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Title: Goethe und die Fikentscher
Author: Biedermann, Woldemar von (1817-1903)
Date of first publication: 1878
Place and date of edition used as base for this ebook:
   Dresden: B. G. Teubner, 1878 (First Edition)
Date first posted: 2 October 2008
Date last updated: 12 October 2008
Project Gutenberg Canada ebook #179

This ebook was produced by: Karl Eichwalder, David T. Jones
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Titre: Goethe und die Fikentscher
Auteur: Biedermann, Woldemar von (1817-1903)
Date de la premire publication: 1878
Lieu et date de l'dition utilise comme modle pour ce livre
   lectronique: Dresde: B. G. Teubner, 1878 (premire dition)
Date de la premire publication sur Project Gutenberg Canada:
   2 octobre 2008
Date de la dernire mise  jour:
   12 octobre 2008
Livre lectronique de Project Gutenberg Canada no 179

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                     Goethe und die Fikentscher.

                                Dem

          Freien Deutschen Hochstift in Goethe's Vaterhaus

                        zu Frankfurt am Main

                       am Wolfgangstage 1878

                            gewidmet von

                 Woldemar Freiherrn von Biedermann,

                               PFDH.


                             Dresden,

                     Druck von  B. G. Teubner.

                               1878.



Mustern wir die Namen der zahllosen Personen, von denen
bekannt ist, da sie mit Goethe in Verkehr standen, so wird uns
die Wahrnehmung berraschen, wie die bedeutendsten Mnner und
Frauen seiner Zeit aus allen gebildeten Vlkern mit ihm brieflich
oder persnlich in Verbindung kamen, indem meistens jene es waren,
welche den groen Mann aufsuchten und namentlich spter in Weimar
eine Zusammenkunft der Renommeen herbeifhrten, wie sie selten oder
noch nie um einen Menschen sich schaarten, zu dem nicht Eigennutz trieb.

Aber auch Goethe war nicht mig Personen auszusphen und
festzuhalten, die in wissenschaftlichen oder knstlerischen Bestrebungen
mit ihm Hand in Hand gehen konnten. Davon zeugt der unendlich
ausgebreitete Briefwechsel, der -- allerdings in einem Zeitraum von
60 Jahren und einschlielich freundschaftlicher und herzinniger Verbindungen
-- bis jetzt an die 700 bekannte Adressaten aufweist.

Zu den gelegentlich eingeleiteten Verbindungen Goethe's gehrt
auch die mit der Familie =Fikentscher=[1] in Redwitz.

Goethe war 1820 in Eger mit dem dortigen Magistratsrath
Grner bekannt geworden, der sich bereit und geschickt fand, auf
des Dichters mineralogische Forschungen einzugehen und ihm dabei
hilfreich zu sein. Mit ihm machte Goethe Ausflge in die Umgegend,
dabei bemht, Land und Leute, namentlich die verschiedenen Gewerbthtigkeiten
kennen zu lernen.

Ein solcher Ausflug wurde am 10. August 1822 nach dem in
der geraden Linie wenig ber drei 3 Meilen, wegen Benutzung von
Chausseen aber etwa 4 Meilen von Eger entfernten Redwitz verabredet,
woselbst ein mit Grner verschwgerter Freund desselben, Wolfgang
Fikentscher, eine Fabrik besa.

=Wolfgang Kaspar Fikentscher= war zum guten Theil ein
selbstgemachter Mann. Er war am 3. Mai 1770 in dem damals
unter bhmischer Landeshoheit stehenden Stdtchen Redwitz als Sohn
eines Bckermeisters geboren und geno seinen ersten Unterricht in
der dortigen lateinischen Schule. In seinem zwlften Jahre kam er auf
ein halbes Jahr zu seinem Oheim Dr. med. Miedel nach Weiden und
besuchte whrend dieser Zeit dort die Schule. Dr. Miedel besa
eine Apotheke, die er auch selbst verwaltete; die darin ausgefhrten
Arbeiten zogen den jungen Fikentscher so an, da er sich entschlo,
Pharmaceut zu werden. Behufs Ausbildung fr diesen Beruf wurde
er in seinem vierzehnten Jahre in eine Apotheke zu Nrnberg in die
Lehre gegeben. Hier beschrnkte er sich aber nicht auf Verrichtung
seiner Geschfte, sondern benutzte seine Freistunden zum Studium
der wichtigsten chemischen Schriften. Er konnte dies zum Theil nur
verstohlen ermglichen und hielt sich z.B. nachts deshalb im Kamin
auf, damit sein unerlaubtes Wachbleiben nicht durch das Licht verrathen
wrde.

