Ruhestrung htte bestrafen
knnen.

O, gefangen und gefesselt, rief das Gespenst, nicht zu wissen, da
Zeitalter von unaufhrlicher Arbeit sterblicher Geschpfe vergehen, ehe
das Gute, dessen die Erde fhig ist, sich entwickeln kann; nicht zu
wissen, da ein christlicher Geist, und wenn er auch in einem noch so
kleinen Kreise von Liebe wirkt, in diesem Erdenleben sich selbst
belohnende Arbeit genug finden kann! Aber ich wute es nicht, ach, ich
wute es nicht!

Aber du warst immer ein guter Geschftsmann, Jakob, stotterte Scrooge
zitternd, der jetzt anfing, das Schicksal des Geistes auf sich selbst
anzuwenden.

Geschft! rief das Gespenst, seine Hnde abermals ringend. Der Mensch
war mein Geschft. Das allgemeine Wohlsein war mein Geschft;
Barmherzigkeit, Vershnlichkeit und Liebe, alles das war mein Geschft.
Alles, was ich in meinem Gewerbe that, war nur ein kleiner Tropfen
Wasser in dem weiten Ocean meines Geschftes.

Er hielt seine Kette vor sich hin, als ob dies die Ursache seines
nutzlosen Schmerzes gewesen wre, und warf sie wieder drhnend nieder.

Zu dieser Zeit des schwindenden Jahres, sagte das Gespenst, leide ich
am meisten. Warum ging ich mit zur Erde blickenden Augen durch das
Gedrnge meiner Mitmenschen und wendete meinen Blick nie zu dem
gesegneten Stern empor, der die Weisen zur Wohnung der Armut fhrte? Gab
es keine arme Htte, wohin mich sein Licht htte leiten knnen?

Scrooge hrte mit Entsetzen das Gespenst so reden und fing an gar sehr
zu zittern.

Hre mich, rief der Geist. Meine Zeit ist fast vorber.

Ich will hren, sagte Scrooge. Aber mache es gndig mit mir! Werde
nicht hitzig, Jakob, ich bitte dich.

Wie es kommt, da ich vor dich in einer dir sichtbaren Gestalt treten
kann, wei ich nicht. Viele, viele Tage habe ich unsichtbar neben dir
gesessen.

Das war kein angenehmer Gedanke. Scrooge schauderte und wischte sich den
Schwei von der Stirn.

Es ist kein leichter Teil meiner Bue, fuhr der Geist fort. Heute
Nacht komme ich zu dir, um dich zu warnen, da noch fr dich eine
Mglichkeit vorhanden ist, meinem Schicksal zu entgehen. Eine
Mglichkeit und eine Hoffnung, die du mir zu verdanken hast.

Du bist immer mein guter Freund gewesen, sagte Scrooge. Ich danke
dir.

Drei Geister, fuhr das Gespenst fort, werden zu dir kommen. Bei
diesen Worten wurde Scrooges Angesicht noch trauriger als das des
Gespenstes.

Ist das die Mglichkeit und die Hoffnung, die du genannt hast, Jakob?
fragte er mit bebender Stimme.

Ja.

Ich -- ich sollte meinen, das wre eben keine Hoffnung, sagte Scrooge.

Ohne ihr Kommen, sagte der Geist, kannst du nicht hoffen, den Pfad zu
vermeiden, den ich verfolgen mu. Erwarte den ersten morgen frh, wenn
die Glocke Eins schlgt.

Knnte ich sie nicht alle auf einen Schluck nehmen? meinte Scrooge.

Erwarte den zweiten in der nchsten Nacht um dieselbe Stunde. Den
dritten in der nchsten Nacht, wenn der letzte Schlag Zwlf ausgeklungen
hat. Schau mich an, denn du siehst mich nicht mehr; und schau mich an,
da du dich, um deinetwillen an das erinnerst, was zwischen uns
geschehen ist.

Als es diese Worte gesprochen hatte, nahm das Gespenst das Tuch von dem
Tische und band es sich wieder um den Kopf. Scrooge erfuhr das durch das
Knirschen der Zhne, als die Kinnladen zusammen klappten. Er wagte es,
die Augen zu erheben und erblickte seinen bernatrlichen Besuch vor
sich stehen, die Augen noch starr auf ihn geheftet, und die Kette um den
Leib und den Arm gewunden.

Die Erscheinung entfernte sich rckwrtsgehend; und bei jedem Schritt
ffnete sich das Fenster ein wenig, so da, als das Gespenst es
erreichte, es weit offen stand. Es winkte Scrooge nher zu kommen, was
er that. Als sie noch zwei Schritte voneinander entfernt waren, hob
Marleys Geist die Hand in die Hhe, ihm gebietend, nicht nher zu
kommen. Scrooge stand still.

Weniger aus Gehorsam, als aus Ueberraschung und Furcht: denn wie sich
die gespenstische Hand erhob, hrte er verwirrte Klnge durch die Luft
schwirren und unzusammenhngende Tne des Klagens und des Leides,
unsagbar, schmerzensvoll und reuig. Das Gespenst horchte ihnen eine
Weile zu und stimmte dann in das Klagelied ein; dann schwebte es in die
dunkle Nacht hinaus.

Scrooge trat an das Fenster, von der Neugier bis zur Verzweiflung
getrieben. Er sah hinaus.

Die Luft war mit Schatten angefllt, welche in ruheloser Hast und
klagend hin und her schwebten. Jeder trug eine Kette, wie Marleys Geist;
einige wenige waren zusammengeschmiedet (wahrscheinlich schuldige
Ministerien), keines war ganz fessellos. Viele waren Scrooge whrend
ihres Lebens bekannt gewesen. Ganz genau hatte er einen alten Geist in
einer weien Weste gekannt, welcher einen ungeheuren eisernen Geldkasten
hinter sich herschleppte und jmmerlich schrie, einem armen, alten Weibe
mit einem Kinde nicht beistehen zu knnen, welches unten auf einer
Thrschwelle sa. Man sah es klar, ihre Pein war, sich umsonst bestreben
zu mssen, den Menschen Gutes zu thun und die Macht dazu auf immer
verloren zu haben.

Ob diese Wesen in dem Nebel zergingen, oder ob sie der Nebel einhllte,
wute er nicht zu sagen. Aber sie und ihre Gespensterstimmen vergingen
zu gleicher Zeit und die Nacht wurde wieder so, wie sie bei seinem
Nachhausegehen gewesen war.

Scrooge schlo das Fenster und untersuchte die Thr, durch welche das
Gespenst hereingekommen war. Sie war noch verschlossen und verriegelt,
wie vorher. Er versuchte zu sagen: dummes Zeug, aber blieb bei der
ersten Silbe stecken, und da er von der innern Bewegung, oder von den
Anstrengungen des Tages, oder von seinem Einblick in die unsichtbare
Welt, oder der Unterhaltung mit dem Gespenst, oder der spten Stunde
sehr erschpft worden war, ging er sogleich zu Bett, ohne sich
auszuziehen, und sank bald in Schlaf.




Zweites Kapitel.

Der erste der drei Geister.


Als Scrooge wieder aufwachte, war es so finster, da er kaum das
durchsichtige Fenster von den Wnden seines Zimmers unterscheiden
konnte. Er bemhte sich, die Finsternis mit seinen Katzenaugen zu
durchdringen, als die Glocke eines Turmes in der Nachbarschaft
viertelte. Er lauschte, um die Stunde schlagen zu hren. Zu seinem
groen Erstaunen schlug die Glocke fort, von sechs zu sieben, und von
sieben zu acht und so weiter bis zwlf; dann schwieg sie.

Zwlf! Es war Zwei vorber gewesen, als er sich zu Bett gelegt hatte.
Das Uhrwerk mute falsch gehen. Ein Eiszapfen mute zwischen die Rder
gekommen sein. Zwlf!

Er drckte an die Feder seiner Repetieruhr, um der verrckten Glocke
nachzuhelfen. Ihr kleiner, lebendiger Puls schlug Zwlf, und schwieg.

Was! es ist doch nicht mglich, sagte Scrooge, ich sollte den ganzen
Tag und tief in die andere Nacht geschlafen haben? Es ist doch nicht
mglich, da der Sonne etwas passiert und da es mittags um Zwlf ist.

Mit diesem unruhigen Gedanken beschftigt, stieg er aus dem Bett und
tappte bis an das Fenster. Er mute das Eis erst wegkratzen und das
Fenster mit dem Aermel seines Schlafrockes abwischen, ehe er etwas sehen
konnte; und auch hernach konnte er nur sehr wenig sehen. Alles, was er
gewahren konnte, war, da es noch sehr nebelig und sehr kalt war, und
da man nicht den Lrm hin und her eilender Leute hrte, der doch gewi
stattgefunden htte, wenn Nacht den hellen Tag vertrieben und selbst
Besitz von der Welt genommen htte. Das war ein groer Trost, weil drei
Tage nach Sicht bezahlen Sie diesen Primawechsel an Mr. Ebenezer Scrooge
oder dessen Order u.s.w. eine bloe Vereinigte Staaten-Sicherheit
gewesen wre, wenn es keine Tage mehr gab, um danach zu zhlen.

Scrooge legte sich wieder ins Bett und dachte darber hin und her,
konnte aber zu keinem Schlusse kommen. Je mehr er nachdachte, desto
verwirrter wurde er; und je mehr er sich bestrebte, nicht nachzudenken,
desto mehr dachte er nach. Marleys Geist machte ihm viel zu schaffen.
Allemal wenn er nach reiflicher Ueberlegung zu dem festen Entschlu
gekommen war, das Ganze nur fr einen Traum zu halten, flog sein Geist
wie eine starke vom Druck befreite Feder wieder in die alte Lage zurck
und legte ihm dieselbe Frage wieder vor, die er schon zehnmal berlegt
hatte: War es ein Traum oder nicht?

Scrooge blieb in diesem Zustande liegen, bis es wieder drei Viertel
schlug. Da besann er sich pltzlich, da der Geist ihm eine Erscheinung
mit dem Schlage Eins versprochen hatte. So beschlo er wach zu bleiben,
bis die Stunde vorber sei; und wenn man bedenkt, da er eben so wenig
schlafen, als in den Himmel kommen konnte, war dies gewi der klgste
Entschlu, den er fassen konnte.

Die Viertelstunde war so lang, da es ihm mehr als einmal vorkam, er
mte unversehens in Schlaf gefallen sein und die Uhr berhrt haben.
Endlich vernahm sein lauschendes Ohr die Glocke.

Bim, baum!

Ein Viertel, sagte Scrooge zhlend.

Bim, baum!

Halb, sagte Scrooge.

Bim, baum!

Drei Viertel, sagte Scrooge.

Bim, baum!

Voll! rief Scrooge freudig, und weiter nichts!

Er sprach das, ehe die Stundenglocke schlug, was sie jetzt mit einem
tiefen, hohlen, melancholischen Eins that. In demselben Augenblicke
wurde es hell in dem Zimmer und die Vorhnge seines Bettes wurden
geffnet.

Ich sag' es euch, die Vorhnge seines Bettes wurden von einer Hand
weggezogen; nicht die Vorhnge ihm zu Fen, nicht die Vorhnge hinter
seinem Rcken, sondern die Vorhnge, gegen die sich sein Gesicht kehrte,
die Vorhnge wurden weggezogen; und Scrooge, sich aufrichtend, blickte
dem unirdischen Gast in das Gesicht, der sie geffnet hatte; so dicht
stand er ihm gegenber, wie ich jetzt im Geiste neben euch stehe.

Es war eine wunderbare Gestalt, gleich einem Kinde; aber doch eigentlich
nicht gleich einem Kinde, sondern mehr wie ein Greis, der durch einen
wunderbaren Zauber erschien, als sei er dem Auge entrckt und auf diese
Weise so klein geworden wie ein Kind. Sein Haar, welches in langen
Locken auf seine Schultern herabwallte, war wei, wie vom Alter; aber
doch hatte das Gesicht keine einzige Runzel und um das Kinn bemerkte man
den zartesten Flaum. Die Arme waren lang und muskuls; die Hnde ebenso,
als liege eine ungeheure Kraft in ihnen. Seine Fe, zart und fein
geformt, waren, wie die Arme, entblt. Der Geist trug eine Tunika vom
reinsten Wei; und um seinen Leib schlang sich ein Grtel von
wunderbarem Schimmer. Er hielt einen frisch-grnen Stecheichenzweig in
der Hand; aber in seltsamem Widerspruch mit diesem Zeichen des Winters
war das Kleid mit Sommerblumen verziert. Das Wunderbarste aber war, da
aus der Krone auf seinem Haupte ein heller Lichtstrahl in die Hhe
scho, welcher alles rings erleuchtete, und welcher gewi die Ursache
war, da der Geist bei weniger guter Laune einen groen Lichtauslscher,
den er jetzt unter dem Arme trug, als Mtze aufsetzte.

Aber selbst dies war nicht seine seltsamste Eigenschaft. Denn wie der
Grtel des Geistes jetzt an dieser Stelle glnzte und funkelte und jetzt
an jener, und wie das, was im Augenblick hell gewesen war, jetzt dunkel
wurde, so verwandelte sich auch die Gestalt selbst, man wute nicht wie:
jetzt war es ein Ding mit einem Arm, jetzt mit einem Bein, jetzt mit
zwanzig Beinen, jetzt blo zwei Fe ohne Kopf, jetzt ein Kopf ohne
Leib; und wie einer dieser Teile verschwand, blieb keine Spur von ihm
in dem dichten Dunkel zurck, welches ihn aufnahm. Und das grte Wunder
dabei war: die Gestalt blieb immer dieselbe.

Sind Sie der Geist, dessen Erscheinung mir vorhergesagt wurde? fragte
Scrooge.

Ich bin es.

Die Stimme war sanft und wohlklingend und so leise, als kme sie nicht
aus dichtester Nhe, sondern aus einiger Entfernung.

Wer und was seid Ihr? fragte Scrooge, schon etwas mehr Vertrauen
fassend.

Ich bin der Geist der vergangenen Weihnachten.

Der lange vergangenen? fragte Scrooge, seiner zwerghaften Gestalt
denkend.

Nein, deiner vergangenen.

Vielleicht htte Scrooge niemand sagen knnen, warum, wenn ihn jemand
gefragt htte, aber doch fhlte er ein ganz besonderes Verlangen, den
Geist in seiner Mtze zu sehen; und er bat ihn, sich zu bedecken.

Was? rief der Geist, willst du sobald mit irdisch gesinnter Hand das
Licht, welches ich spende, verlschen? Ist es nicht genug, da du einer
von denen bist, deren Leidenschaften diese Mtze geschaffen haben und
mich zwingen, durch lange, lange Jahre meine Stirn damit zu verhllen?

Scrooge entschuldigte sich ehrfurchtsvoll, er habe nicht den Willen
gehabt, ihn zu beleidigen, und behauptete, nicht zu wissen, da er
irgend je in seinem Leben dem Geiste Ursache gegeben habe, sich zu
bedecken. Dann war er so frei, zu fragen, was ihn hierher fhre.

Dein Wohl, sagte der Geist.

Scrooge drckte seine Dankbarkeit aus, aber konnte sich doch des
Gedankens nicht erwehren, da eine Nacht ungestrten Schlafes ihm mehr
gentzt haben wrde. Der Geist mute ihn haben denken hren, denn er
sagte sogleich: Deine Besserung also. Nimm dich in acht!

Er streckte seine starke Hand aus, als er dies sprach und ergriff sanft
seinen Arm.

Steh' auf und folge mir.

Vergebens wrde Scrooge eingewendet haben, Wetter und Stunde sei
schlecht geeignet zum Spazierengehen; das Bett sei warm und der
Thermometer ein gutes Stck unter dem Gefrierpunkte; er sei nur leicht
in Pantoffeln, Schlafrock und Nachtmtze gekleidet und habe gerade jetzt
den Schnupfen. Dem Griff, war er auch so sanft, wie der einer
Frauenhand, war nicht zu widerstehen. Er stand auf, aber wie er sah, da
der Geist nach dem Fenster schwebte, fate er ihn flehend bei dem
Gewande.

Ich bin ein Sterblicher, sagte Scrooge, und kann fallen.

Dulde nur eine Berhrung meiner Hand dort, sagte der Geist, indem er
ihm die Hand auf das Herz legte, und du wirst grere Gefahren
berwinden, als diese hier.

Als diese Worte gesprochen waren, schwanden die beiden durch die Wnde
und standen pltzlich im Freien auf der Landstrae, rings von Feldern
umgeben. Die Stadt war ganz verschwunden. Keine Spur war mehr davon
brig. Die Finsternis und der Nebel waren mit ihr verschwunden, denn es
war jetzt ein klarer, kalter Wintertag und der Boden war mit weiem,
reinem Schnee bedeckt.

Gtiger Himmel! rief Scrooge, die Hnde faltend, als er um sich
blickte. Hier wurde ich geboren. Hier lebte ich noch als Knabe.

Der Geist schaute ihn mit mildem Blicke an. Seine sanfte Berhrung,
obgleich sie nur leise und augenblicklich gewesen war, klang immer noch
in dem Herzen des alten Mannes nach. Er fhlte wie tausend Dfte durch
die Luft schwebten, jeder mit tausend Gedanken und Hoffnungen und
Freuden und Sorgen verbunden, die lange, lange vergessen waren.

Deine Lippe zittert, sagte der Geist. Und was glnzt auf deiner
Wange?

Scrooge murmelte mit einem ungewhnlichen Stocken in der Stimme, es sei
ein Wrzchen, und bat den Geist, ihn zu fhren, wohin er wolle.

Erinnerst du dich des Weges? frug der Geist.

Ob ich mich seiner erinnere? rief Scrooge mit Innigkeit; ich knnte
ihn blindlings gehen.

Seltsam, da du ihn so viele Jahre lang vergessen hast, sagte der
Geist. Komm!

Sie schritten den Weg entlang. Scrooge erkannte jedes Thor, jeden Pfahl,
jeden Baum wieder, bis ein kleiner Marktflecken in der Ferne mit seiner
Kirche, seiner Brcke und dem hellen Flu erschien. Jetzt kamen einige
Knaben, auf zottigen Ponys reitend, auf sie zu, welche anderen Knaben in
lndlichen Wagen laut zuriefen. Alle diese Knaben waren gar frhlich und
laut, bis die weiten Felder so voll heiterer Musik waren, da die kalte,
sonnige Luft lachte, sie zu hren.

Dies sind blo Schatten der Dinge, die gewesen sind, sagte der Geist,
sie wissen nichts von uns.

Die frhlichen Reisenden kamen nher und jetzt erkannte Scrooge sie alle
und konnte sie alle bei Namen nennen. Warum freute er sich ber alle
Maen, sie zu sehen, warum wurde sein kaltes Auge feucht, warum
frohlockte sein Herz, als sie vorbereilten, warum wurde sein Herz
weich, wie sie an den Kreuzwegen voneinander schieden und sich frhliche
Weihnachten wnschten?

Was gingen Scrooge frhliche Weihnachten an? Der Henker hole frhliche
Weihnachten! Welchen Nutzen hatte er jemals davon gehabt?

Die Schule ist nicht ganz verlassen, sagte der Geist Ein Kind, eine
verlassene Waise sitzt noch einsam dort.

Scrooge sagte, er wisse es. Und er schluchzte.

Sie verlieen jetzt die Heerstrae auf einem wohlbekannten Feldwege und
erreichten bald ein Haus von dunkelroten Ziegeln, mit einem kleinen
Trmchen auf dem Dache und darin eine Glocke. Es war ein groes Haus,
aber jetzt vernachlssigt und verfallen, denn die gerumigen Gemcher
waren wenig gebraucht, die Wnde feucht und grn, die Fenster
zerbrochen, die Thren morsch und zerfallen. Hhner gluckten und
scharrten in den Stllen; und der Wagenschuppen war mit Gras
berwachsen. Auch im Innern war nichts von seiner alten Pracht brig
geblieben, denn als sie in die verdete Hausflur eintraten und durch die
offenen Thren in die vielen Zimmer blickten, sahen sie nur rmlich
ausgestattete, kalte, groe Rume. Ein erdiger, dumpfiger Geruch
erfllte die Luft, eine frostige Unbehaglichkeit schien um den Ort zu
schweben, die auf irgend eine Art an zu oft frh bei Licht aufstehen,
und nicht zu viel zu essen zu bekommen erinnerte.

