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Title: Frhling in der Schweiz.
   Jugenderinnerungen von Ricarda Huch.
Author: Huch, Ricarda [Ricarda Octavia] (1864-1947)
Date of first publication: 1938
Edition used as base for this ebook:
   Zurich: Atlantis-Verlag, 1938
Date first posted: 20 December 2018
Date last updated: 20 December 2018
Project Gutenberg Canada ebook #1585

This ebook was produced by Delphine Lettau, Mark Akrigg,
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Titre: Frhling in der Schweiz.
   Jugenderinnerungen von Ricarda Huch.
Auteur: Huch, Ricarda [Ricarda Octavia] (1864-1947)
Date de la premire publication: 1938
dition utilise comme modle pour ce livre lectronique:
   Zurich: Atlantis-Verlag, 1938
Date de la premire publication sur Project Gutenberg Canada:
   20 dcembre 2018
Date de la dernire mise  jour:
   20 dcembre 2018
Livre lectronique de Project Gutenberg Canada no 1585

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FRHLING IN DER SCHWEIZ

Jugenderinnerungen von Ricarda Huch




Am Abend des 1. Januar 1887 kamen wir, mein Bruder und ich, in Zrich an
und stiegen im Hotel Bellevue am See ab; es war noch das alte Haus,
kleiner und stilvoller als das jetzige. Beim Abendessen sa eine
Gesellschaft von Herren und Damen uns gegenber -- denn man speiste an
der table d'hte -- die sich sehr lebhaft und lustig unterhielten in
einer Sprache, von der ich kein einziges Wort verstand. Soviel konnte
ich unterscheiden, da es keine von den bekannten westeuropischen
Sprachen war, auch eine slawische schien es mir nicht zu sein. Whrend
ich darber nachdachte, kam es mir vor, als ob einer der Herren einen
mongolischen Typus habe. Sollten sie kalmckisch oder tatarisch
sprechen? Wahrscheinlich war das bei ihrem durchaus europischen
Aussehen und Verhalten nicht. Spter erfuhr ich, da kurz vorher in den
sogenannten Escherhusern am Zeltweg ein Brand ausgebrochen war, und da
die davon Betroffenen bis zur Ausbesserung der in ihren Wohnungen
entstandenen Schden ins Hotel gezogen waren. Sie sprachen ihr
angestammtes Zrichdeutsch, das mir bald so vertraut klingen sollte. Dem
Herrn mit dem mongolischen Typus bin ich noch oft am Zeltweg auf dem
Wege zur Universitt begegnet.