[Note 1: Sprich: Fikntscher.]

Bei seiner Rckkehr ins Vaterhaus 1788 nahm Fikentscher von
einem Winkel desselben Besitz, um fr den Handel Prparate herzustellen,
die in den Apotheken gebraucht werden. Er erzielte damit so bedeutenden
Erfolg, da er schon nach einem halben Jahre ein eignes Laboratorium
herzustellen und seine Geschftsreisen bald bis Wien auszudehnen
sich veranlat fand. Schon in den Jahren 1794 und 1795
konnte er von dem Erworbenen sich ein ansehnliches Wohnhaus erbauen.
Das Gebiet seiner Fabrikation von Chemikalien erweiterte er
fortwhrend; so unternahm er die Erzeugung verschiedener Quecksilberverbindungen,
erbaute von 1825 bis 1836 vier Bleikammern zur
Erzeugung von Schwefelsure und legte berdies 1814 zunchst mit
vier Theilhabern im sogenannten Reichsforste eine Glashtte an;
seit 1817 arbeitete jeder dieser Theilhaber auf eigne Rechnung.

Bei allen diesen Gewerbserzeugnissen benutzte Fikentscher die
neuesten Entdeckungen der Chemie, denen er mit ununterbrochener
Aufmerksamkeit folgte und dadurch in der Lage war, besser und
billiger arbeiten zu knnen, als seine weniger wissenschaftlichen
Arbeitsgenossen. Dabei blieb Gewissenhaftigkeit sein oberster Grundsatz,
und er erreichte dadurch, da seine Fabrikate weit und breit
berhmt waren. Der Werth seiner Erzeugnisse erreichte im letzten
Jahre seines Lebens den Betrag von 160 000 fl. sdd. W. (rund
275 000 Mark). Die Grundflche der von Fikentscher zu seinen
Fabriken in Redwitz (also auer der Glashtte) errichteten massiven
Gebude betrug an 2 bayerische Tagwerke ohne die Hofrume.

Auch im Gemeinde- und Staatsleben war Fikentscher thtig;
er wurde 1806 in den Magistrat seiner Vaterstadt gewhlt, bekleidete
von 1809 bis 1824 die Stelle des Brgermeisters und gehrte seit
1828 der Kammer der Abgeordneten des Knigreichs Bayern an.

Seit 1796 war er mit =Margaretha Barbara Grner= aus
Wunsiedel verheirathet, die 1825 starb. Fikentscher selbst verschied
am 7. Mrz 1837 in Redwitz.

Derselbe war in jeder Hinsicht ein ausgezeichneter Mann. Fr
seine bedeutende Befhigung und seine unermdliche Thtigkeit zeugen
die Erfolge seiner Unternehmungen. Die Klarheit seines Geistes
war so entschieden, da er fr Verworrenheiten ganz unzugnglich
war; seine Offenheit lie ihm auch im Geschft keine Geheimnithuerei
zu; seine Sittlichkeit war ohne Tadel; seine Menschenfreundlichkeit
bewog ihn zu eingehendster Frsorge fr seine Arbeiter, deren Gesundheit
er so geschickt durch Vorkehrungen zu schtzen wute, da
selbst die mit Bereitung von Quecksilberprparaten beschftigten keinen
Nachtheil davon erlitten.

