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Title: Gemeinschaft und Persnlichkeit
Author: Einstein, Albert (1879-1955)
Date of first publication: 1934
Edition used as base for this ebook:
   Amsterdam: Querido Verlag, 1934
   [Die Sammlung, I vii]
Date first posted: 30 July 2010
Date last updated: 30 July 2010
Project Gutenberg Canada ebook #583


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Titre: Gemeinschaft und Persnlichkeit
Auteur: Einstein, Albert (1879-1955)
Date de la premire publication: 1934
dition utilise comme modle pour ce livre lectronique:
   Amsterdam: Querido Verlag, 1934
   [Die Sammlung, I vii]
Date de la premire publication sur Project Gutenberg Canada:
   30 juillet 2010
Date de la dernire mise  jour:
   30 juillet 2010
Livre lectronique de Project Gutenberg Canada no 583




GEMEINSCHAFT UND PERSNLICHKEIT

VON ALBERT EINSTEIN


Wenn wir ber unser Leben und Streben nachdenken, so
bemerken wir bald, dass fast all unser Tun und Wnschen an
die Existenz anderer Menschen gebunden ist. Wir bemerken,
dass wir unserer ganzen Art nach den gesellig lebenden
Tieren hnlich sind. Wir essen Speisen, die von anderen
Menschen erzeugt sind, wir tragen Kleidungsstcke, die
andere Menschen hergestellt haben und bewohnen Huser, die
andere Menschen gebaut haben. Das meiste, was wir wissen und
glauben, haben uns andere Menschen mitgeteilt mittels einer
Sprache, die andere geschaffen haben. Unser Denkvermgen
wre ohne Sprache gar rmlich, dem der hheren Tiere
vergleichbar, sodass wir wohl gestehen mssen, dass wir, was
wir vor den Tieren in erster Linie voraus haben, unserem
Leben in menschlicher Gemeinschaft zu verdanken haben. Der
Einzelne -- von Geburt an allein gelassen -- wrde in seinem
Denken und Fhlen tierhnlich primitiv bleiben in einem
Masse, das wir uns nur schwer vorzustellen vermgen. Was der
Einzelne ist und bedeutet, ist er nicht so sehr als
Einzelgeschpf, sondern als Glied einer grossen,
menschlichen Gemeinschaft, die sein materielles und
seelisches Dasein von der Geburt bis zum Tode leitet.

Was ein Mensch fr seine Gemeinschaft wert ist, hngt in
erster Linie davon ab, inwieweit sein Fhlen, Denken und
Handeln auf die Frderung des Daseins anderer Menschen
gerichtet ist. Je nach der Einstellung eines Menschen in
dieser Beziehung pflegen wir ihn als gut oder schlecht zu
bezeichnen. Es sieht auf den ersten Blick so aus, wie wenn
die sozialen Eigenschaften eines Menschen allein fr seine
Beurteilung massgebend wren.

Und doch wre eine solche Auffassung nicht richtig. Es lsst
sich leicht erkennen, dass alle materiellen, geistigen und
moralischen Gter, die wir von der Gesellschaft empfangen,
im Laufe der unzhligen Generationen von schpferischen
Einzelpersnlichkeiten herstammen. E i n e r hat einmal den
Gebrauch des Feuers, e i n e r den Anbau von Nhrpflanzen,
e i n e r die Dampfmaschine erfunden.

Nur das Individuum kann denken und dadurch fr die
Gesellschaft neue Werte schaffen, ja selbst neue, moralische
Normen aufstellen, nach welchen sich das Leben der
Gemeinschaft vollzieht. Ohne schpferische, selbstndig
denkende und urteilende Persnlichkeiten ist eine
Hherentwicklung der Gesellschaft sowenig denkbar wie die
Entwicklung des Einzelnen ohne den Nhrboden der
Gemeinschaft.