Der Geist und Scrooge gingen ber die Hausflur nach einer Thr auf der
Rckseite des Hauses. Sie ffnete sich vor ihnen und zeigte ihnen einen
langen, kahlen, unbehaglichen Saal, noch kahler und unbehaglicher
gemacht durch die Reihen von einfachen hlzernen Bnken.

Auf einer derselben sa einsam ein Knabe neben einem schwachen Feuer und
las; und Scrooge setzte sich auf eine Bank nieder und weinte, sein
eigenes, vergessenes Selbst, wie es in frheren Jahren war, zu sehen.

Kein dumpfer Widerhall in dem Hause, kein Rascheln der Muse hinter dem
Getfel, kein Getrpfel des halbgefrorenen Rhrtrogs in dem Hofe hinten,
kein Seufzer in den blattlosen Zweigen einer verlassen trauernden
Pappel, nicht das Klappen der vom Winde hin und her geschwungenen Thr
des Vorratshauses im Hofe, selbst nicht das Knistern des Feuers war fr
Scrooge verloren. Alles fiel auf sein Herz mit erweichenden Tnen und
lste seine Thrnen.

Der Geist berhrte seinen Arm und wies auf sein jngeres, in ein Buch
vertieftes Selbst. Pltzlich stand ein Mann in fremdartiger Tracht mit
einer Axt im Grtel und einen mit Holz beladenen Esel am Zaume fhrend,
drauen vor dem Fenster, wundersam wirklich und deutlich zu sehen.

Was! das ist ja Ali Baba! rief Scrooge voller Freude aus. Es ist der
alte, liebe, ehrliche Ali Baba. Ja, ja, ich wei noch. Einst zur
Weihnachtszeit, als jener verlassene Knabe hier ganz allein sa, kam er
zum erstenmal, gerade wie er dort steht. Der arme Junge! Und Valentin,
fuhr Scrooge fort, und sein wilder Bruder Orson, dort gehen sie! Und
wie heit der, der mitten im Schlafe vor das Thor von Damaskus gesetzt
wurde? siehst du ihn nicht! Und der Stallmeister des Sultans, der von
den Genien auf den Kopf gestellt wurde, dort ist er! Ha, ha, es
geschieht ihm schon recht! Wer heit ihn die Prinzessin heiraten
wollen!

Scrooge mit vollem Ernste und mit einer Stimme zwischen Lachen und
Weinen ber solche Gegenstnde reden zu hren und sein vor Freude
aufgeregtes Gesicht zu sehen, wre fr seine Geschftsfreunde in der
City gewi eine groe Ueberraschung gewesen.

Da ist auch der Papagei, rief Scrooge, mit grnem Leib und gelbem
Schwanz, da ist er! Der arme Robinson, er rief ihn, als er wieder von
seiner Umsegelung der Insel nach Haus kam. Robinson Crusoe, wo bist du
gewesen? Er glaubte, er trume, aber es war der Papagei. Ha, dort luft
Freitag in der kleinen Bucht. Es gilt das Leben. Hallo, ho, hallo!

Dann sagte er mit einem schnellen Wechsel der Gefhle, der seinem
gewhnlichen Charakter sehr fremd war: Der arme Knabe! und er weinte
wieder.

Ich wollte, murmelte Scrooge, die Hand in die Tasche steckend und um
sich blickend, nachdem er sich mit dem Rockaufschlag die Augen gewischt
hatte, aber es ist zu spt jetzt.

Was willst du? frug der Geist.

Nichts, sagte Scrooge, nichts. Gestern Abend sang vor meiner Thr ein
Knabe ein Weihnachtslied. Ich wollte, ich htte ihm etwas gegeben,
weiter war es nichts.

Der Geist lchelte gedankenvoll und winkte mit der Hand. Dann sagte er:
La uns ein anderes Weihnachten sehen.

Scrooges frheres Selbst wurde bei diesen Worten grer, und das Zimmer
etwas finstrer und schwrzer; das Getfel warf sich, die Fensterscheiben
sprangen; Stcke Kalkbewurf fielen von der Decke, und das bloe
Lattenwerk zeigte sich; aber wie das alles geschah, wute Scrooge
ebensowenig als ihr. Er wute nur, alles sei ganz in der Ordnung, und
habe sich ganz so zugetragen, und er sei es wieder, der dort allein
sitze, whrend die andern Knaben nach Hause zur frhlichen
Weihnachtsfeier gereist waren.

Er las nicht, sondern ging wie in Verzweiflung im Zimmer auf und ab.
Scrooge blickte den Geist an, und schaute mit einem traurigen
Kopfschtteln und in banger Erwartung nach der Thr.

Sie ging auf, und ein kleines Mdchen, viel jnger als der Knabe, sprang
herein, schlang die Arme um seinen Hals, kte ihn und begrte ihn als
ihren lieben, lieben Bruder.

Ich komme, um dich mit nach Haus zu nehmen, lieber Bruder! sagte das
Kind, frhlich mit den Hnden klatschend. Dich mit nach Haus zu nehmen,
nach Haus!

Nach Haus, liebe Fanny? frug der Knabe.

Ja! antwortete die Kleine, in berstrmender Lust. Nach Hause und fr
immer. Der Vater ist so viel freundlicher als sonst, da es bei uns wie
im Himmel ist. Er sprach eines Abends, als ich zu Bett ging, so
freundlich mit mir, da ich mir ein Herz fate, und ihn frug, ob du
nicht nach Hause kommen drftest; und er sagte ja, und schickt mich im
Wagen her, um dich zu holen. Und du sollst jetzt dein freier Herr sein,
sagte das Kind, und blickte ihn bewundernd an, und nicht mehr hierher
zurckkehren; aber erst sollen wir alle zusammen das Weihnachtsfest
feiern und recht lustig sein.

Du bist ja eine ordentliche Dame geworden, Fanny! rief der Knabe aus.

Sie klatschte in die Hnde und lachte, und versuchte, bis an seinen Kopf
zu reichen; aber sie war zu klein, und lachte wieder, und stellte sich
auf die Zehen, um ihn zu umarmen. Dann zog sie ihn in kindischer
Ungeduld nach der Thr, und er begleitete sie mit leichtem Herzen.

Eine schreckliche Stimme in der Hausflur rief: Bringt Master Scrooges
Koffer herunter! Es war der Schullehrer selbst, welcher Master Scrooge
mit gestrengster Herablassung anstierte, und ihn in groen Schrecken
setzte, wie er ihm die Hand drckte. Dann fhrte er ihn und seine
Schwester in ein feuchtes, frstelnerregendes Putzzimmer, wo die Erd-
und Himmelsgloben im Fenster vor Klte glnzten. Hier brachte er eine
Flasche merkwrdig leichten Wein und ein Stck merkwrdig schweren
Kuchen herbei, und regalierte die Kinder schonend sparsam mit diesen
auserlesenen Leckerbissen. Auch schickte er eine hungrig aussehende Magd
hinaus, um dem Postillon ein Glschen anzubieten, wofr dieser aber mit
den Worten dankte, wenn es von demselben Fa wie das vorige sei, mchte
er lieber nicht kosten. Whrend dieser Zeit war Master Scrooges Koffer
auf den Wagen gebunden worden, und die Kinder nahmen ohne Bedauern von
dem Schulmeister Abschied, setzten sich in den Wagen, und fuhren so
schnell zum Garten hinaus, da der Reif und der Schnee von den
immergrnen Gebschen wie Schaum stob.

Sie war immer ein zartes Wesen, das von einem Hauch htte verwelken
knnen, sagte der Geist. Aber sie hatte ein reiches Herz.

Ja, das hatte sie, rief Scrooge. Ich will nicht widersprechen, Geist.
Gott verhte es!

Sie starb verheiratet, sagte der Geist, und hatte Kinder, glaube
ich.

Ein Kind, antwortete Scrooge.

Ja, sagte der Geist. Dein Neffe.

Scrooge schien unruhig zu werden und er antwortete kurz Ja.

Obgleich sie kaum einen Augenblick die Schule hinter sich gelassen
hatten, befanden sie sich doch jetzt mitten in den lebendigsten Straen
der Stadt, wo schattenhafte Fugnger vorbergingen, wo gespenstische
Wagen und Kutschen sich um Platz stritten und wo alles Gedrng und alles
wirre Leben einer wirklichen Stadt war. An dem Aufputz der Lden sah
man, da auch hier Weihnachten sei; aber es war Abend und die
Straenlaternen brannten.

Der Geist blieb vor einer Gewlbethr stehen und frug Scrooge, ob er sie
kenne.

Ob ich sie kenne? sagte Scrooge. Hab' ich hier nicht gelernt?

Sie traten hinein. Beim Anblick eines alten Herrn in einer Stutzpercke,
welcher hinter einem so hohen Pulte sa, da er mit dem Kopf htte an
die Decke stoen mssen, wenn er zwei Zoll grer gewesen wre, rief
Scrooge in groer Aufregung: Ha, das ist ja der alte Fezziwig, Gott
segne ihn, es ist Fezziwig, wie er leibt und lebt!

Der alte Fezziwig legte seine Feder hin und sah nach der Uhr, deren
Zeiger auf Sieben stand. Er rieb die Hnde, zog seine gerumige Weste
herunter, lachte ber und ber, von den Schuhspitzen bis zu dem Organ
der Gutmtigkeit und rief mit einer behbigen, voll und doch mild
tnenden heitern Stimme: Hallo, dort! Ebenezer! Dick!

Scrooges frheres Selbst, jetzt zu einem Jngling geworden, trat munter
herein, begleitet von seinem Mitlehrling.

Dick Wilkins, wahrhaftig! sagte Scrooge zu dem Geist. Wahrhaftig, er
ist es. Er hat mich sehr lieb, der Dick. Der arme Dick! Gott, Gott!

Hallo, meine Burschen, sagte Fezziwig. Feierabend heute. Weihnachten,
Dick! Weihnachten, Ebenezer! Macht die Laden zu, rief der alte
Fezziwig, munter die Hnde zusammenklatschend, ehe ein Mann sagen kann
Jack Robinson.

Man htte nicht glauben sollen, wie frisch die beiden Jungen daran
gingen. Sie liefen mit den Laden hinaus -- eins, zwei, drei -- hatten
sie eingesetzt -- vier, fnf, sechs -- sie zugeriegelt und zugeschraubt
-- sieben, acht, neun -- und kamen zurck, ehe man zwlf sagen konnte,
auer Atem, wie Rennpferde.

Hussaho! rief der alte Fezziwig, mit wunderbarer Geschicklichkeit von
seinem hohen Sessel herunterspringend. Rumt auf, Jungens, und macht
viel Platz! Hussaho, Dick! Hallo, Ebenezer!

Aufrumen! Sie wrden alles weggerumt haben und konnten alles
wegrumen, wo Fezziwig zuschaute. Es war in einer Minute geschehen.
Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde in die Winkel geschoben,
als wenn es fr immer aus dem ffentlichen Dienste entlassen worden
wre; die Flur wurde gekehrt und gesprengt, die Lampen geputzt, Kohlen
auf das Feuer geschttet; und der Laden war so behaglich und warm und
hell, wie ein Ballzimmer, wie man es nur an einem Winterabende verlangen
kann.

Jetzt trat ein Fiedler mit einem Notenbuche herein und stieg Fezziwigs
hohen Stuhl hinauf, dort sein Orchester aufzuschlagen und stimmte wie
toll. Dann kam Mrs. Fezziwig, _ein_ behagliches Lcheln ber und ber.
Dann kamen die drei Mi Fezziwigs, freudestrahlend und liebenswrdig.
Dann kamen die sechs Jnglinge, deren Herzen sie brachen. Dann kamen die
Burschen und Mdchen, die im Hause einen Dienst hatten: das Hausmdchen
mit ihrem Vetter, dem Bcker, die Kchin mit ihres Bruders vertrautem
Freund, dem Milchmann. Dann kam der Bursche von gegenber, von dem man
sagte, er habe bei seinem Herrn knappe Kost; er versuchte, sich hinter
dem Mdchen aus dem Nachbarhause zu verstecken, der man bewies, sie sei
von ihrer Herrschaft ausgescholten worden. Sie kamen alle, einer nach
dem andern; einige blde, andere keck, einige mit Geschick, andere mit
Ungeschick, die zerrend und jene stoend. Dann ging es los, zwanzig Paar
auf einmal, eine halbe Runde hin und zurck, dann die Mitte des Zimmers
hinauf und wieder herab, dann in verschiedenen Kreisen sich drehend;
das alte erste Paar immer an der falschen Stelle stehen bleibend; das
neue erste Paar immer wieder anfangend, wenn es stehen bleiben sollte;
bis alle Paare erste waren und kein einziges mehr das letzte. Als sie so
weit gekommen waren, klatschte der alte Fezziwig zum Zeichen, da der
Tanz aus sei und rief Bravo! und der Fiedler senkte sein glhendes
Gesicht in einen Krug Porter, der besonders zu diesem Zweck neben ihm
stand. Aber kaum war er wieder herausgestiegen, als er wieder
aufzuspielen anfing, obgleich noch keine Tnzer dastanden, als wenn der
alte Fiedler erschpft nach Hause getragen worden und er ein ganz
frischer sei, entschlossen, ihn vergessen zu machen, oder zu sterben.

Dann folgten noch mehrere Tnze und Pfnderspiele und wieder Tnze. Dann
kam Kuchen und Negus und ein groes Stck kalter Rinderbraten, und dann
ein groes Stck kaltes, gekochtes Rindfleisch und Fleischpasteten und
Ueberflu von Bier. Aber der Glanzpunkt des Abends kam nach dem
Rindfleisch, als der Fiedler (ein pfiffiger Kopf, er kannte sein
Geschft besser, als ihr oder ich es ihm htte lehren knnen) anfing
Sir Roger de Coverley.[1] Da trat der alte Fezziwig mit Mrs. Fezziwig
an und zwar als das erste Paar. Sie hatten ein gut Stck Arbeit vor
sich, drei- oder vierundzwanzig Paar Tnzer, Leute, mit denen nicht zu
spaen war, Leute, die tanzen wollten und keinen Begriff vom Gehen
hatten.

  [1] Eine Art Grovatertanz.

Aber wenn es zweimal, ja viermal so viel gewesen wren, htte es der
alte Fezziwig mit ihnen aufgenommen und auch Mrs. Fezziwig. Sie war, im
vollen Sinne des Wortes, wrdig, seine Tnzerin zu sein. Wenn das kein
groes Lob ist, so sagt mir ein greres und ich will es aussprechen.
Fezziwigs Waden schienen wirklich zu leuchten. Sie glnzten in jedem
Teil des Tanzes wie ein Paar Monde. Ihr httet zu irgend einer Minute
nicht voraus sagen knnen, was aus ihnen in der nchsten werden wrde.
Und als der alte Fezziwig und Mrs. Fezziwig alle Touren des Tanzes
durchgemacht hatten, battierte Fezziwig so geschickt, da es war, als
zwinkerte er mit den Beinen, und er kam, ohne zu wanken, wieder auf die
Fe.

Mit dem Glockenschlag Elf war dieser husliche Ball zu Ende. Mr. und
Mrs. Fezziwig stellten sich zu beiden Seiten der Thr auf, schttelten
jedem einzelnen der Gste die Hand zum Abschied und wnschten ihm oder
ihr frhliche Weihnachten.

Als alles, auer den zwei Lehrlingen, fort war, thaten sie diesen das
Gleiche. So waren die heitern Stimmen verklungen, und die Burschen
gingen in ihr Bett, welches sich unter einem Ladentisch in der
hintersten Niederlage befand.

Whrend dieser ganzen Zeit hatte sich Scrooge wie ein Verrckter
benommen. Sein Herz und seine Seele waren mit dem Ball und seinem
frheren Selbst. Er besttigte alles, erinnerte sich an alles, freute
sich ber alles und befand sich in der seltsamsten Aufregung. Nicht
eher, als bis die frhlichen Gesichter seines frhern Selbst und Dicks
verschwunden waren, dachte er daran, da der Geist neben ihm stehe und
ihn anschaue, whrend das Licht auf seinem Haupte in voller Klarheit
brannte.

Eine Kleinigkeit, sagte der Geist, diesen nrrischen Leuten solche
Dankbarkeit einzuflen.

Eine Kleinigkeit! gab Scrooge zurck.

Der Geist gab ihm ein Zeichen, den beiden Lehrlingen zuzuhren, welche
ihr Herz in Lobpreisungen Fezziwigs ausschtteten; und als Scrooge das
gethan hatte, sprach der Geist: Nun, ist es nicht so? Er hat nur ein
paar Pfund Eures irdischen Geldes hingegeben; vielleicht drei oder vier.
Ist das so viel, da er solches Lob verdient?

Das ist's nicht, sagte Scrooge, von dieser Bemerkung gereizt und wie
sein frheres, nicht wie sein jetziges Selbst sprechend. Das ist's
nicht, Geist. Er hat die Macht, uns glcklich oder unglcklich, unsern
Dienst zu einer Last oder zu einer Brde, zu einer Freude oder zu einer
Qual zu machen. Du magst sagen, seine Macht liege in Worten und Blicken,
in so unbedeutenden und kleinen Dingen, da es unmglich ist, sie
herzuzhlen: was schadet das? Das Glck, welches er bereitet, ist so
gro, als wenn es sein ganzes Vermgen kostete.

Er fhlte des Geistes Blick und schwieg.

Was giebt's? fragte der Geist.

Nichts, nichts, sagte Scrooge.

Etwas, sollt' ich meinen, drngte der Geist.

Nein, sagte Scrooge, nein. Ich mchte nur eben ein paar Worte mit
meinem Diener sprechen. Das ist alles.

Sein frheres Selbst lschte die Lampen aus, als er diesen Wunsch
aussprach, und Scrooge und der Geist standen wieder im Freien.

Meine Zeit geht zu Ende, sagte der Geist. Schnell!

Dies letzte Wort war nicht zu Scrooge oder zu jemand, den er sehen
konnte, gesprochen, aber es wirkte sofort. Denn wieder sah Scrooge sich
selbst. Er war jetzt lter geworden: ein Mann in der Blte seiner Jahre.
Sein Gesicht hatte nicht die schroffen, rauhen Zge seiner sptern
Jahre, aber schon fing es an, die Zeichen der Sorge und des Geizes zu
tragen. In seinem Auge brannte ein ruheloses, habschtiges Feuer,
welches von der Leidenschaft sprach, die dort Wurzel geschlagen hatte,
und zeigte, wohin der Schatten des wachsenden Baumes fallen wrde.

Er war nicht allein, sondern sa neben einem schnen jungen Mdchen in
Trauerkleidern. In ihrem Auge standen Thrnen, welche in dem Lichte
glnzten, das von dem Geist vergangener Weihnachten ausstrmte.

Es ist ohne Bedeutung, sagte sie sanft. Ihnen von gar keiner. Ein
anderes Gtzenbild hat mich verdrngt; und wenn es Sie in spterer Zeit
trsten und aufrecht erhalten kann, wie ich es versucht haben wrde, so
habe ich keine gerechte Ursache zu klagen.

Welches Gtzenbild htte Sie verdrngt? erwiderte er.

Ein goldenes.

Dies ist die Gerechtigkeit der Welt! sagte er. Gegen nichts ist sie
so hart, wie gegen die Armut; und nichts tadelt sie mit grerer
Strenge, als das Streben nach Reichtum.

Sie frchten das Urteil der Welt zu sehr, antwortete sie sanft. Alle
Ihre andern Hoffnungen sind in der einen aufgegangen, vor diesem
engherzigen Vorwurf gesichert zu sein. Ich habe Ihre edleren
Bestrebungen eine nach der andern verschwinden sehen, bis die eine
Leidenschaft nach Gold Sie ganz erfllt. Ist es nicht wahr?

Und was ist da weiter? antwortete er. Selbst wenn ich so viel klger
geworden bin, was ist da weiter? Gegen Sie bin ich nie anders geworden.

Sie schttelte den Kopf.

Bin ich anders.

Unser Bund ist aus alter Zeit. Er wurde geschlossen, als wir beide arm
und zufrieden waren, bis wir unser Los durch ausdauernden Flei
verbessern knnten. Sie haben sich verndert. Als er geschlossen wurde,
waren Sie ein anderer Mensch.