Neun Kinder entsprossen der Ehe Fikentscher's, der Reihe nach
folgende:[2]

=Georg=, der, geboren am 26. Januar 1798, Arzt, zuerst in
Selb, war und 1864 als Kreisphysikus zu Wunsiedel starb;

=Friedrich Christian=, geboren am 15. November 1799, von
welchem nachher ausfhrlicher die Rede sein soll;

=Henriette Katharina=, geboren 1801, lebt in Puchhof;

=Matthias Wilhelm=, geboren den 27. August 1803, seit 1848
Fabrikbesitzer in Redwitz, lebt in Regensburg;

=Rosalie=, geboren den 20. Mai 1805, verehel. Dr. Reu, Wittwe
seit November 1858, gestorben Augsburg am 13. November 1876;

=Christiane=, geboren 13. Juli 1807, vermhlt 1838 mit Dr.
Emil Maximilian Dingler, dem Sohn des ersten Herausgebers des
Polytechnischen Journals und dessen Nachfolger, Wittwe am 9. October
1874;

=Friedrich Georg Joseph=, geboren 19. October 1810, Zuckerfabrikbesitzer
in Regensburg;

=Auguste=, geboren 16. Juli 1812, verheirathet mit Dr. med.
Abel in Marienbad, Wittwe seit Mai 1850;

=Johanna=, geboren 22. Februar 1814, Gattin des Fabrikbesitzers
Huscher in Asch.

Von diesen Kindern waren im August 1822 alle Tchter, von
den Shnen aber nur Friedrich Christian anwesend. Der letztere
hatte sich ebenfalls zum Chemiker ausgebildet und war dann in das
vterliche Geschft eingetreten. Zu seiner weiteren Ausbildung besuchte
er 1824 Paris, [und ging] 1830 mit seinem Bruder Wilhelm nach
England. Erst spt dachte er daran, ein eignes Geschft zu grnden
und zwar zu Zwickau in Sachsen. Der Bau der Fabrik, die er
hier zu errichten beschlo, begann 1846; nach ihrer Fertigstellung
1848 siedelte er nebst seiner Familie nach Zwickau ber.

Zunchst hatte Fritz Fikentscher hier nur die Fabrikation von
Glas und den dazu nthigen Stoffen, wie Schwefelsure, Salzsure
und von Quecksilberprparaten, sowie Weinsteinsure, Chlorkalk und
Alaun ins Auge gefat. Spter kamen noch andre chemische Producte
hinzu; so die Herstellung von Kochsalz aus Kohlenschachtwasser
und Arseniksure. Im Laufe der Zeit wurde jedoch die Mehrzahl
dieser Fabrikationszweige wieder fallen gelassen, theils aus dem allgemeinen
Grunde, da bei vernderten Gewerbsverhltnissen eine
Fabrik nur durch  Beschrnkung auf einzelne Gegenstnde gedeihen
konnte, theils aus besondern, durch die Concurrenz bedingten Ursachen.
Dagegen bildete Fikentscher eine andre Fabrikation heraus: die von
Thonwaaren aller Art. Die Veranlassung dazu gab der eigne Bedarf
in der Fabrik an Steingefen, Chamottesteinen und Mauerziegeln; die
bedeutendste Leistung in diesem Gebiet wurde aber die Erzeugung von
Thonrhren, wodurch sich die Fabrik den ausgebreitetsten Ruf erwarb.

[Note 2: Ungenau sind die Angaben in: Goethe's Werke. Nach den vorzglichsten
Quellen revidirte Ausgabe. XXVII. Theil. 1. Abtheilung &c. Herausgegeben
und mit Anmerkungen begleitet von W. Frh. von Biedermann.
Berlin. Gustav Hempel. (Seite 603 f.)]

Diese rastlose, umsichtige Thtigkeit Fritz Fikentscher's erklrt es,
da das Dresdner Journal bei Meldung seines Todes sagen konnte:
Er war einer der geachtetsten Industriellen Deutschlands, ein Mann,
der wie nur sehr wenige Wissenschaft und Leben zu vereinigen
wute. Ein geistvoller Mann sagte einmal: Wenn Fikentscher
spricht, so mchte man ihm bei jeder Aeuerung zurufen, einzuhalten,
damit man das Gesagte erst genieen knne. Knig und Mitbrger
zeichneten ihn aus: jener 1850 durch Verleihung des Kniglich
schsischen Verdienstordens, diese durch seine Erwhlung zum Landtagsabgeordneten
seit 1854. Er starb zu Zwickau am 9. August 1864.
Fritz Fikentscher war zweimal verheirathet, zuerst mit einer Tochter
des Professor Trommsdorf.