Eine gesunde Gesellschaft ist also ebenso an Selbstndigkeit
der Individuen geknpft wie an deren innige soziale
Verbundenheit. Es ist mit viel Berechtigung gesagt worden,
dass die griechisch-europisch-amerikanische Kultur
berhaupt, im Besonderen die Kulturblte der die Stagnation
des Mittelalters in Europa ablsenden italienischen
Renaissance, auf der Befreiung und relativen Isolierung des
Individuums beruhe.

Blicken wir nun auf die Zeit, in der wir leben. Wie steht es
mit der Gemeinschaft, wie mit der Persnlichkeit? Die
Bevlkerung in den Kulturlndern ist gegenber frheren
Zeiten ungemein dicht: Europa beherbergt heute ungefhr
dreimal soviel Menschen als vor hundert Jahren. Aber die
Zahl der Fhrer-Naturen hat unverhltnismssig abgenommen.
Nur wenige Menschen sind durch ihre produktive Leistung den
Massen als Persnlichkeiten bekannt. Organisation hat bis zu
einem gewissen Masse die Fhrer-Naturen ersetzt, besonders
auf dem Gebiete der Technik, aber in einem recht fhlbaren
Grade auch auf dem Gebiete der Wissenschaft.

Besonders empfindlich macht sich der Mangel an
Individualitten auf dem Gebiete der Kunst bemerkbar.
Malerei und Musik sind deutlich degeneriert und haben ihre
Resonanz im Volke weitgehend verloren. Die geistige
Selbstndigkeit und das Rechtsgefhl des Brgers sind
weitgehend gesunken. Die demokratische, parlamentarische
Organisation, welche eine solche Selbstndigkeit zur
Voraussetzung hat, ist an vielen Orten ins Wanken geraten;
Diktaturen sind entstanden und werden geduldet, weil das
Gefhl fr die Wrde und das Recht der Persnlichkeit nicht
mehr gengend lebendig ist. In zwei Wochen kann durch die
Zeitungen die urteilslose Menge in einem Lande in einen
Zustand solcher Wut und Aufregung versetzt werden, dass die
Mnner bereit sind, als Soldaten gekleidet zu tten und sich
tten zu lassen fr die nichtswrdigen Ziele irgendwelcher
Interessenten. Die militrische Dienstpflicht scheint mir
das beschmendste Symptom fr den Mangel an persnlicher
Wrde zu sein, unter dem unsere Kulturmenschheit heute
leidet. Dementsprechend fehlt es nicht an Propheten, welche
unserer Kultur den baldigen Untergang prophezeihen. Ich
gehre nicht zu diesen Pessimisten, sondern glaube an eine
bessere Zukunft. Diese Zuversicht mchte ich noch kurz
begrnden.

Die gegenwrtigen Verfallserscheinungen beruhen nach meiner
Meinung darauf, dass die Entwicklung der Wirtschaft und
Technik den Daseinskampf der Menschen sehr verschrft hat,
sodass die freie Entwicklung der Individuen schweren Schaden
gelitten hat. Die Entwicklung der Technik fordert aber von
dem Individuum immer weniger Arbeit fr die Befriedigung des
Bedarfes der Gesamtheit. Eine planvolle Verteilung der
Arbeit wird immermehr zur gebieterischen Notwendigkeit, und
diese Verteilung wird zu einer materiellen Sicherung der
Individuen fhren. Diese Sicherung aber und die freie Zeit
und Kraft, die dem Individuum brig bleiben wird, vermag der
Entwicklung der Persnlichkeit gnstig zu sein. So kann die
Gemeinschaft wieder gesunden, und wir wollen hoffen, dass
sptere Historiker die sozialen Krankheits-Erscheinungen
unserer Zeit als Kinderkrankheiten einer hher strebenden
Menschheit deuten werden, die lediglich durch zu rasches
Tempo des Kulturprozesses veranlasst waren.




[End of _Gemeinschaft und Persnlichkeit_ by Albert Einstein]

[Fin de _Gemeinschaft und Persnlichkeit_ par Albert Einstein]