Ich war ein Knabe, sagte er ungeduldig.

Ihr eigenes Gefhl sagt Ihnen, da Sie nicht so waren, wie Sie jetzt
sind, antwortete sie. Ich bin noch dieselbe. Das, was uns Glck
versprach, als wir noch ein Herz und eine Seele waren, mu uns Unglck
bringen, da wir im Geiste nicht mehr eins sind. Wie oft und wie bitter
ich dies gefhlt habe, will ich nicht sagen; es ist genug, da ich es
gefhlt habe und da ich Ihnen Ihr Wort zurckgeben kann.

Habe ich dies jemals verlangt?

In Worten? Nein. Niemals!

Womit dann?

Durch ein verndertes Wesen, durch einen andern Sinn, durch andere
Bestrebungen des Lebens und durch eine andere Hoffnung, als seinem Ziel.
In allem, was meiner Liebe in Ihren Augen einigen Wert gab. Wenn alles
Frhere nicht zwischen uns geschehen wre, sagte das Mdchen, ihn mit
sanftem, aber festem Blicke ansehend, wrden Sie mich jetzt aufsuchen
und um mich werben? Gewi nicht!

Er schien die Wahrheit dieser Voraussetzung wider seinen Willen
zuzugeben. Aber er that seinen Gefhlen Gewalt an und sagte: Sie
glauben es nicht?

Gern glaubte ich es, wenn ich es knnte, sagte sie, Gott wei es!
Wenn ich eine Wahrheit, gleich dieser, erkannt habe, wei ich, wie
unwiderstehlich sie sein mu. Aber wenn Sie heute oder morgen, oder
gestern frei wren, soll ich glauben, da Sie ein armes Mdchen whlen
wrden, Sie, der selbst in den vertrautesten Stunden alles nach dem
Gewinn abmit? oder soll ich mir verhehlen, da selbst, wenn Sie fr
einen Augenblick Ihrem einen leitenden Grundsatze untreu werden knnten,
Sie gewi einst Tuschung und bittere Reue fhlen wrden? Nein, und
deswegen gebe ich Ihnen Ihr Wort zurck. Willig und um die Liebe dessen,
der Sie einst waren.

Er wollte sprechen, aber mit abgewendetem Gesicht fuhr sie fort:
Vielleicht -- der Gedanke an die Vergangenheit lt es mich fast hoffen
-- wird es Sie schmerzen. Eine kurze, sehr kurze Zeit, und Sie werden
dann die Erinnerung daran fallen lassen, freudig, wie die Gedanken eines
unntzen Traumes, von dem zu erwachen ein Glck fr Sie war. Mge Sie
alles Glck auf dem erwhlten Lebenswege begleiten!

Sie schieden.

Geist, sagte Scrooge, zeige mir nichts mehr, fhre mich nach Haus.
Warum erfreust du dich daran, mich zu qulen?

Noch ein Gesicht, rief der Geist aus.

Nein, rief Scrooge. Nein! Ich mag keins mehr sehen. Zeige mir keins
mehr.

Aber der erbarmungslose Geist hielt ihn mit beiden Hnden fest und zwang
ihn, zu betrachten, was zunchst geschah.

Sie befanden sich an einem andern Ort, in einem Zimmer, nicht sehr gro
oder schn, aber voller Behaglichkeit. Neben dem Kamin sa ein schnes
junges Mdchen, so gleich der, welche Scrooge zuletzt gesehen hatte, da
er glaubte, es sei dieselbe, bis er sie, jetzt eine stattliche Matrone,
der Tochter gegenber sitzen sah. In dem Zimmer war ein wahrer Aufruhr,
denn es befanden sich mehr Kinder darin, als Scrooge in seiner Aufregung
zhlen konnte; und hier betrugen sich nicht vierzig Kinder wie eins,
sondern jedes Kind wie vierzig. Die Folge davon war ein Lrm
sondergleichen; aber niemand schien sich darum zu kmmern; im Gegenteil,
Mutter und Tochter lachten herzlich und freuten sich darber; und die
letztere, die sich bald in die Spiele mischte, wurde von den kleinen
Schelmen gar grausam mitgenommen. Was htte ich darum gegeben, eines
dieser Kinder zu sein, obgleich ich nimmer so ungezogen gewesen wre.
Nein, nein! fr alle Schtze der Welt htte ich nicht diese Locken
zerdrckt und zerwhlt; und diesen lieben, kleinen Schuh htte ich nicht
entwendet, um mein Leben zu retten. Im Scherz ihre Taille zu messen, wie
die kecke, junge Brut that, ich htte es nicht gewagt; ich htte
geglaubt, mein Arm wrde zur Strafe krumm werden und nie wieder gerade
wachsen. Und doch, wie gern, ich gestehe es, htte ich ihre Lippen
berhrt; wie gern htte ich sie gefragt, damit sie sich geffnet htten;
wie gern htte ich die Wimpern dieser niedergeschlagenen Augen
betrachtet, ohne ein Errten hervorzurufen; wie gern htte ich dieses
wogende Haar gelst, von dem ein Zoll ein Schatz ber allen Preis
gewesen wre; kurz, wie gern htte ich das kleinste Privilegium eines
Kindes gehabt, mit der Bedingung, Mann genug zu sein, um seinen Wert zu
kennen.

Aber jetzt wurde ein Klopfen an der Thr gehrt, was einen so
allgemeinen Sturz nach derselben veranlate, da sie mit lachendem
Gesicht und verwirrtem Anzug in der Mitte eines frohlockenden lrmenden
Haufens nach der Thr gedrngt wurde, dem Vater entgegen, der nach Haus
kam, in Begleitung eines Mannes mit Weihnachtsgeschenken beladen. Aber
nun das Geschrei und das Gedrng und der Sturm auf den verteidigungslosen
Trger! Wie sie auf Sthlen an ihm hinaufstiegen, in seine Taschen
guckten, die Papierpckchen raubten, an seiner Halsbinde zupften, an
seinem Halse hingen, ihm auf den Rcken trommelten und an die Beine
stieen -- alles in unwiderstehlicher Freude! Dann diese Ausrufungen der
Verwunderung und des Frohlockens, mit denen der Inhalt jedes Pckchens
begrt wurde! Die schreckliche Kunde, da das Wickelkind ertappt worden
sei, wie es die Bratpfanne der Puppe in den Mund gesteckt, oder wohl gar
das hlzerne Huhn samt der Schssel hinuntergeschluckt habe! Die groe
Beruhigung, zu finden, da es ein falscher Lrm gewesen sei! Die Freude
und die Dankbarkeit und das Entzcken! Dies alles ist ber alle
Beschreibung. Es mu gengen, zu wissen, da die Kinder und ihre Freuden
endlich aus dem Zimmer kamen und _eine_ Treppe auf einmal hinaufgingen,
wo sie zu Bett gebracht wurden und dort blieben.

Und als jetzt Scrooge sah, wie der Herr des Hauses, die Tochter zrtlich
an seine Seite geschmiegt, sich mit ihr und ihrer Mutter an seinem
eigenen Herd niedersetzte; und wie er dachte, da ein solches Wesen
ebenso lieblich und hoffnungsreich ihn htte Vater nennen und wie
Frhlingszeit in dem den Winter seines Lebens htte sein knnen, da
wurden seine Augen wirklich trbe.

Bella, sagte der Mann, sich lchelnd zu seiner Gattin wendend, ich
sah heut' Nachmittag einen alten Freund von dir.

Wer war es?

Rate.

Wie kann ich das? Ach, jetzt wei ich, fgte sie sogleich hinzu,
lachend, wie er lachte. Mr. Scrooge.

Ja, Mr. Scrooge. Ich ging an seinem Comptoirfenster vorber; und da
kein Laden davor war und er Licht drin hatte, mute ich ihn fast sehen.
Sein Compagnon liegt im Sterben, hrte ich, und er sa allein dort. Ganz
allein in der Welt, glaube ich.

Geist, sagte Scrooge mit bebender Stimme, fhre mich weg von diesem
Orte.

Ich sagte dir, da dieses Schatten gewesener Dinge wren, sagte der
Geist. Gieb mir nicht die Schuld, da sie so sind, wie sie sind.

Fhre mich weg! rief Scrooge aus. Ich kann es nicht ertragen.

Er wandte sich gegen den Geist, und wie er sah, da er ihn mit einem
Gesicht anblickte, in welchem sich auf eine seltsame Weise einzelne Zge
all der Gesichter zeigten, die er gesehen hatte, rang er mit ihm.

Verla mich, fhr' mich weg. Umschwebe mich nicht lnger.

In dem Kampfe, wenn das ein Kampf genannt werden kann, wo der Geist,
ohne einen sichtbaren Widerstand von seiner Seite, von den Anstrengungen
seines Gegners ungestrt blieb, bemerkte Scrooge, da das Licht auf
seinem Haupte hoch und hell brenne; und in einem dunklen Instinkt jenes
Licht mit des Geistes Einflu auf sich verbindend, ergriff er den
Lichtauslscher und stlpte ihn auf des Geistes Haupt.

Der Geist sank darunter zusammen, so da der Lichtauslscher seine ganze
Gestalt bedeckte; aber obgleich Scrooge ihn mit seiner ganzen Kraft
niederdrckte, konnte er das Licht nicht verbergen, welches darunter
hervor und mit hellem Schimmer ber den Boden strmte.

Er fhlte, da er erschpft sei und von einer unberwindlichen
Schlfrigkeit befallen werde und wute, da er in seinem eignen
Schlafzimmer sei. Er gab dem Lichtauslscher noch einen Druck zum
Abschiede und fand kaum Zeit, in das Bett zu wanken, ehe er in tiefen
Schlaf sank.




Drittes Kapitel.

Der zweite der drei Geister.


Scrooge erwachte mitten in einem tchtigen Geschnarch und setzte sich in
dem Bette in die Hhe, um seine Gedanken zu sammeln. Diesmal hatte
niemand ntig, ihm zu sagen, da es gerade Eins sei. Er fhlte, da er
gerade zu der rechten Zeit und zu dem ausdrcklichen Zwecke erwacht sei,
eine Konferenz mit dem zweiten an ihn durch Jakob Marleys Vermittlung
abgesandten Boten zu halten. Aber bei dem Gedanken, welche seiner
Bettgardinen wohl das neue Gespenst zurckschlagen wrde, wurde es ihm
ganz unheimlich kalt, und so schlug er sie mit seinen eigenen Hnden
zurck. Dann legte er sich wieder nieder und beschlo, genau
aufzupassen, denn er wollte den Geist in dem Augenblicke seiner
Erscheinung anrufen, und wnschte nicht berrascht und erschreckt zu
werden.

Leute von keckem Mute, die sich schmeicheln, es schon mit etwas
aufnehmen zu knnen, und immer an ihrem Platze zu sein, drcken den
weiten Bereich ihrer Fhigkeiten mit den Worten aus: Sie wren gut fr
alles, vom Brotessen bis zum Menschenverschlingen; zwischen welchen
beiden Extremen ohne Zweifel ziemlich viel Gelegenheit zur Darlegung
ihrer Krfte liegt. Ohne gerade zu behaupten, da Scrooge es so weit
gebracht htte, mu ich doch von dem Leser den Glauben fordern, da er
auf ein recht schnes Sortiment von Erscheinungen gefat war, und da
nichts zwischen einem Wickelkind und einem Rhinoceros ihn sehr staunen
gemacht haben wrde.

Eben weil er auf fast alles gefat war, war er nicht vorbereitet, nichts
zu sehen; und so, als die Glocke Eins schlug und keine Gestalt
erschien, berfiel ihn ein heftiges Zittern. Fnf Minuten, zehn Minuten,
eine Viertelstunde vergingen, aber es kam nichts. Die ganze Zeit ber
lag er auf seinem Bett recht in der Mitte eines Stromes rtlichen
Lichtes, welches sich ber ihn ausgo, als die Glocke die Stunde
verkndigte; und welches, weil es nur Licht war, viel beunruhigender als
ein Dutzend Geister war, da es ihm unmglich war zu erraten, was es
bedeute oder was es wolle. Ja, er frchtete zuweilen, er mchte in
diesem Augenblick ein merkwrdiger Fall von Selbstentzndung sein, ohne
den Trost zu haben, es zu wissen. Endlich jedoch fing er an zu denken,
da die Quelle dieses geisterhaften Lichtes wohl in dem anliegenden
Zimmer sein mge, aus dem es bei nherer Betrachtung zu strmen schien.
Wie dieser Gedanke die Herrschaft ber seine Seele bekommen hatte, stand
er leise auf und schlrfte in den Pantoffeln nach der Thr.

In demselben Augenblick, wo sich Scrooges Hand auf den Drcker legte,
rief ihn eine fremde Stimme bei Namen und hie ihn eintreten. Er
gehorchte.

Es war sein eigenes Zimmer. Daran lie sich nicht zweifeln. Aber eine
wunderbare Umwandlung war mit ihm vorgegangen. Wnde und Decke waren
ganz mit grnen Zweigen bedeckt, da es ganz aussah wie eine Laube, in
der berall glnzende Beeren schimmerten. Die glnzenden, strammen
Bltter der Stecheiche, der Mistel und des Epheus warfen das Licht
zurck und erschienen wie ebensoviel kleine Spiegel. Eine so gewaltige
Flamme loderte die Esse hinauf, wie dieses Spottbild eines Kamines in
Scrooges oder Marleys Zeit seit vielen, vielen Wintern nicht gekannt
hatte. Auf dem Fuboden waren zu einer Art von Thron Truthhne, Gnse,
Wildbret, groe Braten, Spanferkel, lange Reihen von Wrsten, Pasteten,
Plumpuddings, Austerfchen, glhende Kastanien, rotbckige Aepfel,
saftige Orangen, appetitliche Birnen, ungeheure Stollen und siedende
Punschbowlen aufgehuft, welche das Zimmer mit kstlichem Geruch
erfllten. Auf diesem Thron sa behaglich und mit frhlichem Angesicht
ein Riese, gar herrlich anzuschauen. In der Hand trug er eine brennende
Fackel, fast wie ein Fllhorn gestaltet, und hielt sie hoch in die Hhe,
um Scrooge damit zu beleuchten, wie er in das Zimmer guckte.

Nur herein, rief der Geist. Nur herein, und lerne mich besser
kennen.

Scrooge trat schchtern ein und senkte das Haupt vor dem Geiste. Er war
nicht mehr der hartfhlende, nichtsscheuende Scrooge wie frher, und
obgleich des Geistes Augen hell und mild glnzten, wnschte er ihnen
doch nicht zu begegnen.

Ich bin der Geist der heurigen Weihnacht, sagte die Gestalt. Sieh'
mich an.

Scrooge that es mit ehrfurchtsvollem Blick. Der Geist war in ein
einfaches, dunkelgrnes Gewand, mit weiem Pelz verbrmt, gekleidet. Die
breite Brust war entblt, als verschmhe sie, sich zu verstecken. Auch
die Fe waren blo und schauten unter den weiten Falten des Gewandes
hervor; und das Haupt hatte keine andere Bedeckung, als einen
Stecheichenkranz, in dem hier und da Eiszapfen glnzten. Seine
dunkelbraunen Locken wallten fessellos auf die Schultern. Sein munteres
Gesicht, sein glnzendes Auge, seine frhliche Stimme, sein
ungezwungenes Benehmen, alles sprach von Offenheit und heiterm Sinn. Um
den Leib trug er eine alte Degenscheide gegrtet; aber sie war von Rost
zerfressen und kein Schwert stak darin.

Du hast nie meinesgleichen vorher gesehen, rief der Geist.

Niemals, entgegnete Scrooge.

Hast dich nie mit den jngern Gliedern meiner Familie abgegeben; ich
meine (denn ich bin sehr jung) meine ltern Brder, welche in den
letztern Jahren geboren worden sind, fuhr das Phantom fort.

Ich glaube nicht, sagte Scrooge. Es thut mir leid, es nicht gethan zu
haben. Hast du viele Brder gehabt, Geist?

Mehr als achtzehnhundert, sagte dieser.

Eine schrecklich groe Familie, wer fr sie zu sorgen hat, murmelte
Scrooge.

Der Geist der heurigen Weihnacht stand auf.

Geist, sagte Scrooge demtig, fhre mich wohin du willst. Gestern
Nacht wurde ich durch Zwang hinausgefhrt und mir wurde eine Lehre
gegeben, die jetzt im Wirken ist. Heute bin ich bereit zu folgen, und
wenn du mir etwas zu lehren hast, will ich hren.

Berhre mein Gewand.

Scrooge that, wie ihm gesagt worden und hielt es fest.

Stecheichen, Misteln, rote Beeren, Epheu, Truthhne, Gnse, Braten,
Spanferkel, Wrste, Austern, Pasteten, Puddings, Frchte und Punsch,
alles verschwand augenblicklich. Auch das Zimmer verschwand, das Feuer,
der rtliche Schimmer, die nchtliche Stunde, und sie standen in den
Straen der Stadt, am Morgen des Weihnachtstages, wo die Leute, denn es
war sehr kalt, eine rauhe, aber muntere und nicht unangenehme Musik
machten, wie sie den Schnee von dem Straenpflaster und den Dchern der
Huser zusammenscharrten. Und daneben standen die Kinder und freuten
sich und frohlockten, wie die Schneelawinen von den Dchern
herunterstrzten und in knstliche Schneestrme zerstiebten.

Die Huser erschienen schwarz und die Fenster noch schwrzer, verglichen
mit der glatten, weien Schneedecke auf den Dchern und dem schmutzigern
Schnee auf den Straen. In den letztern war er von den schweren Rdern
der Wagen und Karren in tiefe Furchen aufgepflgt; Furchen, die sich
hundert- und aberhundertmal kreuzten, wo eine Nebenstrae ausging, und
in dem dicken, gelben Schmutz und halberstarrten Wasser labyrinthische
Kanle bildeten. Der Himmel war trbe und selbst die krzesten Straen
schienen sich in einen dicken Nebel zu verlieren, dessen schwerere Teile
in einem ruigen Regen niederfielen, als wenn alle Essen von England
sich auf einmal entzndet htten und jetzt nach Herzenslust brennten. Es
war nichts Heiteres in der ganzen Umgebung und doch lag etwas in der
Luft, was die klarste Sommerluft und die hellste Sommersonne nicht
htten verbreiten knnen.

Denn die Leute, welche den Schnee von den Dchern schaufelten, waren
lustig und voll mutwilliger Laune. Sie riefen sich einander zu von den
Dchern und wechselten dann und wann einen Schneeball -- ein
gutmtigerer Pfeil, als manches Wort -- und lachten herzlich, wenn er
traf und nicht weniger herzlich, wenn sie fehlschossen. Die Lden der
Geflgelhndler waren noch halb offen und die der Fruchthndler
strahlten in heller Freude. Da sah man groe, runde, dickbuchige Krbe
voll Kastanien, gleich den Westen lustiger, alter Herren, an den Thren
lehnend, oder im apoplektischen Ueberflu auf die Strae rollend. Da sah
man braune, dickbuchige, spanische Zwiebeln, in ihrer Fettheit
spanischen Mnchen gleichend und mutwillig den Mdchen winkend, welche
vorbergingen und verschmt nach dem Mistelzweige schielten. Da sah man
Birnen und Aepfel in Pyramiden zusammengestellt; Trauben, die der
Kaufmann in seiner Gutmtigkeit recht augenfllig im Gewlbe hngen
lie, da den Vorbergehenden der Mund gratis wssere; Haufen von
Haselnssen, bemoost und braun, mit ihrem frischen Duft vergangene
Streifereien in den Wald durch das raschelnde, fuhohe welke Laub
zurckrufend; Norfolk-Biffins, fett und krispig, mit ihrer Brune von
den gelben Orangen abstechend und gar dringend bittend, da man sie nach
Hause tragen und nach Tische essen mge. Ja, selbst die Gold- und
Silberfische, welche in einem Glas mitten unter den auserlesenen
Frchten standen, obgleich von einem dick- und kaltbltigen Geschlechte,
schienen zu wissen, da etwas Besonderes los sei und schwammen um ihre
kleine Welt in langsamer und leidenschaftsloser Bewegung.