Am folgenden Morgen suchten wir ein Zimmer fr mich und gleich das
erste, das wir ansahen, gefiel mir; im Grunde mehr als das Zimmer die
Wirtin. Sie hie Frau Wanner, und das Haus, das sie bewohnte, war ihr
Eigentum. Es lag an der Gemeindestrae, war von einem damals
verschneiten Grtchen umgeben und hatte die Nummer 25. Frau Wanner hatte
ein rasches Wesen und ein lustiges Zwinkern in den Augen; ich war sofort
berzeugt, da wir uns verstehen wrden. Nachdem mein Bruder abgereist
war, der mich nur begleitet hatte, weil es nicht passend schien, da ein
Mdchen von zweiundzwanzig Jahren die weite Reise von Braunschweig nach
Zrich allein machte, bezog ich die beiden Zimmer, die ich gemietet
hatte. In der ersten Nacht erwachte ich durch ein Gerusch von
Schritten, Rascheln, Klappern und Trappeln im Nebenraum. Ich lauschte
eine Weile, ohne da es aufhrte, und es wurde mir unbehaglich. Noch gar
nicht orientiert in dem fremden Hause, konnte ich nicht wissen, wer
nebenan hauste und was da getrieben wurde. Zwar sagte ich mir, da
Einbrecher oder sonst Leute mit bsen Absichten sich hten wrden, so
viel Lrm zu machen; aber ein Angstgefhl und die dunkle Erinnerung an
das Wirtshaus im Spessart lieen sich doch nicht verscheuchen. So nahm
ich denn mein Kopfkissen und mein Deckbett und richtete mich auf einem
Diwan in meinem Wohnzimmer ein, das, wie ich bemerkt hatte, an das
Schlafzimmer der Frau Wanner stie. Da sie nicht mit in dem etwaigen
Komplott war, nahm ich bestimmt an. Als ich ihr am anderen Morgen mein
Erlebnis erzhlte, lachte sie und klrte es folgendermaen auf: sie
finde es unpraktisch, sagte sie, tglich das gebrauchte Egeschirr
aufzuwaschen, warte vielmehr damit, bis kein sauberes Stck mehr
vorhanden sei; dann lohne es sich. Inzwischen schichte sie die
gebrauchten Teller und Schsseln in der Speisekammer auf, die an mein
Schlafzimmer grenzte, und die Essenreste, die etwa daran wren, lockten
natrlich die Muse herbei. Das Tanzen und Springen derselben zwischen
den Tellern hatte das mir so unheimliche Gerusch verursacht. Ich war
ber diese Art des Haushaltbetriebes malos erstaunt; aber Frau Wanner,
die mir das so unbefangen auseinandersetzte, gefiel mir im Grunde um so
mehr. Nach zwei oder drei Tagen erzhlte sie mir, meine Vorgngerin in
der Wohnung sei eine Sngerin am Pfauentheater gewesen. Es handelte sich
um den alten Pfauen, ein unansehnliches Haus am Heimplatz, in dem, wenn
ich mich recht erinnere, auch von recht unansehnlichen Krften Operetten
gespielt wurden. Diese Sngerin, ein sehr nettes Mdchen, sei die
Geliebte eines rumnischen Studenten, der sich nach ihrer Abreise
verlassen und unglcklich fhle; ob ich nicht ihre Nachfolgerin bei ihm
werden wolle? Als ich mein Erstaunen ber diesen Vorschlag uerte,
sagte sie, ich sei doch auch mit einem Geliebten gekommen; als ob das,
wenn es sich so verhalten htte, sie zu ihrer Zumutung berechtigt htte.
Ich sagte, das sei mein Bruder gewesen, ich htte ihn ihr doch
vorgestellt! Jawohl, sagte sie lachend, aber so etwas glaube man doch
nicht. Weder nahm ich Frau Wanner ihre Einstellung, noch nahm sie mir
meine schroffe Ablehnung des rumnischen Studenten bel, den abzulehnen
es brigens keines Aufwandes von Tugend bedurft htte; im Gegenteil, als
sie sich berzeugt hatte, da ich nichts wollte als arbeiten und
wirklich vom Morgen bis zum Abend arbeitete, ging ihre Zuneigung zu mir
in eine fast leidenschaftliche Liebe ber. Sie tat, was sie konnte, um
es mir behaglich zu machen. Ich verstand nicht, die Petroleumlampe zu
behandeln, da wir zu Hause Gas brannten, und ich berhaupt nicht gewhnt
war, irgend etwas im Hause zu tun; sie zeigte es mir, und als sie sah,
wie mich das Petroleum ekelte, besorgte sie die Lampe regelmig fr
mich. Sogar dazu lie sie sich herbei, fr mich zu Mittag zu kochen.

Auf irgendeine Empfehlung hin war ich die ersten Tage zum Essen in das
Zunfthaus zu den Zimmerleuten gegangen. Noch sehe ich den groen
schwarzbrtigen Wirt vor mir, der grend von Tisch zu Tisch ging; ein
biederer alter Herr und ein junger Englnder namens King, mit dem ich
einige Male Schlittschuh gelaufen bin, wurden neben mich gesetzt. Obwohl
mir alle mit Freundlichkeit, Rcksicht und Respekt begegneten, hatte ich
doch den Eindruck, da ich auffiel, weil es nicht Sitte war, da
einzelne Damen dort zu Mittag aen. Ich war deshalb Frau Wanner sehr
dankbar, da sie sich zwar nicht verpflichtete, mir tglich etwas zu
kochen, aber durchblicken lie, da sie es meistens tun werde. Sie
durchbrach damit ihre Grundstze; sie war nmlich der Meinung, es sei
etwas Jmmerliches, da die Menschen jeden Mittag zur bestimmten Stunde
ihr Essen vorgesetzt haben wollten, gewissermaen eine Verkommenheit des
Spiebrgers, man solle dann essen, wenn man gerade Hunger htte, und
auch nicht viel Zeit mit den Vorbereitungen dazu verlieren. Obwohl ich
nicht ohne Verstndnis fr diese Lebensauffassung war und selbst nicht
dazu neigte, die uerlichkeiten des Lebens allzu wichtig zu nehmen,
wute ich ihr doch auch etwas zu entgegnen. Gerade weil wir, meine
Geschwister und ich, sehr frei aufgewachsen waren, fast ohne andere
Erziehung als die Atmosphre des Hauses und das Beispiel der Angehrigen
bewirkte, hatte ich mir die wenigen Lebensregeln, die mir, meist von
meiner geliebten Gromutter ausgehend, gegeben wurden, fest eingeprgt
und dazu gehrte die, da eine bestimmte Einteilung der Beschftigungen
des Tages dem Leben ein Gerst verleihe, das fr die Menschen gut und
eigentlich notwendig sei; wer sich einen Stundenplan setze und dran
halte, knne mehr leisten als ein anderer. Diese Regel hatte sich mir so
eingefleischt, da es mich heute noch beunruhigt, wenn meine Mittagsruhe
sich ber drei Uhr erstreckt, weil sie zu Hause von zwei bis drei
angesetzt war. Da ich auerdem um die Mittagszeit hungrig, und nach
angestrengter Arbeit einer Pause bedrftig war, konnte ich Frau Wanners
Lebensanschauung, abgesehen von der Theorie auch mit augenscheinlich
einleuchtenden Grnden, zu erschttern suchen. Zu alledem konnte ich mir
sagen, da tgliches Kochen zu einer bestimmten Stunde auch Frau Wanner
selbst und ihrer Familie zugute kommen wrde.