Dieser Fikentscher also und sein Vater waren es, welche Goethe
im August 1822 fnf Tage in Redwitz fesselten. Er erzhlt selbst
in seinem Reisetagebuch[3], da er am 13. August abends 8 Uhr in
Redwitz angekommen und von Herrn Fikentscher nebst Familie wohl
empfangen worden sei. Das Gesprch an diesem ersten Abend bewegte
sich um die frhern und die jetzigen Verhltnisse von Redwitz,
welches Stdtchen ein Besitzthum der Stadt Eger gewesen war und
zu Bhmen gehrt hatte, 1816 aber an Bayern abgetreten worden
war, wodurch die Verkehrsverhltnisse des Orts manche Strungen
erlitten hatten. Wurden einerseits diese beklagt, so gab doch andrerseits
der Umstand, da Redwitz frher auch unter der Polizeigewalt
der Stadt Eger, demnach unter dem Rath Grner gestanden hatte,
zu scherzhaften Vergleichungen zwischen damaliger und jetziger Verwaltung
Anla und erheiterte die Unterhaltung.

[Note 3: Goethe's Werke, XXVII. Theil, 1. Abtheilung &c. Herausgegeben &c.
von W. Frh. v. Biedermann. Berlin, Gust. Hempel. S. 345-350.]

Goethe's Erzhlung seines Aufenthalts bei Fikentscher zu Redwitz
gehrt hierher nur, soweit sie dessen Person und seine Familie betrifft,
wogegen die Darstellung der Gegend, der Fikentscher'schen Besitzung,
der Fabrikanlagen und der Fabrikation an diesem Orte bergangen
werden wird. Es ist daher daraus zunchst zu erwhnen,
was Goethe ber die Familie unterm 14. August sagt: Den Haus-
und Hofherrn Fikentscher bezeichne als einen Funfziger, der in Nordamerika
mit eigenen Krften und Mitteln groe Landstrecken urbar
gemacht und beherrscht htte, es aber freilich hier im cultivirtesten
Lande, obgleich zwlfhundert Fu ber der Meeresflche, viel besser
hat. Die husliche Einrichtung gleicht aber jener ber dem Weltmeer,
wo man sich seine eigene Dienerschaft erzeugt. Mutter und
zwei erwachsene, sehr hbsche Tchter, einfach aber elegant gekleidet,
bedienen freundlich und anstndig den Tisch, dazwischen sich niedersetzend
und mitspeisend; zwei jngere wachsen heran, zu jener Anstelligkeit
sich bereitend. Von fnf Shnen ist nur einer zu Hause,
der lteste als Arzt in Selb angestellt, die drei jngeren[4] in Erlangen
zur Schule und zur Apothekerkunst durch Martius, den Vater des
brasilianischen Reisenden, angehalten. Der nunmehr ltere, ein
junger, lieber Mann von zweiundzwanzig Jahren, hatte schon frher
beim Vater, der zuerst Apotheker gewesen, sich in diesen Knsten
unterrichtet, sodann aber bei Trommsdorf im Erfurt'schen einen jhrlichen
Cursus durchlaufen, ist in der neuen Chemie ganz unterrichtet,
indem das Haus auch die nothwendigen Journale hlt, um einer
Wissenschaft in ihrem Gange zu folgen, die bei solchen Unternehmungen
im Groen von der hchsten Wichtigkeit ist, wie man an den Operationen
sieht, die mir freundlich und umstndlich mitgetheilt worden. --
Wir besahen das Mineraliencabinet des Sohnes, welches, obgleich
nur vor wenig Jahren angelegt, schon sehr gute und wohlgeordnete
Stufen besitzt; berall bemerkt man Geschick und Nutzbarkeit, auch
zeigen sich die hheren chemischen Zwecke bei geologischen und oryktognostischen
Bemhungen. -- Nach Tische fuhr Polizeirath Grner
weg, und ich ging mit dem Hausvater auf die nordwestliche Hhe
ber der Stadt, wo der Berg, Cossain genannt, im Sdosten stehend,
einen Theil des Zirkels schliet, das Fichtelgebirge verdeckt ist, die
Bergesreihe hingegen, welche das Egerland gegen Norden umgiebt,
in der fernsten Blue zu sehen ist.