Ach die Materialwarenlden! fast geschlossen waren sie, vielleicht ein
oder zwei Laden vorgesetzt; aber welche Herrlichkeiten sah man durch
diese Oeffnungen! Nicht allein, da die Wagschalen mit einem frhlichen
Klange auf den Ladentisch klirrten, oder da der Bindfaden und seine
Rolle so munter voneinander schieden, oder da die Bchsen wie durch
Zauberei blitzschnell hin und her fuhren, oder da der vermischte Geruch
von Kaffee und Thee der Nase so wohlthuend war, die Rosinen so
wunderschn, die Mandeln so auerordentlich wei, die Zimtstengel so
lang und gerade, die andern Gewrze so kstlich, die eingemachten
Frchte so dick mit geschmolzenem Zucker belegt waren, da der klteste
Zuschauer entzckt wurde; nicht da die Feigen so saftig und fleischig
waren, oder da die Brignolen in bescheidener Koketterie in ihren
verzierten Bchsen errteten, oder da alles so gut zu essen oder so
schn in seinem Weihnachtskleid war; das war es nicht allein. Die
Kaufenden waren auch alle so eifrig und eilig in der Hoffnung des
Festes, da sie in der Thre gegeneinander rannten, wie von Sinnen mit
ihren Krben zusammenstieen und ihre Einkufe vergaen und wieder
zurckliefen, um sie zu holen, und tausend hnliche Irrtmer in der
bestmglichsten Laune begingen, whrend der Kaufmann und seine Leute so
frisch und froh waren, da die blanken Herzen, welche ihre Schrzen
hinten zusammenhielten, ihre eigenen htten sein knnen, die fr aller
Augen Besichtigung auswendig getragen wurden.

Aber bald riefen die Glocken nach den Kirchen und der Kapelle und in
ihren besten Kleidern und mit ihren feiertglichsten Gesichtern gingen
die Leute durch die Straen; und zu derselben Zeit strmten aus den
Nebenstraen und Gchen und namenlosen Winkeln zahllose Leute, welche
ihr Mittagsessen zu dem Bcker trugen. Der Anblick dieser Armen und doch
so Glcklichen schien des Geistes Teilnahme am meisten zu erregen, denn
er blieb mit Scrooge neben eines Bckers Thr stehen, und indem er die
Decken von den Schsseln nahm, wie die Trger vorbergingen, bestreute
er ihr Mahl mit Weihrauch von seiner Fackel. Es war eine gar wunderbare
Fackel, denn ein paarmal, als ein paar von den Leuten zusammengerannt
waren und einige heftige Worte fielen, besprengte er sie mit einigen
Tropfen Thau von seiner Fackel und ihre gute Laune war augenblicklich
wiederhergestellt. Denn sie sagten, es sei eine Schande, sich am
Weihnachtstage zu zanken.

Jetzt schwiegen die Glocken und die Lden der Bcker wurden geschlossen;
und doch schwebte noch ein Schattenbild von allen diesen Mittagsessen
und dem Fortschreiten ihrer Zubereitung in dem gethauten, nassen Fleck
ber jedem Ofen; und vor ihnen rauchte das Pflaster, als wenn selbst die
Steine kochten.

Ist eine besondere Kraft in dem, was deine Fackel ausstreut? frug
Scrooge.

Ja. Meine eigene.

Und wirkt sie auf jedes Mittagsmahl an diesem Tage? fragte Scrooge.

Auf jedes, welches gern gegeben wird. Auf ein rmliches am meisten.

Warum auf ein rmliches am meisten?

Weil das sie am meisten bedarf.

Geist, sagte Scrooge nach einem augenblicklichen Sinnen, mich
wundert's, da du von allen Wesen auf den vielen Welten um uns wnschen
solltest, diesen Leuten die Gelegenheit unschuldigen Genusses zu
rauben.

Ich? rief der Geist.

Du willst ihnen die Mittel nehmen, jeden siebenten Tag zu Mittag zu
essen, und doch ist das der einzige Tag, wo sie berhaupt zu Mittag
essen knnen, sagte Scrooge.

Ich? rief der Geist.

Verzeihe mir, wenn ich unrecht habe. Es ist in deinem Namen geschehen
oder wenigstens in dem deiner Familie, sagte Scrooge.

Es giebt Menschen auf Eurer Erde, entgegnete der Geist, welche uns
kennen wollen und ihre Thaten des Stolzes, der Migunst, des Hasses, des
Neides, des Fanatismus und der Selbstsucht in unserm Namen thun; die uns
in allem, was zu uns gehrt, so fremd sind, als wenn sie nie gelebt
htten. Bedenke das und schreibe ihre Thaten ihnen selbst zu und nicht
uns.

Scrooge versprach es und sie gingen unsichtbar, wie bisher, weiter in
die Vorstadt. Es war eine wunderbare Eigenschaft des Geistes (Scrooge
hatte sie bei dem Bcker bemerkt), da er, trotz seiner riesenhaften
Gestalt, doch berall leicht Platz fand; und da er unter einem
niedrigen Dach ebenso schn und wie ein bernatrliches Wesen dastand,
wie im gerumigen hohen Saal.

Vielleicht war es die Freude, welche der gute Geist darin fhlte, diese
Macht zu zeigen, vielleicht auch seine warmherzige, freundliche Natur
und seine Teilnahme fr alle Armen, was ihn gerade zu Scrooges Diener
fhrte; denn er ging wirklich hin und nahm Scrooge mit, der sich an sein
Gewand festhielt. Auf der Schwelle stand der Geist lchelnd still und
segnete Bob Cratchits Wohnung mit dem Thau seiner Fackel. Bedenkt nur,
Bob hatte nur fnfzehn Bob[2] die Woche; er steckte Sonnabends nur
fnfzehn seiner Namensvettern in die Tasche; und doch segnete der Geist
der heurigen Weihnacht sein Haus.

  [2] Schillinge.

Mr. Cratchits Frau, in einem rmlichen, zweimal gewendeten Kleid, schn
aufgeputzt mit Bndern, die billig sind, aber hbsch genug fr sechs
Pence aussehen, stand im Zimmer und deckte den Tisch. Belinda Cratchit,
ihre zweite Tochter, half ihr, whrend Mr. Peter Cratchit mit der Gabel
in eine Schssel voll Kartoffeln stach und die Spitzen seines ungeheuren
Hemdkragens (Bobs Privateigentum, seinem Sohn und Erben zu Ehren des
Festes geliehen) in den Mund kriegte, voller Stolz, so schn angezogen
zu sein und voll Sehnsucht, sein weies Hemd in den fashionablen Parks
zur Schau zu tragen. Jetzt kamen die zwei kleinern Cratchits, ein
Mdchen und ein Knabe, hereingesprungen und schrieen, sie htten an des
Bckers Thr die Gans gerochen und gewut, da es ihre eigene sei; und
in freudigen Trumen von Salbei und Zwiebeln tanzten sie um den Tisch
und erhoben Master Peter Cratchit bis in den Himmel, whrend er (nicht
stolz, obgleich der Hemdkragen ihn fast erstickte) das Feuer blies, bis
die Kartoffeln aufwallend an den Topfdeckel klopften, da man sie
herauslassen und schlen mge.

Wo bleibt nur der Vater? sagte Mrs. Cratchit. Und dein Bruder Tiny
Tim; und Martha kam vorige Weihnachten eine halbe Stunde frher.

Hier ist Martha, Mutter, sagte ein Mdchen, zur Thr hereintretend.

Hier ist Martha, Mutter, riefen die beiden kleinen Cratchits. Hurra,
das ist eine Gans, Martha.

Gott gre dich, liebes Kind! wie spt du kommst! sagte Mrs. Cratchit,
sie ein dutzendmal kssend und mit zuthulichem Eifer ihr Shawl und Hut
abnehmend.

Wir hatten gestern Abend viel zurecht zu machen, antwortete das
Mdchen, und muten heute alles fertig machen, Mutter.

Nun, es schadet nichts, da du doch da bist, sagte Mrs. Cratchit.
Setze dich an das Feuer, liebes Kind, und wrme dich.

Nein, nein, der Vater kommt, riefen die beiden kleinen Cratchits, die
berall zu gleicher Zeit waren. Versteck' dich, Martha, versteck'
dich!

Martha versteckte sich und jetzt trat Bob herein, der Vater. Wenigstens
drei Fu, ungerechnet der Fransen, hing der Shawl auf seine Brust herab
und die abgetragnen Kleider waren geflickt und gebrstet, um ihnen ein
Ansehen zu geben. Tiny Tim sa auf seiner Schulter. Der arme Tiny Tim!
er trug eine kleine Krcke und seine Glieder wurden von eisernen
Schienen gesttzt.

Nun, wo ist unsere Martha? rief Bob Cratchit, im Zimmer herumschauend.

Sie kommt nicht, sagte Mrs. Cratchit.

Sie kommt nicht? sagte Bob mit einer pltzlichen Abnahme seiner
frhlichen Laune; denn er war den ganzen Weg von der Kirche Tims Pferd
gewesen und im vollen Laufe nach Hause gerannt. Sie kommt nicht zum
Weihnachtsabend?

Martha wollte ihm keinen Schmerz verursachen, selbst nicht aus Scherz,
und so trat sie hinter der Thr hervor und schlang die Arme um seinen
Hals, whrend die beiden kleinen Cratchits sich Tiny Tims bemchtigten
und ihn nach dem Waschhause trugen, damit er den Pudding im Kessel
singen hre.

Und wie hat sich der kleine Tim aufgefhrt? frug Mrs. Cratchit, als
sie Bob wegen seiner Leichtglubigkeit geneckt und Bob seine Tochter
nach Herzenslust gekt hatte.

Wie ein Goldkind, sagte Bob, und noch besser. Ich wei nicht, wie es
zugeht, aber er wird jetzt so trumerisch vom Alleinsitzen, und sinnt
sich die seltsamsten Dinge aus. Heute wie wir nach Haus gingen, sagte
er, er hoffe, die Leute shen ihn in der Kirche, denn er sei ein
Krppel, und es wre vielleicht gut fr sie, sich am Christtag an den zu
erinnern, der Lahme gehend und Blinde sehend machte.

Bobs Stimme zitterte, als er dies sagte und zitterte noch mehr, als er
hinzufgte, da Tiny Tim strker und gesunder werden wrde.

Man hrte jetzt seine kleine Krcke auf dem Fuboden und ehe weiter ein
Wort gesprochen worden, war Tim wieder da und wurde von seinem Bruder
und seiner Schwester nach seinem Stuhl neben dem Feuer gefhrt. Whrend
jetzt Bob, seine Rockaufschlge in die Hhe schlagend -- als wenn es
mglich wre, sie noch mehr abzutragen -- in einer Bowle aus Cognac und
Citronen eine heie Mischung zubereitete, und sie umrhrte und wieder an
das Feuer setzte, damit sie sich warm halten mge, gingen Master Peter
und die zwei sich berall befindenden kleinen Cratchits, um die Gans zu
holen, mit der sie bald in feierlichem Zuge zurckkehrten.

Jetzt entstand ein solcher Lrm, als ob eine Gans der seltenste aller
Vgel wre, ein gefiedertes Wunder, gegen das ein schwarzer Schwan etwas
ganz Gewhnliches wre, und wirklich war sie es auch in diesem Hause.
Mrs. Cratchit lie die Bratenbrhe aufwallen; Master Peter schmorte die
Kartoffeln mit unglaublichem Eifer; Mi Belinda machte die Aepfelsauce
s; Martha stubte die gewrmten Teller ab; Bob trug Tiny Tim neben
sich in eine behagliche Ecke am Tisch; die beiden kleinen Cratchits
stellten die Sthle zurecht, wobei sie sich nicht vergaen, und nahmen
ihren Posten ein, den Lffel in den Mund steckend, damit sie nicht nach
Gans schrieen, ehe die Reihe an sie kam. Endlich wurde das Gericht
aufgetragen und das Tischgebet gesprochen. Darauf folgte eine atemlose
Pause, als Mrs. Cratchit, das Vorschneidemesser langsam von der Spitze
bis zum Heft betrachtend, sich zurecht machte, es der Gans in die Brust
zu stoen; aber wie sie es that, und wie der lang erwartete Strom des
Gefllsels sich ergo, ertnte ein freudiges Murmeln um den ganzen
Tisch, und selbst Tiny Tim, durch die beiden kleinen Cratchits in Feuer
gebracht, schlug mit dem Heft seines Messers auf den Tisch und rief ein
schwaches Hurra.

Nie hatte es so eine Gans gegeben. Bob sagte, er glaube nicht, da
jemals eine solche Gans gebraten worden wre. Ihre Zartheit und ihr
Fett, ihre Gre und ihre Billigkeit waren der Gegenstand allgemeiner
Bewunderung. Mit Hilfe der Aepfelsauce und der geschmorten Kartoffeln,
gab sie ein hinreichendes Mahl fr die ganze Familie; und wie Mrs.
Cratchit einen einzigen kleinen Knochen noch auf der Schssel liegen
sah, sagte sie mit groer Freude, sie htten doch nicht alles
aufgegessen! Aber jeder von ihnen hatte genug und die kleinen Cratchits
waren bis an die Augenbrauen mit Salbei und Zwiebeln eingesalbt. Jetzt
wurden die Teller von Mi Belinda gewechselt und Mrs. Cratchit verlie
das Zimmer allein -- denn sie war zu unruhig, Zeugen dulden zu knnen --
um den Pudding herauszunehmen und hereinzubringen.

Wenn er nicht ausgebacken wre! Wenn er beim Herausnehmen in Stcke
zerfiele! Wenn jemand ber die Mauer des Hinterhauses geklettert wre
und ihn gestohlen htte, whrend sie sich an der Gans erquickten -- ein
Gedanke, bei dem die beiden kleinen Cratchits bleich vor Schrecken
wurden! Alles mgliche Schreckliche dachte man sich.

Hallo eine Wolke Rauch! der Pudding war aus dem Kessel genommen. Ein
Geruch, wie an einem Waschtag! das war die Serviette. Ein Geruch wie in
einem Speisehause, mit einem Pastetenbcker auf der einen und einer
Wscherin auf der andern Seite! Das war der Pudding. In einer halben
Minute trat Mrs. Cratchit herein, aufgeregt, aber stolz lchelnd und vor
sich den Pudding, hart und fest wie eine gefleckte Kanonenkugel, in
einem Viertelquart Rum flammend und in der Mitte mit der festlichen
Stecheiche geschmckt.

O, ein wunderbarer Pudding! Bob Cratchit sagte mit ruhiger und sicherer
Stimme, er halte das fr das grte Kochkunststck, welches Mrs.
Cratchit seit ihrer Heirat verrichtet habe. Mrs. Cratchit sagte, jetzt
da die Last von ihrem Herzen sei, wolle sie nur gestehen, da sie wegen
der Menge des Mehls gar sehr in Angst gewesen sei. Jeder hatte darber
etwas zu sagen, aber keiner sagte oder dachte, es sei doch ein kleiner
Pudding fr eine so groe Familie. Das wre offenbare Ketzerei gewesen.
Jeder Cratchit wrde sich geschmt haben, so etwas nur zu denken.

Endlich waren sie mit dem Essen fertig, der Tisch war abgedeckt, der
Herd gekehrt und das Feuer aufgeschrt. Das Gemisch in der Bowle wurde
gekostet und fr fertig erklrt, Aepfel und Apfelsinen auf den Tisch
gesetzt und ein paar Hnde voll Kastanien auf das Feuer geschttet. Dann
setzte sich die ganze Familie Cratchit um den Kamin in einem Kreise, wie
es Bob Cratchit nannte, obgleich es eigentlich nur ein Halbkreis war;
Bob in der Mitte und neben ihm der Glservorrat der Familie; zwei
Paglser und ein Milchknnchen ohne Henkel.

Diese Gefe aber hielten das heie Gemisch aus der Bowle so gut, als
wenn es goldene Pokale gewesen wren, und Bob schenkte es mit
strahlenden Blicken ein, whrend die Kastanien auf dem Feuer spuckten
und platzten. Dann schlug Bob den Toast vor: Uns allen eine frhliche
Weihnacht, meine Lieben! Gott segne uns!

Die ganze Familie wiederholte den Toast.

Gott segne uns alle und jeden! sagte Tiny Tim, der letzte von allen.

Er sa dicht neben seinem Vater auf seinem kleinen Stuhle. Bob hielt
seine kleine welke Hand in der seinigen, als wenn er das Kind liebe und
wnsche, es bei sich zu behalten und frchte, es mchte ihm bald
genommen werden.

Geist, sagte Scrooge mit einer Teilnahme, wie er sie noch nie gefhlt
hatte, sag' mir, wird Tiny Tim leben bleiben?

Ich sehe einen leeren Stuhl, antwortete der Geist, in der Kaminecke
und eine Krcke ohne einen Besitzer sorgfltig aufbewahrt. Wenn die
Zukunft diese Schatten nicht ndert, wird das Kind sterben.

Nein, nein, sagte Scrooge. Ach nein, guter Geist, sage, da er leben
bleiben wird.

Wenn die Zukunft diese Schatten nicht verndert, wird kein anderer
meines Geschlechtes, antwortete der Geist, das Kind noch hier finden.
Was thut es auch? Wenn es sterben mu, ist es besser, es thue es gleich
und vermindere die berflssige Bevlkerung.

Scrooge senkte das Haupt, seine eigenen Worte von dem Geiste zu hren,
und fhlte sich von Reue und Schmerz berwltigt.

Mensch, sagte der Geist, wenn du ein menschliches Herz hast und kein
steinernes, so hte dich, so heuchlerisch zu reden, bis du weit, was
und wo dieser Ueberflu ist. Willst du entscheiden, welche Menschen
leben, welche Menschen sterben sollen? Vielleicht bist du in den Augen
des Himmels unwrdiger und unfhiger zu leben, als Millionen, gleich
dieses armen Mannes Kind. O Gott, das Gewrme auf dem Blatt ber die zu
vielen Lebenden unter seinen hungrigen Brdern im Staube reden zu
hren!

Scrooge nahm des Geistes Vorwurf demtig hin und schlug die Augen
nieder, aber er blickte schnell wieder in die Hhe, wie er seinen Namen
nennen hrte.

Es lebe Mr. Scrooge! sagte Bob, Mr. Scrooge, der Schpfer dieses
Festes!

Der Schpfer dieses Festes, wahrhaftig! rief Mrs. Cratchit mit
glhendem Gesicht. Ich wollte, ich htte ihn hier. Ich wollte ihm ein
Stck von meiner Meinung zu kosten geben, und ich hoffe, sie wrde ihm
schmecken.

Liebe Frau, sagte Bob, die Kinder! -- es ist Weihnachten.

Freilich mu es Weihnachten sein, sagte sie, wenn man die Gesundheit
eines so niedertrchtigen, geizigen, fhllosen Menschen, wie Scrooge
ist, trinken kann. Und du weit es, Robert, da er es ist, niemand wei
es besser als du!

Liebe Frau, antwortete Bob mild, es ist Weihnachten.

Ich will seine Gesundheit trinken, dir und dem Feste zu gefallen,
sagte Mrs. Cratchit, nicht seinetwegen. Mge er lange leben! Ein
frhliches Weihnachten und ein glckliches neues Jahr! -- Er wird sehr
frhlich und sehr glcklich sein, das glaub' ich. Die Kinder tranken
die Gesundheit nach ihr. Es war das erste, was sie an diesem Abend ohne
Herzlichkeit und Wrme vernahmen. Tiny Tim trank sie zuletzt, aber er
gab keinen Pfifferling darum. Scrooge war der Popanz der Familie. Die
Erwhnung seines Namens warf ber alle einen dstern Schatten, der volle
fnf Minuten zum Verschwinden brauchte.