Frau Wanner hatte vier Shne, zwei von etwa fnfzehn und vierzehn, zwei
kleine von etwa vier und drei Jahren. Von dem ersten Paar war der ltere
blond und etwas derb, dem Vater nachschlagend, der zweite dunkel und
feiner, der Mutter hnlich, und dieselbe Verteilung wiederholte sich bei
dem zweiten.

Mit dem Vater dieser Kinder, dem Gymnasiallehrer Wanner, hatte es eine
besondere Bewandtnis, von der seine Frau mich bald in Kenntnis setzte.
Sie konnte ihn durchaus nicht leiden und wnschte, von ihm geschieden zu
werden, was aber doch nicht so leicht zu bewerkstelligen war; inzwischen
hatte sie ihn in das obere Stockwerk ihres Hauses gesteckt, wo er allein
und begreiflicherweise sehr bler Laune hauste. Fr ihn zu kochen
weigerte sie sich entschieden. Er ernhrte sich infolgedessen
hauptschlich mit kaltem Aufschnitt, Schinken, Wurst und dergleichen,
weswegen sie ihn, Spott zum Schaden fgend, den Wurstlackel nannte. Sie
gab ihm nie eine andere Bezeichnung, wenn sie von ihm sprach. Von dem
ersten Shnepaar hielt der ltere zum Vater, der jngere zur Mutter, die
Kleinen waren noch zu jung, um etwas davon zu begreifen. Anfnglich
versuchte ich schon um der Kinder willen im vershnenden Sinne zu
wirken. Ich ermunterte zum Beispiel zu Familienspaziergngen am
Sonntagnachmittag, wozu Frau Wanner sich bereit erklrte unter der
Bedingung, da ich mitginge. Die Kleinen waren hocherfreut ber diese
gemeinsamen Unternehmungen, aber fr mich war es ein heikles Vergngen,
denn ich mute bestndig auf einen Ausbruch der Feindseligkeit gefat
sein und versuchen, geistesgegenwrtig vorzubeugen oder abzulenken.
Indessen muten diese gefhrlichen Ausflge bald wieder aufgegeben
werden. Der Bruch war infolge von Frau Wanners Abneigung, ja Ha,
unheilbar. Mchten Sie ihn haben? fragte sie mich streng, als ich ihr
wieder einmal gut zugeredet hatte. Da ich ehrlicherweise nicht behaupten
konnte, ich mchte ihn haben, hielt sie sich fr gerechtfertigt.

Liebe Frau Wanner! Da sie Frau eines Gymnasiallehrers und Tochter eines
Herrn Schoch war, der im Appenzellerland, ich glaube in Trogen, eine
viel besuchte Erziehungsanstalt geleitet hatte, berraschte mich sehr,
als ich es erfuhr; ich hatte sie fr eine Frau aus dem Volke gehalten.
Ihr Gesicht war schmal und feingeschnitten, aber es tat ihrem guten
Aussehen Abbruch, da ihre Haut infolge von hufigem Biergenu fleckig
gertet war. Sie hatte sich, wie ich glaube, das Biertrinken dadurch
angewhnt, da sie es fr die bequemste Art der Ernhrung hielt. Fr
ihre Kinder sorgte sie gut, soweit ich es beurteilen konnte, wenn auch
vielleicht etwas summarisch. Sie hatte einen guten Verstand und war nach
Appenzeller Art immer mit witziger Rede bei der Hand; gegen die, welche
sie nicht leiden mochte, konnte sie scharf, sogar grausam sein.