Am 15. August fuhr Goethe frh 8 Uhr mit Fritz Fikentscher
nach der Glashtte, welche vier Teilhabern, unter denen Wolfgang
Fikentscher, gemeinschaftlich gehrte, jedoch so, da jeder derselben
zechum gesondert arbeitete. In der Htte fand Goethe zufllig zurckgelegte,
schnell gekhlte kleine Glaskolben, deren ausgeschnittener
Boden die entoptische Farbenerscheinung trefflich gab, wozu ein ganz
reiner Himmel vollkommen begnstigte. Es wurde sodann ein Glasstab
absichtlich schnell verkhlen gelassen und seiner Gestalt gem
hchst schn entoptisch gefunden.

Ueber die Heimfahrt bemerkt Goethe: Wir fuhren den schrecklichen
Weg zurck, und ich wre der Mittagshitze ungeachtet den
Berg gern hinabgegangen, htte mein junger Begleiter sich nicht vor
kurzer Zeit auf einer Fureise an dem Hacken beschdigt.

Dann heit es: Mittags mit der Familie. Zustnde frherer
Zeiten sowohl auf die Stadt, als die Einzelnen bezglich wurden
durchgesprochen. Sodann wendete man sich zu chemischen Versuchen.

[Note 4: Irrthum: es waren nur zwei.]

Es galt nmlich theils Glser herzustellen, welche bei hellem Grunde
gelb, bei dunklem blau erschienen, theils solche, welche die entoptischen
Farben zeigten. Goethe stand im weien wollenen Schlafrock stundenlang
mit Fritz Fikentscher an der Muffel und verfolgte die ihm fr
seine Farbenlehre so werthvolle Herstellung. Als ihm mitgetheilt
wurde, da fr den Abend dieses Tags Gste ins Haus gebeten
seien, wre er gern weggeblieben; als er jedoch die Verlegenheit ber
diese seine Absicht bemerkte und auf Fragen erfuhr, da die Gesellschaft
seinetwegen geladen sei, gab er zwar das Vorhaben gnzlichen
Wegbleibens auf, zog sich aber bei Zeiten zurck, indem er Fritz
F. mit einem Kommen Sie, Freundchen! aufforderte, ihm zu
folgen. Als Anwesende nennt Goethe: Inspektor Schlommer, Syndicus
Schmalz und Actuar Schnetter; das Gesprch drehte sich wieder
um vergangene und gegenwrtige Verhltnisse bezglich Redwitz.

Freitag den 16. August war wieder ganz den pyrotechnischen
Versuchen gewidmet. Die trben Scheibentfelchen gelangen zuletzt
in allen Abstufungen vortrefflich, da Fritz F. eine leichte Methode
erfand, das Glas zu trben; sie wurden zu Dutzenden fertig. Goethe
erklrte dadurch einen seiner sehnlichsten Wnsche erfllt. Die
entoptischen Blttchen lieen zu wnschen brig; doch wurden zwei
schwarze Spiegel kunstgem gefertigt und das entoptische Gestell, wie
Goethe es in der Farbenlehre angegeben hat, aufgerichtet, um dem
Vater und Sohn Fikentscher die entoptischen Erscheinungen vorzufhren
und sie zu befhigen, auf den eigentlichen Zweck der angeregter Verfertigung
entsprechenden Glser loszuarbeiten.

In der Familie waren wiederum die sonstigen und dermaligen
Staatsverhltnisse, soweit sie Redwitz berhrten, Gegenstand der
Gesprche.

Am 17. August wurden die trben Tfelchen gemustert und die
meisten trefflich gefunden. Das Durchglhen und rasche Abkhlen der zu
Hervorbringung der entoptischen Erscheinungen bestimmten Glser wurde
fortgesetzt und gelang allmlig besser. Die Atmosphre war brigens
an diesem wie am vorhergehenden Tage den Versuchen nicht gnstig.

Vor Tische unterhielt sich Goethe mit dem Vater Fikentscher
ber mancherlei, z.B. ber das Verhltni der Protestanten zu den
Katholiken in Bayern. Mittags kam der Zustand von Kulmbach zur
Sprache. Nachmittags wurden die chemischen Versuche fortgesetzt.
Abends blieb Goethe fr sich und dictirte seinem Kammerdiener
Stadelmann Briefe.