Wie er weg war, waren sie zehnmal lustiger als vorher, schon weil sie
Scrooge, den Schrecklichen, los waren. Bob Cratchit erzhlte, wie er
eine Stelle fr Mr. Peter in Aussicht habe, welche diesem ganzer fnf und
einen halben Schilling wchentlich einbringen werde. Die beiden kleinen
Cratchits lachten frchterlich bei dem Gedanken, Petern als
Geschftsmann zu sehen; und Peter selbst blickte gedankenvoll zwischen
seinen Halskragen hervor in das Feuer, als denke er nach, in welchen
Aktien er wohl seine Ersparnisse anlegen wrde, wenn er in Besitz dieser
unglaublichen Summe kme. Martha, welche bei einer Putzmacherin Gehilfin
war, erzhlte ihnen, was fr Arbeit sie jetzt mache und wie viel Stunden
sie in der guten Zeit arbeiten msse und wie sie morgen frh
auszuschlafen gedenke; denn morgen war fr sie ein Feiertag. Auch
erzhlte sie, wie sie vor einigen Tagen eine Grfin und einen Lord
gesehen und da der Lord fast so gro wie Peter gewesen sei, bei welchen
Worten Peter seinen Hemdkragen so hoch in die Hhe zupfte, da sein Kopf
dazwischen verschwand. Whrend dieser ganzen Zeit gingen die Kastanien
und der Punsch ringsum und dazwischen sang Tiny Tim mit seiner klagenden
Stimme ein Lied von einem Kind, was sich im Schnee verlaufen, und sang
es recht hbsch.

In alle dem war nichts Besonderes. Es waren keine hbschen Gesichter in
der Familie; sie waren nicht schn angezogen; ihre Schuhe waren nichts
weniger als wasserdicht; ihre Kleider waren rmlich; und Peter mochte
wohl das Innere eines Pfandleiherladens kennen. Aber sie waren
glcklich, voller Dank fr ihre bescheidenen Freuden, einig
untereinander und zufrieden; und als ihre Gestalten verblichen und in
dem scheidenden Lichte der Fackel des Geistes noch glcklicher
aussahen, verweilte Scrooges Auge immer noch auf ihnen und vor allem auf
Tiny Tim.

Es war jetzt dunkel geworden und es fiel ein starker Schnee; und wie
Scrooge und der Geist durch die Straen gingen, war der Glanz der
lodernden Feuer in Kchen, Putzstuben und aller Art Gemchern wundervoll
ber alle Maen. Hier zeigte die flackernde Flamme die Vorbereitungen zu
einem traulichen Mahl, die heien Teller, wie sie sich vor dem Feuer
durch und durch wrmten und die dunkelroten Gardinen, bereit, Klte und
Nacht auszuschlieen. Dort liefen alle Kinder des Hauses hinaus auf die
beschneite Strae, ihren verheirateten Schwestern, Brdern, Vettern,
Basen, Onkeln und Tanten entgegen, um sie zuerst zu begren. Hier
zeigten sich an den Fenstern Schatten versammelter Gste; und dort eine
Gruppe hbscher Mdchen in Pelzkragen und Pelzstiefeln, alle zugleich
redend und mit leichten Schritten in eines Nachbars Haus eilend. Wehe
dem Junggesellen, der sie dort ganz glhend eintreten sah und die
kleinen Hexen wuten das recht gut!

Wenn man nach der Zahl der Leute htte urteilen wollen, die zu
freundschaftlichen Besuchen eilten, htte man glauben knnen, es sei
niemand da, sie zu bewillkommnen. Aber anstatt dessen erwartete jedes
Haus Gste und in jedem Kamine loderte die Flamme. Wie sich der Geist
freute! wie er seine breite Brust entblte und seine volle Hand aufthat
und dahinschwebte, freigebig seine heitere und harmlose Lust ber alles
in seinem Bereiche ausschttend! Selbst der Laternenmann, welcher durch
die dunklen Straen rannte, um ihre trben Nebel mit Flecken Licht zu
erhellen und der bereits angeputzt war, um den Abend irgendwo
zuzubringen, lachte laut auf, wie der Geist vorberschwebte.

Und jetzt, ohne da der Geist vorher etwas gesagt htte, standen sie auf
einer kahlen, den Haide, wo ungeheure Felsblcke umhergestreut waren,
als wre hier eine Begrbnissttte von Riesen; und Wasser breitete sich
aus, wo es nur Lust hatte -- oder wrde es gethan haben, wenn es der
Frost nicht gefangen hielt; und nichts wuchs dort, als Moos und Gestrpp
und hartes, spitziges Gras. Tief im Westen hatte die untergehende Sonne
einen Streifen glhenden Rotes gelassen, der einen Augenblick auf die
de Steppe niederschaute, wie ein zrnendes Auge und immer tiefer und
tiefer sank, bis er sich im Dunkel der tiefsten Nacht verlor.

Was ist das fr ein Ort? frug Scrooge.

Ein Ort, wo Bergleute in den Tiefen der Erde arbeiten, antwortete der
Geist. Aber sie kennen mich. Sieh!

Ein Licht glnzte aus dem Fenster einer Htte und sie schwebten schnell
darauf zu. Hier fanden sie eine frhliche Gesellschaft um ein wrmendes
Feuer sitzen. Ein alter, alter Mann und eine greise Frau mit ihren
Kindern und Enkeln und Urenkeln, alle in festlichen Kleidern. Der Alte
sang mit einer Stimme, die nur selten das Heulen des Windes auf der
Einde bertnte, ein Weihnachtslied; es war schon ein sehr altes Lied
gewesen, als er noch ein Knabe war; und von Zeit zu Zeit fielen sie alle
im Chore ein. Und stets wie ihre Stimmen ertnten, wurde der Alte
lebendig und laut; und immer, wie sie aufhrten, sank seine Kraft
wieder.

Der Geist verweilte hier nicht, sondern befahl Scrooge, sich an sein
Gewand zu halten. Sie schwebten ber die Oede, aber wohin? doch nicht
aufs Meer? Aufs Meer! Zu seinem Schrecken sah Scrooge hinter sich das
Land verschwinden; und sein Ohr wurde betubt von dem Donner der Wogen,
wie sie unter den grausenden Hhlen, welche sie genagt hatten, heulten
und brllten und wteten und mit wildem Grimm die Erde zu unterwhlen
trachteten.

Auf einer einsamen, halb im Wasser versunkenen Klippe, wohl eine Meile
vom Lande, stand ein einsamer Leuchtturm. Das ganze de Jahr hindurch
schumten und tosten um ihn die Wogen. Groe Haufen von Seegras umgaben
seinen Fu und Sturmvgel -- geboren vom Winde, konnte man glauben, wie
Seegras von den Wellen -- hoben sich und senkten sich um seine Spitze,
wie die wogenden Wellen unten, ber die sie segelten.

Aber selbst hier hatten die zwei Turmwchter ein Feuer angezndet,
welches durch das Guckloch in der dicken, steinernen Mauer einen
hellglnzenden Streifen auf die nchtliche See hinauswarf. Die harten
Hnde sich ber den Tisch hinreichend, an dem sie saen, wnschten sie
sich eine frhliche Weihnacht und stieen mit den Grogglsern darauf an;
und einer der beiden, der Aeltere noch dazu, mit einem Gesicht von Sturm
und Wetter gebrunt und gefurcht, wie das Gallionbild eines alten
Schiffes, stimmte ein krftiges Lied an, das wie ein Sturmwind schallte.

Wieder schwebte der Geist ber die dunkelwogende See dahin, immer weiter
und weiter, bis sie, fern von jeder Kste, wie der Geist zu Scrooge
sagte, auf einem Schiffe niedersanken. Sie standen neben dem Steuermann
an dem Rade, dem Ausgucker vorn, neben den Offizieren, welche die Wacht
hatten. Wie dunkle, gespenstische Gestalten standen diese auf ihrem
Posten, aber jeder von ihnen summte ein Weihnachtslied, oder hatte einen
Weihnachtsgedanken, oder sprach leise zu seinen Kameraden von einem
frheren Weihnachtsabend und heimatlichen Hoffnungen, die sich daran
knpften. Und jeder einzelne an Bord, wachend oder schlafend, gut oder
schlecht, hatte an diesem Tage ein herzlicheres Wort fr seine Kameraden
gehabt, als an jedem andern Tag des Jahres, und wenigstens einigermaen
ihn gefeiert; und hatte an die gedacht, die sich jetzt seiner in der
Ferne erinnerten und hatte gewut, da sie jetzt seiner freundlich
gedachten.

Eine groe Ueberraschung war es fr Scrooge, whrend er dem Sthnen des
Windes lauschte und nachdachte, wie schauerlich es doch sei, durch die
de Nacht ber einen unbekannten Abgrund, der Geheimnisse barg, so tief
wie der Tod, zu schiffen; eine groe Ueberraschung war es fr Scrooge,
sagte ich, pltzlich ein herzliches Lachen zu vernehmen. Noch grer
war Scrooges Ueberraschung, als er darin das Lachen seines eigenen
Neffen erkannte und sich in einem hellen, behaglich warmen Zimmer
wiederfand, whrend der Geist an seiner Seite stand und mit beiflligem,
mildem Lcheln auf diesen selbigen Neffen herabblickte.

Haha! lachte Scrooges Neffe. Hahaha!

Wenn durch einen sehr unwahrscheinlichen Zufall jemand einen Menschen
kennt, der sich glcklicher fhlt, zu lachen, als Scrooges Neffe, so
kann ich nur sagen, ich mchte ihn auch kennen. Stellt mich ihm vor und
ich werde seine Freundschaft kultivieren.

Es ist doch eine gerechte und schne Anordnung, da, wie Krankheit und
Kummer ansteckend sind, auch in der ganzen weiten Welt nichts so
unwiderstehlich ansteckend ist, wie Lachen und Frhlichkeit.

Wie Scrooges Neffe lachte und sich den Bauch hielt und mit dem Kopfe
wackelte und die allermerkwrdigsten Gesichter schnitt, lachte Scrooges
Nichte (durch Heirat) so herzlich wie er. Und die versammelten Freunde,
nicht faul, fielen in den Lachchor ein.

Haha! Haha! Haha!

Er sagte, Weihnachten wre dummes Zeug, so wahr ich lebe, rief
Scrooges Neffe. Er glaubt es auch.

Die Schande ist um so grer fr ihn, Fritz, sagte Scrooges Nichte
entrstet. Gott segne die Frauen! Sie thun nie etwas halb. Sie sind
immer in vollem Ernste.

Sie war hbsch, sehr hbsch. Sie hatte ein liebliches, schelmisches
Gesicht; einen frischen kleinen Mund, der zum Kssen geschaffen schien
-- wie er es ohne Zweifel auch war; alle Arten lieber kleiner Grbchen
um das Kinn, welche ineinander flossen, wenn sie lachte; und das
sonnenhellste Paar Augen, welches je erblickt wurde. Ja, sie war
reizend, liebenswrdig, hinreiend.

Es ist ein komischer alter Kerl, sagte Scrooges Neffe, das ist wahr;
und nicht so angenehm, wie er sein knnte, doch seine Fehler bestrafen
sich selbst und ich habe ihn nicht zu tadeln.

Er mu sehr reich sein, Fritz, meinte Scrooges Nichte. Wenigstens
sagst du es immer.

Was geht das uns an, Liebe! sagte Scrooges Neffe. Sein Reichtum ntzt
ihm nichts. Er thut nichts Gutes damit. Er macht sich nicht einmal
selbst das Leben damit angenehm. Er hat nicht das Vergngen, zu denken
-- hahaha -- da er uns am Ende damit eine Freude machen wird.

Ich habe keine Geduld mit ihm, bemerkte Scrooges Nichte. Die Schwester
von Scrooges Nichte und all die anderen Damen waren derselben Meinung.

O, ich habe Geduld, sagte Scrooges Neffe. Mir thut er leid; ich
knnte nicht bs auf ihn werden, selbst wenn ich's versuchte. Wer leidet
unter seiner bsen Laune? Er selber, weiter niemand. Jetzt hat er sich
in den Kopf gesetzt, uns nicht leiden zu knnen und will nicht unsere
Einladung zum Mittagsessen annehmen. Was ist die Folge davon? Er
verliert nicht viel an unserm Essen.

Nun, ich meine, er verliert ein sehr gutes Essen, unterbrach ihn
Scrooges Nichte. Die anderen sagten dasselbe und man konnte ihnen die
Kompetenz nicht bestreiten, weil sie eben zu essen aufgehrt hatten und
jetzt bei dem Dessert bei Lampenlicht um den Kamin saen.

Nun, es freut mich, das zu hren, sagte Scrooges Neffe, weil ich kein
groes Vertrauen in diese jungen Hausfrauen habe. Was sagen Sie dazu,
Topper?

Ganz klrlich war's, Topper hatte ein Auge auf eine der Schwestern von
Scrooges Nichte geworfen, denn er antwortete, ein Hagestolz sei ein
unglcklicher, heimatloser Mensch, der kein Recht habe, eine Meinung
ber diesen Gegenstand auszusprechen; bei welchen Worten die Schwester
von Scrooges Nichte -- die Dicke mit dem Spitzenkragen, nicht die mit
der Rose im Haar -- rot wurde.

Weiter, weiter, Fritz! sagte Scrooges Nichte, in die Hnde klatschend.
Er bringt nie zu Ende, was er angefangen hat! Er ist ein so nrrischer
Kerl.

Scrooges Neffe schwelgte in einem andern Gelchter, und es war
unmglich, sich von der Ansteckung fern zu halten, obgleich die dicke
Schwester es sogar mit =quatre voleurs= versuchte: sein Beispiel wurde
einstimmig nachgeahmt.

Ich wollte nur sagen, sagte Scrooges Neffe, da die Folge seines
Mifallens an uns und seiner Weigerung, mit uns frhlich zu sein, die
ist, da er einige angenehme Augenblicke verliert, welche ihm nicht
schaden wrden. Gewi verliert er angenehmere Unterhaltung, als ihm
seine eigenen Gedanken in seinem dumpfigen alten Comptoir oder in seiner
Wohnung geben. Ich denke ihm jedes Jahr die Gelegenheit dazu zu geben,
ob es ihm nun gefllt oder nicht, denn er dauert mich. Er mag auf
Weihnachten schimpfen, bis er stirbt, aber er mu doch endlich besser
davon denken, wenn er mich jedes Jahr in guter Laune zu ihm kommen
sieht, mit den Worten: Onkel Scrooge, wie befinden Sie sich? Wenn es ihm
nur den Gedanken eingiebt, seinem armen Diener fnfzig Pfund zu
hinterlassen, so ist das doch wenigstens etwas; und ich glaube, ich
packte ihn gestern.

Es war jetzt an ihnen die Reihe zu lachen, bei dem Gedanken, da er
Scrooge gepackt htte. Aber da er durch und durch gutmtig war und sich
nicht sehr darum kmmerte, ber was sie lachten, wenn sie nur berhaupt
lachten, so fiel er in ihre Frhlichkeit ein und lie die Flasche munter
herum gehen.

Nach dem Thee war Musik. Denn sie waren eine musikalische Familie und
wuten, was sie thaten, wenn sie einen Glee oder Catch sangen, darauf
knnt ihr euch verlassen, vorzglich Topper, der den Ba brummen konnte
nach Noten, ohne da die groen Adern auf der Stirn anschwollen, oder
sein Gesicht rot wurde. Scrooges Nichte spielte die Harfe recht gut; und
spielte unter anderen Stcken auch ein kleines Liedchen (ein bloes
Nichts, ihr httet es in zwei Minuten pfeifen gelernt), welches das
Kind, von dem Scrooge aus der Schule geholt worden war, wie ihn der
Geist der vergangenen Weihnachten gezeigt hatte, oft gesungen hatte. Als
Scrooge dieses Liedchen hrte, trat alles, was ihm der Geist gezeigt
hatte, wieder vor seine Seele; er wurde weicher und weicher und dachte,
wenn er es vor Jahren oft htte hren knnen, so htte er die
gemtlichen Seiten des Lebens genieen knnen, ohne erst zu des
Totengrbers Spaten, der Jakob Marley begraben, seine Zuflucht nehmen zu
mssen.

Aber sie widmeten nicht den ganzen Abend der Musik. Nach einer Weile
fingen sie Pfnderspiele an, denn es ist gut zuweilen Kind zu sein und
vorzglich zu Weihnachten, als der Grnder dieses Festes selbst ein Kind
war. Doch halt, erst spielten sie noch Blindekuh. Und ich glaube
ebensowenig, da Topper wirklich blind war, als ich glaube, er htte
Augen in seinen Stiefeln gehabt. Ich vermute, es war zwischen ihm und
Scrooges Neffen abgekartet und der Geist der heurigen Weihnacht wute
es. Die Art, wie er die dicke Schwester in dem Spitzenkragen verfolgte,
war eine Beleidigung der menschlichen Leichtglubigkeit. Wo sie ging,
ging er auch, die Feuereisen umstoend, ber Sthle stolpernd, an das
Piano anrennend, sich in den Gardinen verwirrend. Immer wute er, wo die
dicke Schwester war. Wenn jemand gegen ihn gefallen wre, wie einige
thaten, oder sich vor ihn hingestellt htte, wrde er gethan haben, als
bemhe er sich, ihn zu ergreifen, wre aber augenblicklich umgekehrt,
der dicken Schwester nach. Sie rief oft, das sei nicht ehrlich und
wirklich war es das auch nicht. Aber endlich hatte er sie gefunden und
trotz ihres Strubens sperrte er sie in eine Ecke, wo keine Flucht
mglich war; und da wurde seine Auffhrung ganz abscheulich. Denn sein
Vorgeben, er kenne sie nicht: er msse ihren Kopfputz anfassen und, um
sie zu erkennen, einen gewissen Ring auf ihrem Finger und eine gewisse
Kette um ihren Hals befhlen, war ganz, ganz abscheulich! Und gewi
sagte sie ihm auch ihre Meinung darber, denn als ein anderer Blinder an
der Reihe war, waren sie hinter den Gardinen sehr vertraut miteinander.

Scrooges Nichte nahm nicht mit an dem Blindekuhspiele teil, sondern sa
gemtlich in einer traulichen Ecke in einem Lehnstuhle mit einem
Fubnkchen, und der Geist und Scrooge standen dicht hinter ihr. Aber
Pfnder spielte sie mit und liebte ihre Liebe mit allen Buchstaben des
Alphabets zur Bewunderung. Auch in dem Spiele: Wie, wenn und wo, war sie
sehr stark und stellte zur geheimen Freude von Scrooges Neffen ihre
Schwestern gar sehr in Schatten, obgleich sie auch ganz gescheite
Mdchen waren, wie uns Topper htte sagen knnen. Es mochten ungefhr
zwanzig Personen da sein, junge und alte, aber sie spielten alle und
auch Scrooge spielte mit; denn in seiner Teilnahme an dem Geschehenen
ganz vergessend, da ihnen seine Stimme nicht hrbar war, sagte er oft
seine Antwort auf die Fragen ganz laut und riet auch oft ganz richtig.

Dem Geiste gefiel es sehr, ihn in dieser Laune zu sehen und er blickte
ihn so freundlich an, da Scrooge wie ein Knabe ihn bat, noch warten zu
drfen, bis die Gste fortgingen. Aber der Geist sagte, dies knne nicht
geschehen!

Es fngt ein neues Spiel an, sagte Scrooge. Nur eine einzige halbe
Stunde, Geist.

Es war ein Spiel, was man Ja und Nein nennt, wo Scrooges Neffe sich
etwas zu denken hatte und die anderen erraten muten: was; auf ihre
Fragen brauchte er blo mit Ja oder Nein zu antworten. Die schnell
aufeinander folgenden Fragen, die ihm vorgelegt wurden, stellten heraus,
da er sich ein Tier dachte, ein lebendiges Tier, ein hliches Tier,
ein wildes Tier, ein Tier, das zuweilen brummte und zuweilen sprach und
in London sich aufhielt und in den Straen herumlief und nicht fr Geld
gezeigt und nicht herumgefhrt wrde und nicht in einer Menagerie sei
und nicht geschlachtet werde, und weder ein Pferd, noch ein Esel, noch
eine Kuh, noch ein Ochs, noch ein Tiger, noch ein Hund, noch ein
Schwein, noch eine Katze, noch ein Br sei. Bei jeder neuen Frage, die
ihm gestellt wurde, brach Scrooges Neffe von neuem in ein Gelchter aus
und konnte gar nicht wieder heraus kommen, so da er vom Sofa aufstehen
und mit den Fen stampfen mute. Endlich rief die dicke Schwester mit
einem ebenso unauslschlichen Gelchter: Ich habe es, ich wei es,
Fritz, ich wei es.

Was ist es? rief Fritz.