Zu diesen gehrte ein Landsmann von ihr, der schon lngere Zeit bei ihr
wohnte, Oskar Kellenberg. Er studierte die Rechte und lie sich dabei
mehr Zeit als blich, da er vermutlich dachte, er werde lange genug in
Walzenhausen oder sonstwo im Appenzellerland Frsprech sein und wolle
einstweilen die Studienjahre in Zrich grndlich auskosten. Frau Wanner,
die Raschheit und Ttigkeit liebte, rechnete ihm das als Trgheit an, um
so mehr, als er spt aufzustehen pflegte. Immerhin hatte sie ihn mit
leidlich guter Miene geduldet, bis er sich in mich verliebte. Die
glcklichen Zwanzigjhrigen! Ein magisches Rosenlicht umspielt sie und
berckt die davon angehaucht werden. An diesem Frhlingszauber hatte ich
damals teil und nahm als etwas Selbstverstndliches, ja fast ohne es zu
merken hin, da man mir Liebe entgegenbrachte; war ja auch mein Herz
empfnglich fr alles, was ich sah und erlebte. Frau Wanner hatte es im
allgemeinen gern, wenn ein junger Mann mich verehrte, und sagte dann mit
Heranziehung eines Ausdrucks, der in Zrich von dem jungen, in Grung
befindlichen Wein, dem Sauser, gebruchlich ist: er ist im Stadium oder
er ist im Ricarda-Stadium. Es erfllte sie mit Befriedigung wie eine ihr
selbst dargebrachte Huldigung, solange ich mir aus dem Betreffenden gar
nichts machte. Nun erwiderte ich zwar Kellenbergs Neigung nicht, hatte
ihm auch gesagt, da ich gebunden sei und ihn keinesfalls heiraten
werde; aber ich konnte ihn gut leiden, unterhielt mich mit ihm ber
manche Dinge, die Frau Wanner nicht interessierten, und nahm es gern an,
wenn er mich Sonntags auf greren Ausflgen begleitete, die ich allein
nicht htte unternehmen knnen. Dadurch wurde ihre Eifersucht gereizt,
sie fate einen immer lebhafteren Widerwillen gegen ihn und verfolgte
ihn mit spitzigen Bemerkungen, die ihn zum Ausziehen veranlassen
sollten. Da er sich mit stoischer Gleichgltigkeit gegen ihre Pfeile
panzerte und tat, als fhle er sie gar nicht, brachte sie um so mehr
gegen ihn auf.

Wenn Frau Wanner anderen meinen Flei als Vorbild anpries, so durfte ich
das Lob als wohlerworben betrachten. Ich pflegte sptestens um sieben
Uhr aufzustehen; oft spielte mir Frau Wanner dann einen Walzer -- stramm
aufrecht in der Haltung einer eifrigen Schlerin sa sie am Klavier --
und ich tanzte dazu. Dann arbeitete ich mit kurzen Pausen bis
Mitternacht. Ich hatte mir ein Jahr gesetzt, um mich auf die
Maturittsprfung vorzubereiten, und mute mich anstrengen, wenn ich das
Ziel erreichen wollte. Nicht nur, da ich von Latein und Mathematik noch
gar nichts wute, ich mute auch in allen brigen Fchern meine
Kenntnisse von Grund aus aufbauen. Zum Beispiel hatte ich viel gelesen,
kannte Don Carlos, Wallenstein, Faust zum Teil auswendig; aber ich wre
nicht imstande gewesen, von diesen Dramen oder irgendeinem anderen eine
ausreichende Inhaltsangabe zu machen. Fr das Tatschliche hatte ich
berhaupt nicht viel Sinn. Bei dem mir angeborenen Hang fr die Historie
hatte ich ziemlich viel Geschichtswerke gelesen; aber ich liebte die
Geschichte als den farbigen Strom des Geschehens, aus dem groe
Persnlichkeiten auftauchten, die ich kmpfen und siegen oder
unterliegen sah, als den Stoff, in den meine Phantasie hineingriff, um
ihn dramatisch zu gestalten und merkte mir nur, was mich in bezug darauf
interessierte; viel zuverlssige Kenntnisse hatte ich nicht. Alles was
ich etwa wute, langte nicht, um Examensfragen zu beantworten. Sogar in
Hinsicht auf moderne Sprachen, in denen ich guten Unterricht gehabt
hatte, mute mindestens das Gedchtnis wieder aufgefrischt werden.