Am Sonntag berichtigte er das Dictirte und packte die Glastfelchen
ein. Dann kamen Polizeirath Grner und seine Frau
wieder in Redwitz an. Er dankte jenem fr die ihm verschaffte Bekanntschaft
mit Fikentschers und erzhlte von dem Erwerb der letzten
Tage; mit Fikentscher dem Vater sprach er ber das Chemisch-technische
seiner verschiedenen Fabrikationen.

Bei Tisch war die Unterhaltung lebhaft. Wiederum gedachte
man der vergangenen Zeiten von Redwitz, welche die Alten nicht vergessen
knnen, obschon die Jungen sich behaglich ins Neue finden.
Mit Grner gab's dialektische Scherze. Auf den Vorwurf, da Redwitz
eigentlich niemals eine Polizei gehabt habe, wurde erwidert,
da eben deshalb Bier, Fleisch und Brod ohne Tadel, Kaffeebrdchen
wie nirgends seien.

Nachmittags 4 Uhr trat Goethe mit Grners die Rckfahrt
nach Eger an. Wie hchlich ihn der Aufenthalt bei Fikentschers befriedigte,
sagt er nicht allein in seinem Reisetagebuch, das er der
Groherzogin von Weimar zugehen lie, sondern auch in Briefen
an Major von Knebel und an Graf Kaspar von Sternberg vom
23. und vom 26. August 1822.

Obwohl Goethe nicht wieder nach Redwitz kam, so blieb er doch
mit Fikentschers in dauernder Verbindung. So erbat er sich durch
Brief an Rath Grner aus Marienbad vom 13. August 1823 von
Fritz F. geographische Barometerdarstellungen fr die letzte Zeit, und
am 22. desselben Monats traf er mit diesem in Eger bei Grner
zusammen. Werthvolle Zeugen von Goethe's Verkehr mit Fikentschers
sind aber mehrere Briefe, die er an Vater und Sohn schrieb. Dieselben
sind nachstehends abgedruckt und zwar fnf nach den im
Familienbesitz befindlichen Originalien, die wie gewhnlich dictirt und
von Goethe nur unterzeichnet sind, der erste Brief aber nach dem
Entwurf, der sich in der reichen Sammlung des Geheimen Rath
Dr. von Loeper, PFDH, befindet.




                                  1.

                        =An Fikentscher, Sohn.=

Ihre reiche und hchst willkommene Sendung, mein Werthester, ist seiner Zeit
glcklich bei mir angekommen und freut mich doppelt, da sie meine Sammlungen
ergnzt und mich zugleich an die schnen Tage erinnert, die ich im Kreise Ihrer
werthen Familie zugebracht. Empfehlen Sie mich allerseits und nehmen beikommende
Stufen mehr als Zeugni meines dankbaren Andenkens, als fr ein Aequivalent
Ihrer bedeutenden Gaben; erinnern Sie Sich dabei eines aufrichtig Theilnehmenden,
der nichts mehr wnscht, als im nchsten Jahre abermals einige Zeit in Ihrer
Nhe zu verleben und sich einer an der Hand des theoretischen Studiums immer
fortschreitenden technischen Thtigkeit als Augenzeuge zu erfreuen.

    Weimar, den 10. November 1822.

Zu bemerken ist hierbei, da Goethe fr das fnfte Wort dieses
Briefes interessante dictirt, und dies zu Beseitigung des Fremdwortes
zuerst eigenhndig in bedeutende gendert hatte; letzteres
nderte er zuletzt, da es weiterhin noch einmal vorkommt, in willkommene
ab.




                                  2.

                        =An Fikentscher, Sohn.=

Sie haben, mein Werthester, erlaubt, da ich in einer Angelegenheit, die
zwar nicht von Bedeutung, aber doch fr mich von Belang ist, Ihre Geflligkeit
zu weiterer Besorgung anspreche.

Hierbei folgen die Zeichnungen von mehreren Sorten von Glsern, anatomischen
und naturhistorischen Zwecken bestimmt, welche Sie die Geflligkeit haben wollen,
auf der genannten Glashtte ohne Weiteres zu bestellen, auch die Frderung der
Arbeit bestens zu empfehlen.