Es ist Onkel Scrooge.

Und der war es auch. Bewunderung war das allgemeine Gefhl, obgleich
einige meinten, die Frage: ist es ein Br? htte mssen mit Ja
beantwortet werden, denn eine verneinende Antwort sei schon hinreichend
gewesen, ihre Gedanken von Scrooge abzubringen, selbst wenn sie auf dem
Wege zu ihm gewesen wren.

Nun, er hat uns Freude genug gemacht, sagte Fritz, und so wre es
undankbar, nicht seine Gesundheit zu trinken. Hier ist ein Glas Glhwein
dazu bereit. Es lebe Onkel Scrooge!

Es lebe Onkel Scrooge! riefen sie alle.

Eine frhliche Weihnacht und ein glckliches Neujahr dem Alten, wie er
immer sein mge! sagte Scrooges Neffe. Er wollte den Wunsch nicht von
mir annehmen, aber er soll ihn doch haben.

Onkel Scrooge war unmerklich so frhlich und leichtherzig geworden, da
er der von seiner Gegenwart nichts wissenden Gesellschaft ihren Toast
erwidert und ihr mit einer unhrbaren Rede gedankt haben wrde, wenn der
Geist ihm Zeit gelassen htte. Aber alles verschwand in dem Hauche von
dem letzten Worte des Neffen und er und der Geist waren wieder
unterwegs. Sie gingen weit und sahen viel und besuchten manchen Herd,
aber immer spendeten sie Glck. Der Geist stand neben Kranken, und sie
wurden heiter und hoffend; neben Wandernden in fernen Lndern und sie
trumten von der Heimat; neben solchen, die mit dem Leben rangen, und
sie harrten geduldig aus; neben Armen, und sie waren reich. Im
Armenhause und im Lazarette, im Kerker und in jedem Zufluchtsorte des
Jammers, wo der Mensch in seiner kurzen rmlichen Herrschaft dem Geiste
die Thr verschlossen hatte, spendete er seinen Segen und lehrte Scrooge
seine Weise.

Es war eine lange Nacht, wenn es nur eine Nacht war; aber Scrooge
zweifelte daran, denn die Weihnachtsfeiertage schienen in die Zeit, die
sie miteinander zubrachten, zusammengedrngt zu sein. Es war auch
sonderbar, da whrend Scrooge uerlich ganz unverndert blieb, der
Geist offenbar lter wurde. Scrooge hatte diese Vernderung bemerkt,
aber sprach nie davon, bis sie von einer Kinderweihnachtsgesellschaft
weggingen, wo er bemerkte, da des Geistes Haar grau geworden war.

Ist das Leben der Geister so kurz? fragte Scrooge.

Mein Leben auf dieser Erde ist sehr kurz, sagte der Geist, es endet
noch diese Nacht.

Diese Nacht noch! rief Scrooge.

Heute um Mitternacht. Horch, die Zeit nahet.

Die Glocke schlug drei Viertel auf Zwlf.

Vergieb mir, wenn ich nicht recht thue, zu fragen, sagte jetzt
Scrooge, scharf auf des Geistes Gewand blickend, aber ich sehe etwas
Seltsames, was nicht zu dir gehrt, unter deinem Mantel hervorblicken.
Ist es ein Fu oder eine Klaue?

Nach dem wenigen Fleisch, was darauf ist, knnte es wohl eine Klaue
sein, gab der Geist traurig zur Antwort.

Sieh' hier.

Aus den weiten Falten seines Gewandes hervor erschienen jetzt zwei
Kinder: elend, abgemagert, hlich und jammererregend. Sie knieten vor
ihm nieder und hielten sich fest an den Saum seines Gewandes.

O, Mensch, sieh' hier. Sieh' hier, sieh' hier! rief der Geist.

Es war ein Knabe und ein Mdchen. Gelb, elend, zerlumpt und mit wildem,
tckischem Blick; aber doch demtig. Wo die Schnheit der Jugend ihre
Zge htte fllen und mit ihren frischesten Farben kleiden sollen, hatte
eine runzlige, abgelebte Hand, gleich der des Alters, sie berhrt und
versehrt. Wo Engel htten thronen knnen, lauerten Teufel mit grimmigem,
drohendem Blick. Keine Vernderung, keine Entwrdigung der Menschheit in
allen Geheimnissen der Schpfung hat so schreckliche und grauenerregende
Ungeheuer aufzuweisen.

Scrooge fuhr entsetzt zurck. Da sie ihm der Geist auf diese Weise
gezeigt hatte, versuchte er zu sagen, es wren schne Kinder, aber die
Worte erstickten sich selbst, um nicht teilzuhaben an einer so
ungeheuren Lge.

Geist, sind das deine Kinder? Scrooge konnte weiter nichts sagen.

Es sind des Menschen Kinder, sagte der Geist, auf sie herabschauend.
Und sie hngen sich an mich, vor mir ihre Vter anklagend. Dieses
Mdchen ist die Unwissenheit. Dieser Knabe ist der Mangel. Nimm sie
beide wohl in acht, aber vor allem diesen Knaben, denn auf seiner Stirn
seh' ich geschrieben, was Verhngnis ist, wenn die Schrift nicht
verlscht wird. Leugnet es, rief der Geist, seine Hand nach der Stadt
ausstreckend. Verleumdet die, welche es euch sagen! Gebt es zu um eurer
Parteizwecke willen und macht es noch schlimmer! Und erwartet das Ende!

Haben sie keine Sttze, keinen Zufluchtsort? rief Scrooge.

Giebt es keine Gefngnisse? sagte der Geist, das letzte Mal seine
eigenen Worte gegen ihn gebrauchend. Giebt es keine Armenhuser?

Die Glocke schlug Zwlf.

Scrooge sah sich nach dem Geiste um, aber er war verschwunden. Wie der
letzte Schlag verklungen war, erinnerte er sich an die Vorhersagung des
alten Jakob Marley und die Augen erhebend, sah er ein grauenerregendes,
tief verhlltes Gespenst auf sich zukommen, wie ein Nebel auf den Boden
hinrollt.




Viertes Kapitel.

Der letzte der drei Geister.


Die Erscheinung kam langsam, feierlich und schweigend auf ihn zu. Als
sie nher gekommen war, fiel Scrooge auf die Kniee nieder, denn selbst
die Luft, durch die sich der Geist bewegte, schien geheimnisvolles
Grauen zu verbreiten.

Die Erscheinung war in einen schwarzen, weiten Mantel verhllt, der
nichts von ihr sichtbar lie, als eine ausgestreckte Hand. Wenn diese
nicht gewesen wre, wrde es schwer gewesen sein, die Gestalt von der
Nacht zu trennen, welche sie umgab.

Als sie neben ihm stand, fhlte er, da sie gro und stattlich war und
da ihre geheimnisvolle Gegenwart ihn mit einem feierlichen Grauen
erfllte. Er wute weiter nichts, denn der Geist sprach und bewegte sich
nicht.

Ich stehe vor dem Geiste der zuknftigen Weihnachten? fragte Scrooge.

Der Geist antwortete nicht, sondern wies mit der Hand auf die Erde.

Du willst mir die Schatten der Dinge zeigen, welche nicht geschehen
sind, aber geschehen werden, fuhr Scrooge fort. Willst du das, Geist?

Der obere Teil der Verhllung legte sich auf einen Augenblick in Falten,
als ob der Geist sein Haupt neigte; dies war die einzige Antwort, welche
Scrooge erhielt.

Obgleich so ziemlich an gespenstische Gesellschaft gewhnt, frchtete
sich Scrooge vor der stummen Erscheinung doch so sehr, da seine Kniee
wankten und er kaum noch stehen konnte, als er sich bereit machte, ihr
zu folgen. Der Geist stand fr einen Augenblick still, als bemerkte er
seine Furcht und wollte ihm Zeit geben, sich zu erholen.

Aber Scrooge befand sich dadurch noch schlechter. Ein vages,
unbestimmtes Grausen durchbebte ihn bei dem Gedanken, hinter diesem
schwarzen Schleier hefteten sich gespenstische Augen fest auf ihn,
whrend er, obgleich er seine Augen aufs uerste anstrengte, doch
nichts sehen konnte als eine gespenstische Hand und eine groe, schwarze
Faltenmasse.

Geist der Zukunft, rief er, ich frchte dich mehr als die Geister,
die ich schon gesehen habe. Aber da ich wei, da es dein Zweck ist, mir
Gutes zu thun, und da ich hoffe zu leben, um ein anderer Mensch zu
werden, als ich frher war, bin ich bereit, dich zu begleiten und thue
es mit einem dankerfllten Herzen. Willst du nicht zu mir sprechen?

Die Gestalt gab ihm keine Antwort. Die Hand wies gerade in die Ferne vor
ihn.

Fhre mich, sagte Scrooge. Fhre mich, die Nacht schwindet schnell
und die Zeit ist kostbar fr mich. Fhre mich, Geist.

Die Erscheinung bewegte sich von ihm weg, wie sie auf ihn zugekommen
war. Scrooge folgte dem Schatten ihres Gewandes, welcher, schien es ihm,
ihn erhob und von dannen trug.

Kaum war es, als ob sie in die City trten; denn die City schien mehr
rings um sie in die Hhe zu wachsen und sie zu umstellen. Aber sie waren
doch im Herzen derselben, auf der Brse unter den Kaufleuten, welche hin
und her eilten, mit dem Gelde in ihren Taschen klimperten, in Gruppen
miteinander sprachen, nach der Uhr blickten und gedankenvoll mit den
groen, goldenen Siegeln daran spielten, wie Scrooge es oft gesehen
hatte.

Der Geist blieb bei einer Gruppe Kaufleute stehen. Scrooge sah, da die
Hand der Erscheinung darauf hinwies, und so nherte er sich ihnen, um
ihr Gesprch zu belauschen.

Nein, sagte ein groer, dicker Mann mit einem ungeheuern Unterkinn,
ich wei nicht viel davon zu sagen. Ich wei nur, da er tot ist.

Wann starb er? frug ein anderer.

Vorige Nacht, glaub' ich.

Nun, wie geht das zu? fragte ein Dritter, eine groe Prise aus einer
sehr groen Dose nehmend. Ich glaubte, er wrde nie sterben.

Wei Gott, wie es zugeht, sagte der Erste ghnend.

Was hat er mit seinem Gelde angefangen? fragte ein Herr mit einem
roten Gesicht und einem Auswuchs an der Nasenspitze, welcher wackelte,
wie der Lappen eines Truthahns.

Ich habe nichts davon gehrt, sagte der Mann mit dem groen Unterkinn,
abermals ghnend. Hat es wahrscheinlich seiner Gilde hinterlassen. Mir
hat er's nicht vermacht. Das wei ich.

Dieser anmutige Scherz wurde mit einem allgemeinen Gelchter
aufgenommen.

Es wird wohl ein sehr billiges Begrbnis werden, fuhr derselbe
Sprecher fort; denn so wahr ich lebe, ich kenne niemand, der mitgehen
sollte. Wenn wir nun zusammentrten und freiwillig mitgingen?

Ich thue mit, wenn fr ein Lunch gesorgt wird, bemerkte der Herr mit
dem Auswuchse an der Nasenspitze. Aber ich mu traktiert werden, wenn
ich dabei sein soll.

Ein neues Gelchter.

Nun da bin ich doch wohl der Uneigenntzigste von euch, sagte der
erste Sprecher, denn ich trage nie schwarze Handschuhe und esse nie
Lunch. Aber ich gehe mit, wenn sich noch andere finden. Wenn ich mir's
recht berlege, war ich am Ende sein vertrautester Freund; denn wir
blieben stehen und sprachen miteinander, wenn wir uns auf der Strae
trafen. Guten Morgen, guten Morgen!

Sprecher und Zuhrer gingen fort und mischten sich unter andere
Gruppen. Scrooge kannte die Leute und sah den Geist mit einem fragenden
Blicke an.

Die Erscheinung schwebte weiter auf die Strae.

Ihre Hand wies auf zwei sich begegnende Personen.

Scrooge hrte wieder zu, in der Hoffnung, hier die Erklrung zu finden.

Auch diese Leute kannte er recht gut. Es waren Kaufleute, sehr reich und
von groem Ansehen. Er hatte sich immer bestrebt, sich in ihrer Achtung
zu erhalten, das heit in Geschftssachen, blo in Geschftssachen.

Wie geht's? sagte der eine.

Wie geht's Ihnen? sagte der andere.

Gut, sagte der Erste. Der alte Geizhals ist endlich tot, wissen Sie
es?

Ich hrte es, erwiderte der Zweite. 's ist kalt, nicht?

Wie sich's zu Weihnachten pat. Sie sind wohl kein Schlittschuhlufer?

Nein, nein. Habe an andere Sachen zu denken. Guten Morgen!

Kein Wort weiter. So trafen sie sich, so schieden sie.

Scrooge war erst zu staunen geneigt, da der Geist auf anscheinend so
unbedeutende Gesprche ein Gewicht zu legen schien; aber sein Gefhl
sagte ihm, da sie eine verborgene Bedeutung haben mten und er dachte
nach, was wohl diese sein mge. Sie konnten sich nicht auf den Tod
Jakobs, seines alten Compagnons, beziehen, denn der gehrte der
Vergangenheit an, und sein Fhrer war der Geist der Zukunft. Auch konnte
er sich niemand von den ihn nher Angehenden denken, auf den er sie
htte beziehen knnen. Aber in der Gewiheit, da, auf wen sie sich auch
beziehen mchten, doch fr ihn eine wichtige Lehre darin liege, beschlo
er, jedes Wort, das er hrte und jede Scene, die er sah, treu in seinem
Herzen aufzubewahren, und vorzglich seinen Schatten zu beobachten, wenn
er erschien. Denn er erwartete von dem Benehmen seines zuknftigen
Selbst die vermite Aufklrung und die Lsung der Rtsel, die ihm jetzt
so schwierig schien.

Schon auf der Brse schaute er sich nach seinem Selbst um; aber ein
anderer stand in seiner gewohnten Ecke und obgleich die Uhr auf die
Stunde wies, wo er gewhnlich dort war, sah er sich doch auch nicht
unter den Scharen, welche durch den Eingang sich herein drngten. Das
berraschte ihn jedoch wenig, denn er hatte schon lange daran gedacht,
sein Geschft aufzugeben und glaubte und hoffte, in diesen Erscheinungen
die knftige Verwirklichung seines Planes zu sehen.

Reglos und schwarz stand neben ihm das Gespenst mit seiner
ausgestreckten Hand. Als er wieder von seiner nachdenklichen Stellung
aufblickte, glaubte er nach der Richtung der Hand, da die unsichtbaren
Augen sich starr auf ihn hefteten. Bei dem Gedanken berlief ihn ein
kalter Schauer.

Sie verlieen die geschftige Umgebung und gingen in einen abgelegenen
Teil der Stadt, wo Scrooge nie vorher gewesen war, dessen Lage und
schlechten Ruf er aber kannte. Die Straen waren schmutzig und eng und
krumm; die Lden und Huser rmlich; die Menschen halbnackt, betrunken,
barfu, hlich. Gchen und Thorwege, wie ebensoviele Kloaken, strmten
abscheuerregende Gerche und Schmutz und Menschen in die Straen; und
das ganze Viertel schien erfllt von Verbrechen, von Schmutz und von
Elend.

In einem der tiefsten Winkel dieses Zufluchtsortes der Snde und der
Schmach war ein niedriger, dunkler Laden unter einem Wetterdache, wo
Eisen, Lampen, Flaschen, Knochen und schmierige Abflle aller Art
verkauft wurden. Auf dem Fuboden drinnen lag ein Haufen verrosteter
Schlssel, Ngel, Ketten, Thrangeln, Feilen, Wagen, Gewichte und altes
Eisen aller Art. Geheimnisse, nach deren Entrtselung wenige verlangen
wrden, wurden erzeugt und verborgen in Bergen widriger Lumpen, Massen
verdorbenen Fettes und ganzen Beinhusern von Knochen. Mitten unter den
Waren, mit denen er handelte, sa neben einem aus alten Ziegeln
zusammengesetzten Ofen ein grauhaariger, fast siebzigjhriger Schelm,
der sich vor der Klte drauen durch einen bauschigen Vorhang von
allerlei Lumpen, auf eine Leine gehngt, geschtzt hatte und seine
Pfeife im Vollgenusse des Behagens rauchte.

Scrooge und die Erscheinung traten neben diesen Mann, gerade wie eine
Frau mit einem schweren Bndel in den Laden schlich. Aber sie war kaum
eingetreten, als eine zweite Frau, auch mit einem Bndel, ihr nachkam;
und auf diese folgte dicht ein Mann in altem, abgetragenem schwarzen
Anzuge, der nicht weniger von ihrem Anblick erschrocken war, als sie vor
einander erschrocken waren. Nach einigen Augenblicken sprachlosen
Staunens, an dem der Alte mit der Pfeife teilgenommen hatte, brachen sie
alle drei in ein lautes Gelchter aus.

Sage jemand, die Leichenwscherin wrde die Erste sein, sagte die
zuerst Eingetretene. Sage jemand, die Wrterin wrde die Zweite sein;
und nenne jemand des Leichenbesorgers Gehilfen den Dritten. Schau',
alter Joe, wie sich das fgt! ob wir uns nicht alle drei hier getroffen
haben, ohne da wir's wollten.

Ihr httet euch an keinem besseren Orte treffen knnen, sagte der alte
Joe, die Pfeife aus dem Munde nehmend. Kommt in das Staatszimmer. Ihr
habt schon seit lange das Brgerrecht dort, das wit ihr; und die
anderen zwei sind auch keine Fremden. Wartet, bis ich die Ladenthr
zugemacht habe. O, wie sie knarrt! ich glaube, es giebt kein so rostiges
Stck Eisen in dem ganzen Laden, als die Thrangeln; und ich wei, es
giebt keine so alten Knochen hier, wie meine. Haha, wir passen alle zu
unserm Geschft. Kommt ins Staatszimmer.

Das Staatszimmer war der Raum hinter dem Lumpenvorhange. Der Alte
scharrte das Feuer mit einem alten Rouleaustabe zusammen, schob den
Docht seiner rauchigen Lampe, denn es war Abend, mit dem Stiele seiner
Pfeife in die Hhe und steckte diese wieder in den Mund.

Whrend er so beschftigt war, warf die zuerst eingetretene Frau ihr
Bndel auf den Boden und setzte sich mit kokettierender Frechheit auf
einen Stuhl, dann legte sie die Hnde auf die Kniee und sah die beiden
andern mit khnem Trotz an.

Nun, was ist da fr ein Unterschied, Mrs. Dilber? Jeder hat das Recht,
fr sich zu sorgen. Er that es immer.

Das ist wahr, sagte die Wrterin. Keiner that es mehr.

Nun, warum guckt ihr euch da einander an, als frchtetet ihr euch? Wer
ist der Klgere? Wir wollen doch nicht einander die Augen aushacken,
denk' ich!

Nein, gewi nicht, sagten Mrs. Dilber und der Mann zusammen. Wir
wollen es nicht hoffen.

Nun gut denn, rief die Frau, das ist genug. Wem schadet's, wenn wir
so ein paar Sachen mitnehmen, wie die hier? Einer Leiche gewi nicht!

Nein, gewi nicht, sagte Mrs. Dilber lachend.

Wenn er sie, wie ein alter Geizhals, noch nach dem Tode behalten
wollte, fuhr die Frau fort, warum war er whrend seines Lebens nicht
besser? Wenn er's gewesen wre, wrde jemand um ihn gewesen sein, als er
starb, statt da er allein seinen letzten Atem fahren lassen mute.

Es ist das wahrste Wort, was je gesprochen worden, sagte Mrs. Dilber.

Es ist ein Gottesgericht.

Ich wollte, es wre ein bichen schwerer ausgefallen, sagte die Frau;
und es wr's auch, verlat euch drauf, wenn ich mehr htte kriegen
knnen. Mache das Bndel auf, Joe, und sag' mir, was es wert ist. Sprich
gerade heraus. Ich frchte mich nicht, die Erste zu sein, noch es ihnen
sehen zu lassen. Wir wuten gut genug, da wir fr uns sorgten, ehe wir
uns hier trafen. 's ist keine Snde. Mach' das Bndel auf, Joe.