Im Lateinischen unterrichtete mich ein Professor am Gymnasium, ich
glaube, er hie Walder, ein etwas humorloser, griesgrmlicher Mann, der
mit Mitrauen an die Sache heranging, weil er nicht glaubte, das
erforderliche Pensum werde sich in so unverhltnismig kurzer Zeit
bewltigen lassen; als er sah, da ich schnell Fortschritte machte,
wurde er freundlicher, und hatte schlielich wohl annhernd so viel
Freude an den Stunden wie ich. Vor der Mathematik hatte ich mich
gefrchtet: ich bildete mir ein, das sei etwas, was nur Mnner knnten.
Leider habe ich den Namen des jungen Mannes, eines Seminaristen,
vergessen, der mich in Algebra, Geometrie, Physik, kurz, in allen mit
der Mathematik zusammenhngenden Fchern unterrichtete. Er besa die
Gabe, sich in die Geistesverfassung eines vllig Unkundigen
hineinzuversetzen und beantwortete mit Geduld und Klugheit die vielen
Fragen, die ich stellte, bis ich die Art des mathematischen Denkens
erfat hatte. Dann ging es auf einmal spielend, und ich arbeitete auf
diesem Gebiet, von dem ich alles ganz und gar bis auf den letzten Zipfel
vergessen habe, mit besonderer Vorliebe. Naturwissenschaftlichen
Unterricht hatte ich bei Herrn von Beust. Der Vater der Brder Beust war
ein Achtundvierziger Flchtling gewesen und hatte in Zrich eine Schule
nach damals neuen Grundstzen eingerichtet, die gut besucht wurde. Nach
seinem Tode fhrte der eine Sohn sie weiter, eben der, bei welchem ich
Stunden nahm. Er war ein stattlicher blonder, unverheirateter junger
Mann; wenn ich kam, ffnete mir jedesmal seine Mutter die Tr,
rcksichtsvoll ihre Gegenwart andeutend.

Ich war damals voller Arbeitslust und Arbeitskraft. Ich hatte seit
meiner Schulzeit etwa acht Jahre lang nichts Ernstliches getan, nun war
ein Drang in mir, groe Aufgaben zu bewltigen. Allerdings bediente ich
mich unwillkrlich des Kunstgriffes, mit den verschiedenen Fchern, die
ich zu bearbeiten hatte, hufig abzuwechseln. Dann gab es hie und da,
auch abgesehen vom Mittagessen, eine Pause. Am Nachmittag tobte ich ein
Stndchen mit Max und Paul, den beiden Kleinen. Zu meiner Entlastung
erfand ich ein Spiel, bei dem ich mich etwas ausruhen konnte: ich legte
mich flach auf den Boden und regte mich nicht, die beiden Buben sprangen
um mich herum und ber mich weg, wobei sie riefen: Frulein Huch ist
tot! Frulein Huch ist tot! bis ich mich pltzlich aufrichtete, nach
ihnen griff und sie schreiend davonliefen. Dabei hatte ich den Vorteil,
da ich unvermerkt den Dialekt lernte, denn mein Hochdeutsch verstanden
sie nicht; ob ich englisch oder franzsisch sprche, hatten sie ihre
Mutter gefragt. Gegen Abend schlenderte ich manchmal allein oder mit
Frau Wanner auf die Hohe Promenade, den letzten Rest der alten Bastei,
wo wir das Abendlicht die Schneeberge frben sahen. Nur selten trafen
wir dort einen Spaziergnger, der wie wir, an den grnberwachsenen
Grbern eines alten Friedhofs vorberwandelnd, den Feierabend geno.
Auch grere Ausflge unternahm ich mit Frau Wanner; besonders gern
erinnere ich mich einer Reise in ihre Heimat, wobei wir die Ebenalp und
das Wildkirchlein besuchten. Die Alpenrosen, die gerade blhten,
berzogen den Boden mit einem krausen, rostroten Teppich; ich war von
diesem Anblick, der mir neu war, hingerissen. Auf der Ebenalp fand auf
einem hlzernen Tanzboden ein lndlicher Tanz statt. Aufgefordert mich
zu beteiligen, war ich gern bereit und tanzte so ausgiebig mit, da
meine Strmpfe am Schlu vollstndig durchgetanzt waren. In dem ersten
Winter, wo ich noch wenig Menschen kannte, ging ich oft weite Wege
allein, besonders am See entlang, der dunkel unter wogenden Nebeln
starrte, und das waren besonders glckliche Stunden ahnungsvoller
Trumereien. Einige Jahre spter wurde eine meiner Freundinnen auf dem
Wege zur Trichterhauser Mhle berfallen und nur durch das zufllige
Daherkommen eines kleinen Jungen gerettet. Dadurch wurde mir die Gefahr
einsamer Spaziergnge klar, und ich verlor den Mut dazu, womit ich
allerdings einen unersetzlichen Genu aufgab.