Indessen wnschte zu meiner Kenntni die Preise der Glser zu erfahren,
nicht um die Arbeit aufzuhalten, sondern nur die Behrde anzuweisen, was sie
nach glcklicher Ablieferung der Glaswaaren zu bezahlen habe.

Ferner mchte benachrichtigt sein, auf welchem Wege man die Bezahlung
wnscht, welche von uns an jedem Handelsorte geleistet werden kann; denn wie es
manchmal geschieht, da dem Fuhrmann die Zahlung zu erheben aufgetragen ist,
hab' ich in solchen Fllen unbequem gefunden, weil die subalternen Personen sich
nicht immer berechtigt finden und daher Stocken und Saumsal entsteht.

Zu adressiren wre die Sendung an: =Michael Frber=, als =Schreiber=
angestellt =bei den Groherzoglichen Museen zu Jena=.

Knnt' ich die Zeit erfahren, wann ungefhr die Sendung zu erwarten stnde,
so wrde dieses das kleine Geschft noch sicherer machen.

Noch einen Umstand wnscht' ich zu erfahren: zu welcher Zeit nmlich eine
fernere Bestellung dem Glasmeister angenehm wre, da ich mich erinnere, da nicht
zu allen Jahreszeiten dergleichen Arbeiten zu verfertigen vortheilhaft ist.

Sollte Ihnen, mein Werthester, noch irgend etwas beigehen, das bei der
weiten Entfernung die Communication leichter und sicherer erhielte, so wrden Sie
mich sehr verbinden, wie ich denn auch zuletzt noch die Adresse der Glasfabrik zu
allenfallsigen unmittelbaren Bestellungen erbitte, nicht minder nach vollendeten Arbeiten
die Zeichnungen wieder zurckwnsche.

In Hoffnung bei meiner Zurckkunft nach Eger das Nhere bestimmt zu sehen
und, wenn meine Wnsche gelingen, von Ihnen persnlich das Weitere zu erfahren.

Da Ihr Herr Vater, wie in Eger der Fall war, mit seiner Cur noch immer
zufrieden sein mge, wnsche von Herzen und empfehle mich allerseits:

        Marienbad,                                     ergebenst
    den 13. Juli 1823                               J.W. v. Goethe.

Soeben als Gegenwrtiges abgehen sollte, erhalte ich Ihr schnell gefrdertes
Schreiben, wofr ich ganz besonders Dank sage; denn es giebt den schnsten Beitrag
zu denen von mir gesuchten und gesammelten Erfahrungen. Da Sie schon
einiges Glaswerk zur Probe bestellt, ist mir sehr angenehm; denn auch dies knnen
wir brauchen. Mit der Sendung und was daraus folgt, bitte zu verfahren wie
gegenwrtiges Blatt anzeigt. Die barometrischen Mittheilungen bitte fortzusetzen.
Schnstens grend, das Beste wnschend

    Marienbad, den 13. Juli 1823.                        G.

Im neunten Absatz vorstehenden Briefes hat Goethe das Nhere
eigenhndig fr das vom Schreiber gesetzte nher berichtigt.




                                  3.

                  =An Fikentscher, Vater und Sohn.=

           Adresse, anscheinend von Goethe geschrieben:

   Denen Herren Fikentscher, angesehenen Fabrikherren, Wohlgeb.,
       nach Redtwitz im Knigreich Bayern. Frank Grnze.

                Ew. Wohlgeboren

haben vorm Jahr die Geflligkeit gehabt, eine Sendung Prparatenglser von einer
Ihnen bekannten Glasfabrik im Knigreiche zu vermitteln. Sie ist zur rechten Zeit
angelangt und man hatte alle Ursache damit vollkommen zufrieden zu sein.

Ich nehme mir die Freiheit, dieselben gegenwrtig um eine hnliche Bestellung
zu ersuchen. Die Zeichnungen liegen bei; von jeder Nummer werden sechs Stck
gewnscht, sowie baldmgliche Frderni und gute Packung.

In angenehmer Erinnerung der bei Ihnen und den Ihrigen zugebrachten
frohen und belehrenden Tage habe ich die Ehre mich zu fernerem geneigten Andenken
bestens zu empfehlen.