Aber die Galanterie ihrer Freunde wollte das nicht erlauben; und der
Mann in dem abgetragenen schwarzen Rock brachte seine Beute zuerst. Es
war nicht viel daran. Ein oder zwei Siegel, ein silberner Bleistift, ein
paar Hemdknpfe und eine Brosche von geringem Werte, war alles. Sie
wurden von dem alten Joe untersucht und abgeschtzt, worauf er die
Summe, welche er fr jedes bezahlen wollte, an die Wand schrieb und
zusammenrechnete, wie er fand, da nichts mehr kam.

Das ist Eure Rechnung, sagte Joe, und ich gebe keinen Sixpence mehr
und wenn ich in Stcke gehauen werden sollte. Wer kommt jetzt?

Mrs. Dilber war die Nchste. Sie hatte Bett- und Handtcher, einige
Kleidungsstcke, zwei altmodische silberne Theelffel, eine Zuckerzange
und einige Paar Stiefel. Ihre Rechnung wurde auf dieselbe Weise an die
Wand geschrieben.

Damen gebe ich immer zu viel. 's ist meine Schwche und ich richte mich
damit zu Grunde, sagte der alte Joe. Das ist Eure Rechnung. Wenn Ihr
einen Pfennig mehr haben wolltet und lieet es darauf ankommen, so thte
es mir leid, so freigebig gewesen zu sein und ich zge eine halbe Krone
ab.

Und nun mach' mein Bndel auf, Joe, sagte die Erste.

Joe kniete nieder, um bequemer das Bndel ffnen zu knnen, und nachdem
er eine groe Menge Knoten aufgemacht hatte, zog er eine groe und
schwere Rolle eines dunklen Zeugs heraus.

Was ist das? sagte Joe. Bettgardinen.

Ach, rief das Weib lachend und sich vorbeugend, Bettgardinen!

Ihr wollt doch nicht sagen, Ihr httet sie 'runter genommen, wie er
dort lag? sagte Joe.

I, freilich, sagte das Weib. Warum nicht?

Ihr seid geboren, Euer Glck zu machen, und Ihr werdet's auch.

Ich werde doch wahrhaftig meine Hand nicht ruhig einstecken, wenn ich
sie nur auszustrecken brauche, um was zu kriegen, um so eines Mannes
willen, wie der war. Wahrhaftig nicht, Joe, antwortete das Weib ruhig.
Lat kein Oel auf die Bettdecken fallen.

Seine Bettdecke? fragte Joe.

Von wem soll sie denn sonst sein? antwortete das Weib. Er wird auch
ohne dies nicht frieren, das behaupte ich.

Er starb doch nicht etwa an etwas Ansteckendem? sagte der alte Joe,
seine Beschftigung unterbrechend und sie anblickend.

Das braucht Ihr nicht zu befrchten, antwortete die Frau. Ich hatte
ihn nicht so lieb, da ich dann bei ihm geblieben wre um solcher Sachen
willen. Ha, Ihr knnt durch das Hemd gucken, bis Euch Eure Augen weh
thun; Ihr findet kein Loch drin und keine dnne Stelle. Es ist das
beste, was er hatte, und fein ist's auch. Sie htten's verdorben, wenn
ich nicht gewesen wre.

Was nennt Ihr, es verderben? fragte der alte Joe.

Nun, ihm das Hemd in das Grab anziehen, was sonst? erwiderte die Frau
lachend.

Es war jemand Narr genug, es ihm anzuziehen, aber ich zog's ihm wieder
aus. Wenn Kattun zu so etwas nicht gut genug ist, wei ich nicht, zu was
er sonst gut wre. Es steht einer Leiche ebenso gut. Er kann nicht
hlicher aussehen, als er in dem aussah.

Scrooge hrte das Gesprch mit Grausen an. Wie sie da um ihren Raub
herum in dem krglichen Licht der Lampe des Alten saen, betrachtete er
sie mit einem Ekel und einem Abscheu, der nicht grer htte sein
knnen, wenn es scheuliche Dmonen gewesen wren, die um die Leiche
selbst feilschten.

Ha, ha! lachte dieselbe Frau, als der alte Joe, einen alten
flanellenen Geldbeutel herauslangend, jedem den Preis des Raubes auf
den Fuboden hinzhlte. Das ist das Ende von der Geschichte, seht ihr!
Er scheuchte jeden von sich, so lange er lebte, um uns zu ntzen, da er
tot ist! Ha, ha, ha!

Geist, sagte Scrooge, vom Fu bis zum Scheitel zitternd. Ich verstehe
dich. Das Los dieses Unglcklichen knnte das meinige sein. Mein Leben
geht jetzt auf dieses Ziel zu. Gndiger Himmel, was ist das?

Er fuhr entsetzt zurck, denn die Scene hatte sich gendert und er stand
dicht vor einem Bett, einem einsamen, unverhangnen Bett, wo unter einer
groben Decke etwas Verhlltes lag, was, obgleich es stumm war, sich doch
in grausenerregender Sprache nannte.

Das Zimmer war sehr finster, zu finster, um etwas genau erkennen zu
knnen, obgleich Scrooge, einem geheimen Gefhle gehorchend, sich
umschaute, voll Begier, zu wissen, was fr ein Zimmer es sei. Ein
bleiches Licht, welches von drauen kam, fiel gerade auf das Bett; und
auf diesem, geplndert und beraubt, unbewacht und unbeweint, lag die
Leiche dieses Mannes.

Scrooge blickte die Erscheinung an. Ihre reglose Hand wies auf das Haupt
des Leichnams. Die Decke war so sorglos zurecht gelegt, da das
geringste Verschieben, die leiseste Berhrung von Scrooges Finger das
Antlitz enthllt htte. Er dachte daran, fhlte, wie leicht es geschehen
knnte, und sehnte sich, es zu thun; aber er hatte nicht mehr Macht, die
Hlle wegzuziehen, als den Geist an seiner Seite zu entlassen.

O, kalter, starrer, schrecklicher Tod, hier richte deinen Altar auf und
umgieb ihn mit den Schrecken, die dir zu Gebote stehen: denn dies ist
dein Reich! Aber dem geliebten und verehrten Haupt kannst du kein Haar
krmmen, von ihm kannst du keinen Zug widerlich machen. Nicht weil die
Hand schwer ist und herabsinkt, wenn man sie fallen lt, nicht, weil
das Herz und der Puls schweigen; sondern weil die Hand offen war und
barmherzig, weil das Herz offen war und warm und gut und der Puls ein
menschlicher. Tte, Schatten, tte! Und sieh, wie seine guten Thaten aus
der Todeswunde hervorstrmen, um in der Welt unsterbliches Leben zu
sehen.

Keine Stimme flsterte diese Worte in Scrooges Ohren, aber doch hrte er
sie, wie er auf das Bett blickte. Er dachte, wenn dieser Mann jetzt
wieder erweckt werden knnte, was wrde wohl sein erster Gedanke sein?
Geiz, Hartherzigkeit, habgierige Sorge. Ein schnes Ziel haben sie ihm
bereitet!

Er lag in dem dunklen leeren Hause und kein Mann, oder Weib, oder Kind
war da, um zu sagen, er war gtig gegen mich in dem und in jenem, und
dieses einen gtigen Wortes gedenkend, will ich seiner warten. Eine
Katze kratzte an der Thr und die Ratten nagten und raschelten unter dem
Kamin. Was sie in dem Gemach des Todes wollten und warum sie so unruhig
waren, wagte Scrooge nicht auszudenken.

Geist, sagte er, dies ist ein schrecklicher Ort. Wenn ich ihn
verlasse, werde ich nicht seine Lehre vergessen, glaube mir. La uns
gehen.

Immer noch wies der Geist mit reglosem Finger auf das Haupt der Leiche.

Ich verstehe dich, antwortete Scrooge, und ich thte es, wenn ich
knnte. Aber ich habe die Kraft nicht dazu, Geist. Ich habe die Kraft
nicht dazu.

Wieder schien der Geist ihn anzublicken.

Wenn irgend jemand in der Stadt ist, der bei dieses Mannes Tod etwas
fhlt, sagte Scrooge erschttert, so zeige mir ihn, Geist, ich flehe
dich darum an.

Die Erscheinung breitete ihren dunklen Mantel einen Augenblick vor ihm
aus wie einen Fittich; und wie sie ihn wieder wegzog, sah er ein
taghelles Zimmer, in dem sich eine Mutter mit ihren Kindern befand.

Sie hoffte auf jemandes Kommen in angstvoller Erwartung; denn sie ging
im Zimmer auf und ab: erschrak bei jedem Gerusch; sah zum Fenster
hinaus; blickte nach der Uhr; versuchte vergebens zu arbeiten; und
konnte kaum die Stimmen der spielenden Kinder ertragen.

Endlich hrte sie das langersehnte Klopfen an der Hausthr und traf, als
sie hinaussehen wollte, ihren Gatten. Sein Gesicht war bekmmert und
niedergeschlagen, obgleich er noch jung war. Es zeigte sich jetzt ein
merkwrdiger Ausdruck in demselben, eine Art ernster Freude, deren er
sich schmte und die er sich zu unterdrcken bemhte.

Er setzte sich zum Essen nieder, das man ihm am Feuer aufgehoben hatte;
und als sie ihn erst nach langem Schweigen frug, was er fr Nachrichten
bringe, schien er um die Antwort verlegen zu sein.

Sind sie gut, sagte sie, oder schlecht?

Schlecht, antwortete er.

Wir sind ganz zu Grunde gerichtet?

Nein, noch ist Hoffnung vorhanden, Karoline.

Wenn er sich erweichen lt, rief sie erstaunt, dann ist noch welche
da! Ueberall ist noch Hoffnung, wenn ein solches Wunder geschehen ist.

Fr ihn ist es zu spt, sich zu erbarmen, sagte der Gatte. Er ist
tot!

Wenn ihr Gesicht Wahrheit sprach, so war sie ein mildes und geduldiges
Wesen; aber sie war dankbar dafr in ihrem Herzen und sagte es mit
gefalteten Hnden. Sie bat im nchsten Augenblick Gott, da er ihr
verzeihen mge und bereute es; aber das erste war die Stimme ihres
Herzens gewesen.

Was mir die halbbetrunkene Frau gestern Abend sagte, als ich ihn
sprechen und um eine Woche Aufschub bitten wollte; und was ich nur fr
eine bloe Entschuldigung hielt, um mich abzuweisen, zeigt sich jetzt
als die reine Wahrheit. Er war nicht nur sehr krank, er lag schon im
Sterben.

Auf wen wird unsere Schuld bergehen?

Ich wei es nicht. Aber vor dieser Zeit noch werden wir das Geld
haben; und selbst, wenn dies nicht wre, wre es ein groes Migeschick
in seinem Erben einen so unbarmherzigen Glubiger zu finden. Wir knnen
heute Nacht mit leichterem Herzen schlafen, Karoline.

Ja, sie mochten es verhehlen, wie sie wollten, ihre Herzen waren
leichter. Die Gesichter der Kinder, welche sich still um sie drngten,
um zu hren, was sie so wenig verstanden, erhellten sich und alle wurden
glcklicher durch dieses Mannes Tod. Das einzige von diesem Ereignis
erregte Gefhl, welches ihm der Geist zeigen konnte, war eins der
Freude.

La mich ein zrtliches, mit dem Tode verbundenes Gefhl sehen, sagte
Scrooge, oder dies dunkle Zimmer, welches wir eben verlassen haben,
wird mir immer vor Augen bleiben.

Der Geist fhrte ihn durch mehrere Straen, durch die er oft gegangen
war; und wie sie vorber schwebten, hoffte Scrooge sich hier und da zu
erblicken, aber nirgends war er zu sehen. Sie traten in Bob Cratchits
Haus, dieselbe Wohnung, die sie schon frher besucht hatten, und fanden
die Mutter und die Kinder um das Feuer sitzen.

Alles war ruhig, alles war still, sehr still. Die lrmenden kleinen
Cratchits saen stumm, wie steinerne Bilder, in einer Ecke und sahen auf
Peter, der ein Buch vor sich hatte. Die Mutter und die Tchter nhten.
Aber gewi waren sie auch still, sehr still.

Und er nahm ein Kind und stellte es in ihre Mitte.

Wo hatte Scrooge diese Worte gehrt? Der Knabe mute sie gelesen haben,
als er und der Geist ber die Schwelle traten. Warum fuhr er nicht fort?

Die Mutter legte ihre Arbeit auf den Tisch und fuhr mit der Hand nach
dem Auge.

Die Farbe blendet mich, sagte sie.

Die Farbe? ach, der arme Tiny Tim!

Sie sind jetzt wieder besser, sagte Cratchits Frau. Die Farbe blendet
sie bei Licht und ich mchte den Vater, wenn er heimkommt, nicht sehen
lassen, da ich schwache Augen habe. Es mu bald seine Zeit sein.

Fast schon vorber, erwiderte Peter, das Buch schlieend. Aber ich
glaube, er geht jetzt ein wenig langsamer als gewhnlich, Mutter.

Sie waren wieder sehr still. Endlich sagte sie mit einer ruhigen,
heitern Stimme, die nur ein einziges Mal zitterte: Ich wei, da er mit
-- ich wei, da er mit Tiny Tim auf der Schulter sehr schnell ging.

Und ich auch, rief Peter. Oft.

Und ich auch, riefen die andern.

Aber er war sehr leicht zu tragen, fing sie wieder an, fest auf ihre
Arbeit sehend, und der Vater liebte ihn so, da es keine Beschwerde.
Und da kommt der Vater.

Sie eilte ihm entgegen und Bob mit dem Shawl -- er hatte ihn ntig, der
arme Kerl -- trat herein. Sein Thee stand bereit und sie drngten sich
alle herbei, wer ihm am meisten helfen knne. Dann kletterten die beiden
kleinen Cratchits auf seine Kniee und jedes Kind legte eine kleine Wange
an die seine, als wollten sie sagen: kmmere dich nicht so sehr, Vater.

Bob war sehr heiter und sprach sehr munter mit der ganzen Familie. Er
besah die Arbeit auf dem Tische und lobte den Flei und den Eifer seiner
Frau und Tchter. Sie wrden lange vor Sonntag fertig sein, sagte er.

Sonntag! Du warst also heute dort, Robert! sagte seine Frau.

Ja, meine Liebe, antwortete Bob. Ich wollte, du httest hingehen
knnen. Es wrde dein Herz erfreut haben, zu sehen, wie grn die Stelle
ist. Aber du wirst sie oft sehen. Ich versprach ihm, Sonntags
hinzugehen. Mein liebes, liebes Kind! weinte Bob. Mein liebes Kind!

Er brach auf einmal zusammen. Er konnte nicht dafr. Wenn er dafr
gekonnt htte, so wre er und sein Kind wohl weiter voneinander getrennt
gewesen.

Er verlie das Zimmer und ging die Treppe hinauf in ein Zimmer, welches
hell erleuchtet und weihnachtsmig aufgeputzt war. Ein Stuhl stand
dicht neben dem Kinde und man sah, da vor kurzem jemand dagewesen war.
Der arme Bob setzte sich nieder, und als er ein wenig nachgedacht und
sich gefat hatte, kte er das kleine, kalte Gesicht. Er war vershnt
mit dem Geschehenen und ging wieder hinunter ganz glcklich.

Sie setzten sich um das Feuer und unterhielten sich; die Mdchen und die
Mutter arbeiteten fort. Bob erzhlte ihnen von der auerordentlichen
Freundlichkeit von Scrooges Neffen, den er kaum ein einziges Mal gesehen
habe. Er habe ihn heute auf der Strae getroffen und wie er gesehen, da
er ein wenig niedergeschlagen ausshe, habe er ihn befragt, was ihn
bekmmere. Worauf, sagte Bob, denn er ist der leutseligste junge
Herr, den ich nur kenne, ich es ihm sagte. Ich bedaure Sie herzlich, Mr.
Cratchit, sagte er, und auch Ihre gute Frau. Uebrigens, wie er das
wissen kann, mchte ich wissen.

Was soll er wissen, mein Lieber?

Nun, da du eine gute Frau bist, antwortete Bob.

Jedermann wei das, sagte Peter.

Sehr gut bemerkt, mein Junge, rief Bob. Ich hoffe, 's ist so.
Herzlich bedaure ich, sagte er, Ihre gute Frau. Wenn ich Ihnen auf
irgend eine Weise behilflich sein kann, sagte er, indem er mir seine
Karte gab, das ist meine Wohnung. Kommen Sie nur zu mir. Nun, rief Bob,
ist es nicht gerade um deswillen, da er etwas fr uns thun knnte,
sondern mehr wegen seiner herzlichen Weise, da ich mich darber so
freute. Es schien wirklich, als htte er unsern Tiny Tim gekannt und
fhlte mit uns.

Er ist gewi eine gute Seele, sagte Mrs. Cratchit.

Du wrdest das noch sicherer glauben, Liebe, antwortete Bob, wenn du
ihn shest und mit ihm sprchest. Es sollte mich gar nicht wundern,
wenn er Petern eine bessere Stelle verschaffte. Merkt euch meine Worte.

Nun hre nur, Peter, sagte Mrs. Cratchit.

Und dann, rief eins der Mdchen, wird sich Peter nach einer Frau
umsehen.

Ach, sei still, antwortete Peter lachend.

Nun, das kann schon kommen, sagte Bob, aber dazu hat er noch Zeit im
Ueberflu. Aber wie und wenn wir uns auch voneinander trennen sollten,
so bin ich doch berzeugt, da keiner von uns den armen Tiny Tim, oder
diese erste Trennung, welche wir erfuhren, vergessen wird.

Niemals, Vater, riefen alle.

Und ich wei, sagte Bob, ich wei, meine Lieben, wenn wir daran
denken werden, wie geduldig und wie sanft er war, obgleich er nur ein
kleines, kleines Kind war, werden wir nicht so leicht uns zanken und den
guten Tiny Tim vergessen, wenn wir's thun.

Nein, niemals, Vater, riefen sie alle.

Ich bin sehr glcklich, sagte Bob, sehr glcklich.

Mrs. Cratchit kte ihn, seine Tchter kten ihn, die beiden kleinen
Cratchits kten ihn und Peter und er drckten sich die Hand. Seele Tiny
Tims, du warst ein Hauch von Gott.

Geist, sagte Scrooge, ein Etwas sagt mir, da wir bald scheiden
werden. Ich wei es, aber ich wei nicht wie. Sage mir, wer es war, den
wir auf dem Totenbett sahen.

Der Geist der zuknftigen Weihnachten fhrte ihn wie frher -- obgleich
zu verschiedener Zeit, dnkte ihm, berhaupt schien in den verschiedenen
letzten Gesichten keine Zeitfolge stattzufinden -- an die
Zusammenkunftsorte der Geschftsleute, aber er sah sich nicht. Der Geist
verweilte nirgends, sondern schwebte immer weiter, wie nach dem Ort zu,
wo Scrooge die gewnschte Lsung des Rtsels finden wrde, bis ihn
dieser bat, einen Augenblick zu verweilen.

Ja, dieser Hof, sagte Scrooge, durch den wir jetzt eilen, war einst
mein Geschft und war es lange Jahre. Ich sehe das Haus. La mich sehen,
was ich in den kommenden Tagen sein werde.

Der Geist stand still; die Hand wies wo anders hin.

Das Haus ist dort, rief Scrooge. Warum weisest du wo anders hin?

Der unerbittliche Finger nahm keine andere Richtung an.

Scrooge eilte nach dem Fenster seines Comptoirs und schaute hinein. Es
war noch ein Comptoir, aber nicht das seinige. Die Mbel waren nicht
dieselben und die Gestalt in dem Stuhl war nicht die seine. Die
Erscheinung zeigte nach derselben Richtung, wie frher.

Er trat wieder zu ihr hin und nachsinnend, warum und wohin sie gingen,
begleitete er sie, bis sie eine eiserne Gitterpforte erreichten. Er
stand still, um sich vor dem Eintreten umzusehen.

Es war ein Kirchhof. Hier also lag der Unglckliche, dessen Namen er
noch erfahren sollte, unter der Erde. Der Ort war seiner wrdig. Rings
von hohen Husern umgeben; berwuchert von Unkraut, entsprossen dem Tod,
nicht dem Leben der Vegetation; vollgepfropft von zu viel Leichen;
gesttigt von bersttigtem Genu.