Zu Frau Wanners Hause gehrte ein Grtchen mit einer Laube, in der ich
mich, seit es warm wurde, fast den ganzen Tag aufhielt. Bei mir hatte
ich ein winziges, schwarzweies Ktzchen; wie ich in seinen Besitz
gekommen war, wei ich nicht mehr. Es war das hbscheste Ktzchen, das
man sich denken kann und hie Fritz, doch verschwand der offizielle Name
ber die vielen Zrtlichkeitsbenennungen, die ich meinem Liebling gab.
Die Liste von Fritzens hundert Kosenamen, die ich einmal aufstellte,
betrachtete Frau Wanner mit lchelnder Nachsicht. Da in meinem Zimmer
Muse waren, was man bei dem herrschenden Wirtschaftsbetrieb natrlich
finden wird, und ich auch Muse gern hatte, band ich meinem Fritz ein
Glckchen um, das seine Gegenwart zeitig anmeldete und die Bedrohten
warnte; auf diese Weise konnte ich Katze und Muse nebeneinander haben.
Einen grimmigen Gegner hatte meine Katze an Herrn Wanner, dem sie
zuweilen den Wurstvorrat entwendete, mit dem der bedauernswerte Mann
sich ernhrte. Frau Wanner wollte sich in solchen Fllen totlachen. Der
Wurstlackel ist im hellen Zorn abgezogen jubelte sie, er hat nichts
mehr zu essen. Ich erhielt dann ein Billett von ihm voll scharfer
Ausflle gegen mein Fritzli, das ich mit hflichen Entschuldigungen und
Wiedererstattung des Geraubten beantwortete. Seit die
Sonntagsspaziergnge aufgehrt hatten, sah ich ihn selten mehr. Der
Scheidungsproze war im Gange, aber die immer wieder erneuten
Vershnungsversuche vor dem Friedensrichter zogen ihn sehr in die Lnge.

Eine besonders sympathische Erscheinung meines ersten Zricher Jahres
war ein Freund Kellenbergs, den ich durch ihn kennenlernte, Alexander
Wettstein, Sohn des Seminardirektors von Ksnacht. Er war in jeder Art
von Sport gebt, die damals betrieben wurde, auch im Segeln, und als er
hrte, da ich noch nie gesegelt sei, wnschte er, mich dies Vergngen
kennen zu lehren. Das Rudern hatte ich bereits gelernt und ruderte oft
Abends auf dem See, der nur selten durch einen Dampfer, noch gar nicht
durch die sogenannten Schwalben beunruhigt wurde; dort war man allein
mit den Bergen und dem Abendrot. Wir gingen zu dritt zu einer der
Stellen, wo Boote vermietet wurden, und Alexander nahm eins, um selbst
das weiter drauen liegende Segelschiff herbeizuholen. Ungeduldig sprang
er dabei zu kurz und fiel ins Wasser; wir traten sofort den Heimweg an,
damit er sich trocknen konnte, und es ist nie zu einer Segelfahrt
gekommen. Dagegen wurde eine gemeinsame Besteigung des Glrnisch
ausgefhrt, eine herrliche, freudenvolle Fahrt, auf der die Alpenblumen
leuchteten und noch mehr die flinken, blanken schwarzen Bergsalamander
mich entzckten. In der Htte unterhalb der Spitze wurde bernachtet.
Wir schliefen auf Strohscken, und meine beiden Begleiter waren
brderlich besorgt, da ich bequem lag und gut zugedeckt war. Beim
Abstieg zeigte sich, da ich an Schwindel litt; an einer besonders
ngstlichen Stelle verlie mich der Mut, ich wagte mich weder vorwrts
noch rckwrts. Alexander Wettstein, der selbst das Fhrerexamen gemacht
hatte, kam mir nicht zu Hilfe, sondern rief mir zu: Sie mssen allein
weitergehen und Sie knnen es auch! Da mir nichts anderes brig blieb,
bi ich die Zhne zusammen und konnte es wirklich. Unter Scherz und
Gesang ging es in groen Sprngen zu Tal.

Whrend der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft besuchte Wettstein uns
nie, ohne mir etwas mitzubringen, etwa eine schne Blume oder einen
seltenen Stein, und einmal war es eine kleine Schildkrte. Einsperren
mochte ich sie nicht, und die Freiheit des Gartens mibrauchte sie zur
Flucht. Eines Tages, es war, wenn ich mich recht erinnere, im Juli, kam
Alexander mich zu fragen, ob ich mit auf die Jungfrau wollte; er und
fnf seiner Bekannten htten vor, in den nchsten Tagen den Aufstieg zu
machen. Es ist fast verwunderlich, da er mir so viel zutraute, da er
wute, da ich nicht schwindelfrei und berhaupt, wenn auch krftig und
gelenkig, doch ungebt war; er mochte denken, da er mir aushelfen
knnte, wo ich etwa versagte. So verlockend die Aufforderung war,
glaubte ich doch, sie ablehnen zu mssen, denn ich sagte mir, da ich
fr sechs junge Mnner, die alle bis auf einen erprobte Bergsteiger
waren, eine Hemmung bedeuten wrde. Was soll ich Ihnen mitbringen,
fragte er beim Abschiednehmen. Ein Murmeltierchen, sagte ich. Als das
entsetzliche Unglck geschah, war ich nicht in Zrich, ich kam erst
einige Tage nachher von einer kleinen Ferienreise zurck. Alle sechs
waren eine kurze Strecke unterhalb des Gipfels abgestrzt und tot. Zum
Verhngnis war ihnen die Ungebtheit des einen der Teilnehmer geworden,
hauptschlich aber ein pltzlich eintretender Umschwung des Wetters.
Gegen einen eisigen Schneesturm ankmpfend erreichten sie die Spitze des
Berges, rasteten dort und traten am folgenden Morgen erschpft und
erstarrt den Abstieg an. Unglcklicherweise waren sie, vermutlich wegen
der Unzulnglichkeit des einen von ihnen, untereinander angeseilt, so
da sie, als einer ausglitt und strzte, alle verloren waren. Die
Schweizer Zeitungen beschftigten sich viel mit dem Ereignis, das
mehrere Familien in Trauer versetzte; einer von den sechsen war
verheiratet. Von geistlicher Seite wurde das leichtfertige
Aufsspielsetzen des Lebens getadelt; doch konnte man insofern nicht von
Leichtsinn sprechen, als mehrere der Verunglckten, das Bergfhrerexamen
gemacht hatten. In den Berichten wurden alle Gegenstnde angefhrt, die
die Taschen und Ruckscke der Toten enthielten; mit tiefer Bewegung las
ich, da bei Alexander Wettstein in ein seidenes Tuch eingewickelt ein
Murmeltier gefunden war.