        Weimar,                                        ergebenst
    den 20. August 1824.                            J.W. v. Goethe.

Die verzgerte Antwort auf vorstehenden Brief brachte Goethe
am 30. October 1824 durch Rath Grner in Erinnerung, durch
den er dann wieder am 7. Februar 1827 Herrn Fikentscher fr
Besorgung von Glaswaaren danken lie.




                                  4.

                       =An Fikentscher, Vater.=

Schon mehrmals haben wir Ew. Wohlgeb. Gte in Anspruch genommen, wenn
es sich von Fertigung der Glser fr anatomische Prparate handelte; auch jetzt sind
wir in dem Fall dergleichen, aber von bedeutenderer Groe zu bedrfen und ersuchen
Sie, bei der bekannten Glasfabrik in Bestellung zu geben, da vier Stck
von nachbenannter Gre mit besonders sorgfltig gearbeitetem Rande gefertigt und
anher gesendet werden.

                                Maa

               24 Zoll rheinlndisch hoch im Lichten,
               15 Zoll weit im Lichten.

Obgleich diese Glser mehr Mhe und Aufmerksamkeit erfordern wie die
frheren, so hoffen wir doch, da sie mit eben der Sorgfalt wie die frhern gefertigt
und wohlgepackt glcklich bei uns einlangen werden.

Hiermit den Wunsch verknpfend, es mge Ihnen und Ihrem Hause alles
wohl gelingen und Sie in guter Stunde auch meiner und meiner frheren Anwesenheit
freundlich gedenken,

        Weimar,                           Ew. Wohlgeb.
     den 11. Juni                                     ergebenster Diener
         1828.                                        J.W. v. Goethe.




                                  5.
                       =An Fikentscher, Vater.=

                  =Ew. Wohlgeb.=

nehme mir die Freiheit in dankbarer Erinnerung freundlicher gastlicher Aufnahme
und bisher erwiesener Geflligkeit abermals eine Bestellung zu der Glashtte zu
bersenden, welche frher unsern wissenschaftlichen Bedrfnissen gar gute Hlfe geleistet.
Wollten Sie inde die Geflligkeit haben, mir die Adresse der Htte selbst
zu berschreiben, damit man in der Folge Ihnen beschwerlich zu fallen nicht Ursache
htte. Mit den Zeichnungen der gewnschten Glser folgen auch noch einige Bemerkungen
und Wnsche, deshalb ich auch besondere Empfehlung dorthin mir erbitten
darf.

Der ich mein Andenken in dem werthen Familienkreise erhalten und ohnschwer
einige gefllige Nachricht von dorten wnschend die Ehre habe mich zu
unterzeichnen

        Weimar,                     Ew. Wohlgeb.
      den 21. Juni                              ergebenster Diener
        1830,                                   J.W. v. Goethe.




                                  6.
                        =An Fikentscher, Vater.=

                  =Ew. Wohlgeb.=

haben, wie ich hoffe und wnsche, meine Sendung des vergangenen 21. Juni wohl
erhalten und dieselbe weiter an die bekannte Glasfabrik befrdert. Gegenwrtig
befinde ich mich in dem gleichen Falle Dieselben nochmals um die nmliche Geflligkeit
anzugehen. Es hat sich nmlich eine andere Behrde an mich gewendet um
eine hnliche Bestellung zu besorgen. Die Zeichnungen liegen bei mit einigen Bemerkungen,
welche hier nicht wiederhole.

Durch Hrn. Rath Grner vernehme das Erwnschte von Ew. Wohlgeb. und
Familie. An einem glcklichen Erfolg der wohleingeleiteten Geschfte kann es
freilich nicht fehlen. Ihr Hr. Sohn befindet sich in England, als ein vorzglicher
Deutscher gewi zu seinem Vortheile, und so habe nur gute Gesundheit und Fortsetzung
solcher gnstigen Umstnde zu hoffen.

                          Hochachtungsvoll

        Weimar,                                Ew. Wohlgeb.
       den 9. Juli                           ergebenster Diener
         1830.                               J.W. v. Goethe.




[End of _Goethe und die Fikentscher_ by Woldemar von Biedermann]
[Fin de _Goethe und die Fikentscher_ par Woldemar von Biedermann]