Der Geist stand inmitten der Grber still und wies auf eins derselben
hinab. Scrooge nherte sich ihm zitternd. Die Erscheinung war noch ganz
so wie frher, aber ihm war es immer, als she er eine neue Bedeutung in
der dstern Gestalt.

Ehe ich mich dem Stein nhere, den du mir zeigst, sagte Scrooge,
beantworte mir eine Frage. Sind dies die Schatten der Dinge, welche
sein werden, oder nur von denen, welche sein knnen?

Immer noch wies der Geist auf das Grab hinab, vor dem sie standen.

Die Wege des Menschen tragen ihr Ziel in sich, sagte Scrooge. Aber
wenn er einen andern Weg einschlgt, ndert sich das Ziel. Sage, ist es
so mit dem, was du mir zeigen wirst?

Der Geist blieb so unbeweglich wie immer.

Scrooge nherte sich zitternd dem Grabe und wie er der Richtung des
Fingers folgte, las er auf dem Stein seinen eigenen Namen.

_Ebenezer Scrooge._

Bin ich es, der auf jenem Bett lag? rief er, auf die Kniee sinkend.

Der Finger wies von dem Grabe auf ihn und wieder zurck.

Nein, Geist, o nein!

Der Finger wies immer noch dorthin.

Geist, rief er, sich fest an sein Gewand klammernd, ich bin nicht
mehr der Mensch, der ich war. Ich will ein anderer Mensch werden, als
ich vor diesen Tagen gewesen bin. Warum zeigst du mir dies, wenn alle
Hoffnung vorber ist?

Zum erstenmal schien die Hand zu zittern.

Guter Geist, fuhr er fort, dein eigenes Herz bittet fr mich und
bemitleidet mich. Sage mir, da ich durch ein verndertes Leben die
Schatten, welche du mir gezeigt hast, ndern kann!

Die gtige Hand zitterte.

Ich will Weihnachten in meinem Herzen ehren und versuchen es zu feiern.
Ich will in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft leben. Die
Geister von allen dreien sollen in mir wirken. Ich will mein Herz nicht
ihren Lehren verschlieen. O, sage mir, da ich die Schrift auf diesem
Steine weglschen kann.

In seiner Angst ergriff er die gespenstische Hand. Sie versuchte, sich
von ihm loszumachen, aber er war stark in seinem Flehen und hielt sie
fest. Der Geist, noch strker, stie ihn zurck.

Wie er seine Hnde zu einem letzten Flehen um Aenderung seines
Schicksals in die Hhe hielt, sah er die Erscheinung sich verndern. Sie
wurde kleiner und kleiner und kleiner und schwand zu einer Bettpfoste
zusammen.




Fnftes Kapitel.

Das Ende.


Ja, und es war seine eigene Bettpfoste. Es war sein Bett und sein
Zimmer. Und was das Glcklichste und Beste war, die Zukunft war sein zur
Besserung.

Ich will in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft leben,
wiederholte Scrooge, als er aus dem Bett kletterte. Die Geister von
allen dreien sollen in mir wirken. O, Jakob Marley! der Himmel und die
Weihnachtszeit seien dafr gepriesen! Ich sage es auf meinen Knieen,
alter Jakob, auf meinen Knieen.

Er war von seinen guten Vorstzen so erregt und auer sich, da seine
bebende Stimme kaum auf seinen Ruf antworten wollte. Er hatte whrend
seines Ringens mit dem Geiste bitterlich geweint und sein Gesicht war
noch na von den Thrnen.

Sie sind nicht herabgerissen, rief Scrooge, eine der Bettgardinen an
die Brust drckend, sie sind nicht herabgerissen. Sie sind da, ich bin
da, die Schatten der Dinge, welche kommen, knnen vertrieben werden. Ja,
ich wei es gewi, ich wei es.

Whrend dieser ganzen Zeit beschftigten sich seine Hnde mit den
Kleidungsstcken: er zog sie verkehrt an, zerri sie, verlor sie und
machte allerhand tolle Sprnge damit.

Ich wei nicht, was ich thue, rief Scrooge in einem Atem weinend und
lachend und mit seinen Strmpfen einen wahren Laokoon aus sich machend.
Ich bin leicht wie eine Feder, glcklich wie ein Engel, lustig wie ein
Schulknabe, schwindlich wie ein Betrunkener. Frhliche Weihnachten
allen Menschen! Ein glckliches Neujahr der ganzen Welt! Hallo! hussa!
hurra!

Er war in das Wohnzimmer gesprungen und blieb jetzt dort ganz auer Atem
stehen.

Da ist die Schssel, in der die Suppe war! rief Scrooge, indem er um
den Kamin herumsprang. Da ist die Thr, durch welche Jakob Marleys
Geist hereinkam, da ist die Ecke, wo der Geist der heurigen Weihnachten
sa, da ist das Fenster, wo ich die herumirrenden Geister sah! Es ist
alles recht, es ist alles wahr, es ist alles geschehen. Hahahaha!

Wirklich fr einen Mann, der so lange Jahre aus der Gewohnheit war, war
es ein vortreffliches Lachen, ein herrliches Lachen. Der Vater einer
langen, langen Reihe herrlicher Gelchter!

Ich wei nicht, den Wievieltesten wir heute haben, rief Scrooge. Ich
wei nicht, wie lange ich unter den Geistern gewesen bin. Ich wei gar
nichts. Ich bin wie ein neugebornes Kind. Es schadet nichts. Ist mir
einerlei. Ich will lieber ein Kind sein. Hallo! hussa! hurra!

Er wurde in seinen Freudenausrufungen von dem Gelute der Kirchenglocken
unterbrochen, die ihm so munter zu klingen schienen, wie nie vorher. Bim
baum, kling, klang, bim baum. Ach, herrlich, herrlich!

Er lief zum Fenster, ffnete es und steckte den Kopf hinaus. Kein Nebel;
ein klarer, luftig heller, kalter Morgen, eine Klte, die dem Blute
einen Tanz vorpfiff; goldenes Sonnenlicht; ein himmlischer Himmel;
liebliche, frische Luft, frhliche Glocken. O, herrlich, herrlich!

Was ist denn heute? rief Scrooge einem Knaben in Sonntagskleidern zu,
der unten stand.

He? fragte der Knabe mit der allermglichsten Verwunderung.

Was ist heute, mein Junge? sagte Scrooge.

Heute? antwortete der Knabe. Nun, Christtag.

's ist Christtag, sagte Scrooge zu sich selber. Ich habe ihn nicht
versumt. Die Geister haben alles in einer Nacht gethan. Sie knnen
alles, was sie wollen. Natrlich, natrlich. Heda, mein Junge!

Heda! antwortete der Knabe.

Weit du des Geflgelhndlers Laden in der zweitnchsten Strae an der
Ecke? frug Scrooge.

I, warum denn nicht, antwortete der Junge.

Ein gescheiter Junge, sagte Scrooge. Ein merkwrdiger Junge! Weit du
nicht, ob der Preistruthahn, der dort hing, verkauft ist? nicht der
kleine Preistruthahn, der groe.

Was, der so gro ist wie ich? antwortete der Junge.

Was fr ein lieber Junge! sagte Scrooge. 's ist eine Freude, mit ihm
zu sprechen. Ja, mein Prachtjunge.

Er hngt noch dort, antwortete der Junge.

Ist's wahr? sagte Scrooge. Nun, da geh' und kaufe ihn.

Hetsch! rief der Junge aus.

Nein, nein, sagte Scrooge, 's ist mein Ernst. Geh' hin und kaufe ihn
und sage, sie sollen ihn hierher bringen, da ich ihnen die Adresse
geben kann, wohin sie ihn tragen sollen. Komm mit dem Trger wieder her
und ich gebe dir einen Schilling. Komm in weniger als fnf Minuten
zurck und du bekommst eine halbe Krone.

Der Bursche verschwand wie ein Blitz.

Ich will ihn Bob Cratchit schicken, flsterte Scrooge, sich die Hnde
reibend und fast vor Lachen platzend. Er soll nicht wissen, wer ihn
schickt. Er ist zweimal so gro als Tiny Tim. Joe Miller hat niemals
einen Witz gemacht wie den.

Wie er die Adresse schrieb, zitterte seine Hand, aber er schrieb so gut
es gehen wollte, und ging die Treppe hinab, um die Hausthr zu ffnen,
den Truthahn erwartend. Wie er dastand fiel sein Auge auf den
Thrklopfer.

Ich werde ihn lieb haben, so lange ich lebe, rief Scrooge ihn
streichelnd. Frher habe ich ihn kaum angesehen. Was fr ein ehrliches
Gesicht er hat! Es ist ein wunderbarer Thrklopfer! -- Da ist der
Truthahn. Hallo! hussa! Wie geht's? Frhliche Weihnachten!

Das war ein Truthahn; er htte nicht mehr lebendig auf seinen Fen
stehen knnen. Sie wren -- knicks -- zerbrochen wie eine Stange
Siegellack.

Was, das ist ja fast unmglich, den nach Camden-Town zu tragen, sagte
Scrooge. Ihr mt einen Wagen nehmen.

Das Lachen, mit dem er dies sagte und das Lachen, mit dem er den
Truthahn bezahlte, und das Lachen, mit dem er den Wagen bezahlte, und
das Lachen, mit dem er dem Jungen ein Trinkgeld gab, wurden nur von dem
Lachen bertroffen, mit dem er sich atemlos in seinen Stuhl niedersetzte
und lachte, bis die Thrnen an den Backen hinunter liefen.

Das Rasieren war keine Kleinigkeit, denn seine Hand zitterte immer noch
sehr; und Rasieren verlangt groe Aufmerksamkeit, selbst wenn man nicht
gerade whrend dem tanzt. Aber wenn er sich die Nasenspitze
weggeschnitten htte, wrde er ein Stckchen englisches Pflaster darauf
geklebt haben und zufrieden gewesen sein.

Er zog seine besten Kleider an und trat endlich auf die Strae. Die
Leute strmten jetzt gerade aus ihren Husern, wie er es gesehen hatte,
als er den Geist der heurigen Weihnacht begleitete; und mit auf dem
Rcken zusammengeschlagenen Hnden durch die Straen gehend, blickte
Scrooge jeden mit einem freundlichen Lcheln an. Er sah so
unwiderstehlich freundlich aus, da drei oder vier lustige Leute zu ihm
sagten: Guten Morgen, Sir, frhliche Weihnachten! und Scrooge sagte
oft nachher, da von allen lieblichen Klngen, die er je gehrt, dieser
seinem Ohr am lieblichsten geklungen htte.

Er war nicht weit gegangen, als er denselben stattlichen Herrn auf sich
zukommen sah, der am Tage vorher in sein Comptoir getreten war mit den
Worten: Scrooge und Marley, wenn ich nicht irre. Es gab ihm einen
Stich ins Herz, als er dachte, wie ihn wohl der alte Herr beim
Vorbergehen ansehen wrde; aber er wute, welchen Weg er zu gehen
hatte, und ging ihn.

Lieber Herr, sagte Scrooge, schneller gehend und des alten Herrn beide
Hnde ergreifend, wie geht's Ihnen? Ich hoffe, Sie hatten gestern einen
guten Tag. Es war sehr freundlich von Ihnen. Ich wnsche Ihnen frhliche
Weihnachten, Sir.

Mr. Scrooge?

Ja, sagte Scrooge. Das ist mein Name und ich frchte, er klingt Ihnen
nicht sehr angenehm. Erlauben Sie, da ich Sie um Verzeihung bitte. Und
wollen Sie die Gte haben -- hier flsterte ihm Scrooge etwas in das
Ohr.

Himmel! rief der Herr, als ob ihm der Atem ausgeblieben wre. Mein
lieber Mr. Scrooge, ist das Ihr Ernst?

Wenn es Ihnen gefllig ist, sagte Scrooge. Keinen Penny weniger. Es
sind viele Rckstnde dabei, ich versichere es Ihnen. Wollen Sie die
Gte haben?

Bester Herr, sagte der andere, ihm die Hand schttelnd, ich wei
nicht, was ich zu einer solchen groartigen Freigebigkeit sagen soll.

Ich bitte, sagen Sie gar nichts dazu, antwortete Scrooge. Besuchen
Sie mich. Wollen Sie mich besuchen?

Herzlich gern, rief der alte Herr. Und man sah, es war ihm mit der
Versicherung Ernst.

Ich danke Ihnen, sagte Scrooge. Ich bin Ihnen sehr verbunden. Ich
danke Ihnen tausendmal. Leben Sie recht wohl!

Er ging in die Kirche, ging durch die Straen, sah die Leute hin und her
laufen, klopfte Kindern die Wange, frug Bettler, und sah hinab in die
Kchen und hinauf zu den Fenstern der Huser; und fand, da alles das
ihm Vergngen machen knne. Er hatte sich nie getrumt, da ein
Spaziergang oder sonst etwas ihn so glcklich htte machen knnen.
Nachmittags lenkte er seine Schritte nach seines Neffen Wohnung.

Er ging wohl ein dutzendmal an der Thr vorber, ehe er den Mut hatte,
anzuklopfen. Endlich fate er sich ein Herz und klopfte.

Ist dein Herr zu Hause, meine Liebe? sagte Scrooge zu dem Mdchen.
Ein hbsches Mdchen, wahrhaftig!

Ja, Sir.

Wo ist er, meine Liebe? sagte Scrooge.

Er ist in dem Speisezimmer, Sir, mit der Madame. Ich will Sie
hinauffhren, wenn Sie erlauben.

Danke, danke. Er kennt mich, sagte Scrooge, mit der Hand schon auf dem
Thrdrcker. Ich will hier hereintreten, meine Liebe.

Er machte die Thr leise auf und steckte den Kopf hinein. Sie
betrachteten den Speisetisch (der mit groem Aufwand von Pracht gedeckt
war); denn solche junge Leute sind immer sehr unruhig ber solche Punkte
und shen gern alles in Ordnung.

Fritz! sagte Scrooge.

Heiliger Himmel! wie seine Nichte erschrak! Scrooge hatte in dem
Augenblicke vergessen, da sie mit dem Fubnkchen in der Ecke gesessen
hatte, sonst htte er es um keinen Preis gethan.

Potztausend! rief Fritz, wer ist das!

Ich bin's, dein Onkel Scrooge. Ich komme zum Essen. Willst du mich
hereinlassen, Fritz?

Ihn hereinlassen! Es war nur gut, da er ihm nicht den Arm abri. Er war
in fnf Minuten wie zu Hause. Nichts konnte herzlicher sein, als die
Begrung seines Neffen. Und auch seine Nichte empfing ihn ganz so
herzlich. Auch Topper, wie er kam. Auch die dicke Schwester, wie sie
kam. Und alle, wie sie nach der Reihe kamen. Wundervolle Gesellschaft,
wundervolle Spiele, wundervolle Eintracht, wundervolle Glckseligkeit!

Aber am andern Morgen war er frh in seinem Comptoir. O, er war gar frh
da. Wenn er nur dort htte zuerst sein knnen und Bob Cratchit beim
Zusptkommen erwischen! Das war's, worauf sein Sinn stand! Und es gelang
ihm wahrhaftig! Die Uhr schlug Neun. Kein Bob. Ein Viertel auf Zehn.
Kein Bob. Er kam volle achtzehn und eine halbe Minute zu spt. Scrooge
hatte seine Thr weit offen stehen lassen, damit er ihn in das Verlie
kommen she.

Sein Hut war vom Kopfe, ehe er die Thr ffnete, auch der Shawl von
seinem Halse. In einem Nu sa er auf seinem Stuhle und jagte mit der
Feder bers Papier, als wollte er versuchen, neun Uhr einzuholen.

Heda, brummte Scrooge, so gut wie es ging, seine gewohnte Stimme
nachmachend. Was soll das heien, da Sie so spt kommen?

Es thut mir sehr leid, Sir, sagte Bob. Ich habe mich versptigt.

Nun, Sie gestehen's, wiederholte Scrooge. Ich meine es auch. Hier
herein, wenn's gefllig ist.

Es ist nur einmal im Jahre, Sir, sagte Bob, aus dem Verlie
hereintretend. Es soll nicht wieder vorfallen. Ich war ein bichen
lustig gestern, Sir.

Nun, ich will Ihnen was sagen, Freundchen, sagte Scrooge, ich kann
das nicht lnger so mit ansehen. Und daher, fuhr er fort, von seinem
Stuhl springend und Bob einen solchen Sto vor die Brust gebend, da er
wieder in das Verlie zurckstolperte, und daher will ich Ihr Salr
erhhen!

Bob zitterte und trat dem Lineal etwas nher. Er hatte einen
augenblicklichen Gedanken, Scrooge eins damit auf den Kopf zu geben,
ihn fest zu halten und die Leute im Hofe um Hilfe und eine Zwangsjacke
anzurufen.

Frhliche Weihnachten, Bob! sagte Scrooge, mit einem Ernst, der nicht
miverstanden werden konnte, indem er ihn auf die Achsel klopfte.
Frhlichere Weihnachten, Bob, als ich Sie so manches Jahr habe feiern
lassen. Ich will Ihr Salr erhhen und mich bemhen, Ihrer Familie unter
die Arme zu greifen. Wir wollen heut' Nachmittag bei einer
Weihnachtsbowle dampfenden Punsches ber Ihre Angelegenheiten sprechen,
Bob! Schren Sie das Feuer an und kaufen Sie eine andere Kohlenschaufel,
ehe Sie wieder einen Punkt auf ein i machen, Bob Cratchit!

Scrooge war besser als sein Wort. Er that alles und mehr noch, als er
versprochen hatte; und fr Tiny Tim, welcher nicht starb, wurde er ein
zweiter Vater. Er wurde ein so guter Freund und so guter Mensch, wie nur
die liebe alte City oder jede andere liebe alte Stadt oder Dorf in der
lieben alten Welt je gesehen. Einige Leute lachten, ihn so verndert zu
sehen, aber er lie sie lachen und kmmerte sich wenig darum, denn er
war klug genug, zu wissen, da nichts Gutes in dieser Welt geschehen
kann, worber nicht von vornherein einige Leute lachen mssen; und da er
wute, da derart Leute doch blind bleiben wrden, dachte er bei sich,
es ist besser, sie legen ihre Gesichter durch Lachen in Falten, als da
sie's auf weniger anziehende Weise thun. Sein eigenes Herz lachte und
damit war er zufrieden.

Er hatte keinen fernern Verkehr mit Geistern, sondern lebte von jetzt an
nach dem Prinzip gnzlicher Enthaltsamkeit; und immer sagte man von ihm,
er wisse Weihnachten recht zu feiern, wenn es berhaupt ein Mensch
wisse. Mge dies auch in Wahrheit von uns allen gesagt werden knnen!
Und so schlieen wir mit Tiny Tims Worten: Gott segne uns alle und
jeden!


+Ende.+




[Anmerkungen zur Transkription:

Die im Reclam-Verlag erschienene Ausgabe wurde dem Original getreu
bertragen. Unregelmigkeiten in der Zeichensetzung und Rechtschreibung
wurden dabei nicht angeglichen. Lediglich die folgenden offensichtlichen
Druckfehler wurden korrigiert:

Seite 17: 'zwei Kpfe' --> 'zwei Knpfe'
Seite 31: 'Wiederhall' --> 'Widerhall'
Seite 37: 'sein Orchester auszuschlagen' --> 'sein Orchester aufzuschlagen'
Seite 41: Anfhrungszeichen eingefgt, 'zeige mir nichts mehr'
Seite 43: 'hintergeschluckt' --> 'hinuntergeschluckt'
Seite 43: Anfhrungszeichen eingefgt, 'ich sah heut' Nachmittag'

Im Original gesperrt gesetzter Text ist mit _ gekennzeichnet.
Im Original in Antiqua gesetzter Text ist mit = gekennzeichnet.
Im Original gesperrt und fett gesetzter Text ist mit + gekennzeichnet.

Das Inhaltsverzeichnis wurde zur besseren bersicht nachtrglich
eingefgt.]





End of the Project Gutenberg EBook of Der Weihnachtsabend, by Charles Dickens

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEIHNACHTSABEND ***

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     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

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     and discontinue all use of and all access to other copies of
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1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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