Mein Aufenthalt bei Frau Wanner nahm dadurch ein Ende, da ich von
irgendeiner Seite an den Professor der Theologie Fritzsche empfohlen war
und seine Damen mich aufsuchten. Sie fanden, da ich nicht passend
untergebracht sei und redeten mir dringend zu, die Wohnung zu wechseln,
bis ich nachgab. Auch konnte ich mir nicht verhehlen, da die
Verhltnisse im Hause sich immer mehr auflsten. Doch verlie ich ungern
Frau Wanner, das Grtchen, die Gemeindestrae und den Zeltweg, an dessen
Husern ich manches Mal am spten Abend den alten Gottfried Keller,
klein und gebckt, fr mich eine groe, verehrte Gestalt, hinstapfen
sah. Sehr schmerzlich war es mir, da ich mich auch von meinem Ktzchen
trennen mute. Ich nahm es in einem verdeckten Korbe mit in die
Dufourstrae, aber es entkam mir und langte nach zwei oder drei Tagen
ausgehungert und verschmutzt wieder in der Gemeindestrae an. Wohl nahm
es Frau Wanner liebevoll auf, konnte aber nicht verhindern, da der
lteste Sohn, die Abneigung des Vaters teilend, es erscho. Vielleicht
war es besser fr das arme Tier, das von seiner Liebe zu mir und der
unberwindlichen Anhnglichkeit an das Haus hin- und hergerissen nirgend
mehr Ruhe fand. Frau Wanner kam spter, nachdem sie geschieden war,
unter den Einflu von Temperenzlern, entsagte dem Trinken und wurde
ordentlich; doch war ich, als sich diese Umwandlung vollzog, nicht mehr
in Zrich. Etwa fnfundzwanzig Jahre spter berraschte und erfreute
mich ein Brief ihres jngsten Sohnes Paul, der in Italien lebte, ich
glaube als Buchbinder, Frau und Kinder hatte und glcklich war. Er
erinnerte sich noch lebhaft, wie er mir schrieb, der Zeit, wo ich im
Garten der Gemeindestrae mit ihm und seinem Bruder spielte.

Dank meines guten Unterrichts und meines Fleies wurde mir das Examen
leicht. Die meisten Prflinge waren schlecht vorbereitet, da das
Maturittsexamen fr leicht galt, viele gingen auf gut Glck, fast ohne
Kenntnisse hinein. Ich stellte bei den schriftlichen Arbeiten eine Art
Nachrichtenbro vor, das nach allen Seiten die Bedrftigen bediente. Bei
einem Examen geht es gewhnlich so, da, wenn der erste Tag gut
verlaufen ist, die gnstigen Ergebnisse sich wie von selbst steigern:
die Zuversicht der Geprften wchst und ebenso die gnstige Stimmung der
Prfenden, es bildet sich zwischen ihnen eine Atmosphre des Erfolges.
So ging es damals mir: die Zeit verging mir wie ein Fest. Als das
Ergebnis mitgeteilt wurde, verkndete Professor Blummer, der derzeitige
Rektor, da ein Examinand in allen Fchern die erste Note bekommen habe,
was seit Jahren nicht vorgekommen sei.

In mein erstes Semester fiel die Bekanntschaft mit einem Studenten, der
eben vom Gymnasium kam und Nationalkonomie studieren wollte. Er hie
Hans Mller und war ein Mecklenburger aus guter, wohlhabender Familie,
hatte sich aber den Unwillen seines Vaters zugezogen, weil er
Sozialdemokrat war. Das bedeutete fr die damalige Bourgeoisie ungefhr
dasselbe wie Verbrecher zu sein. Ich wute nicht viel von
sozialistischen Theorien, aber ich war fr die Richtung eingenommen, die
das Los der Arbeiter, also der rmsten und rechtlosen Klasse, verbessern
wollte, berhaupt hatte ich eine unwillkrliche Neigung zum
Revolutionren. Das Legitime war mir verdchtig, die Worte Freiheit und
Rebell hatten einen wundervoll drommetenhaft erschtternden Klang fr
mein Ohr. Ich lie mich also leicht von Hans Mller bereden, mit ihm ein
Kolleg zu besuchen, das fr viele junge Deutsche eine besondere
Anziehungskraft hatte: Professor Platter las ber Sozialismus. Ich war
keine eifrige Hrerin und verstand nicht viel von dem, was er vortrug;
aber die Zusammensetzung der Zuhrerschaft interessierte und belustigte
mich. Es waren mehr Auslnder als Schweizer, darunter verschiedene
Deutsche, die spter eine Rolle in der Sozialdemokratischen Partei
gespielt haben. Diese verkehrten meist in einem Lokal, das die
Kaffeeklappe genannt wurde; ich lernte sie nur aus Erzhlungen von Hans
Mller kennen. Zu seinen nheren Bekannten gehrte Karl Henckell, der
kurz vorher ein Bndchen sehr anmutiger Gedichte herausgegeben hatte. Er
besang darin Erika Wedekind, die Tochter eines im Lenzburger Schlosse
wohnenden Niedersachsen, Schwester des spter berhmten und berchtigten
Frank. Schon zu jener Zeit gingen allerhand eklatante Anekdoten ber ihn
um. Eines Verses von Karl Henckell erinnere ich mich, der oft mit
Vergngen angefhrt wurde! Das wird die Ochsen krnken -- Im Stall
Germania -- Die Mdchen auf den Bnken -- der Wissenschaft: Hurra!
Manche von seinen Gedichten hatten etwas Seelenvolles, Taufrisches,
Witziges, das er spter nicht wieder erreicht hat.

Die Spur, die die Berhrung mit den jungen Sozialdemokraten bei mir
hinterlie, geriet poetisch und historisch! Ich schrieb eine Komdie,
die ich zur Zeit der Dreiig Tyrannen in Athen spielen lie. Ich
bedaure, da sie mir verlorengegangen ist, denn es ging toll und bunt
darin zu. Nur daran erinnere ich mich, da ein Sykophant darin vorkam,
der so viel log, da er, um sich zurechtzufinden, zwei Tfelchen bei
sich trug, das eine enthielt die wirklichen Tatsachen, das andere wie er
sie zum Zweck seiner Angebereien umgelogen hatte. Diese Figur gab Anla
zu grotesk komischen Szenen, die mir viel Spa gemacht haben. Hans
Mller, der schlanke, idealistische Junge, ging im nchsten Semester
nach Genf, hat verschiedene Entwicklungsstufen durchgemacht und ist nach
einem wechselvollen Leben, das er teils in Deutschland, teils in der
Schweiz verbrachte, mit seinem Vater vllig vershnt, in Zrich
einheimisch geworden.

Das Kolleg bei Platter war nur ein Seitensprung; in meinem eigentlichen
Fach, der Geschichte, war ich regelmig und aufmerksam. Am meisten kam
fr mich Professor Meyer von Knonau in Betracht, eine charakteristische
Erscheinung, der im Vortrag und in der Gebrde eine schnrkelhaft
gewundene Linie hatte, die wir gotisch nannten. Sein Kolleg befriedigte
durch den Eindruck von Vollstndigkeit und Gediegenheit. Georg von Wy,
bei dem ich Schweizergeschichte hrte, wurde noch vielfach nach dem
aristokratischen Titel Junker Wy genannt. Mit seiner untersetzten
Gestalt, seinem buschigen weien Haar ber dem gerteten, etwas
holzschnittartig grobgeformten Gesicht war er uerlich nicht gerade
anziehend; aber er bezauberte mich. Seine Haltung hatte etwas vom ancien
rgime, eine Wrde, die ihrer selbst zu sicher ist, um nicht auch alles
andere, sei es das geringste, gelten zu lassen. Es lie sich annehmen,
da der alte Mann, der konservative Aristokrat, nicht fr das
Frauenstudium eingenommen war; aber er behandelte mich stets mit
respektvoller Freundlichkeit, und ebenso eine andere Studentin, Bulgarin
oder Rumnin, obgleich die Balkanvlker nicht beliebt in der Schweiz
waren, und das betreffende Mdchen wohl auch weniger zum Studium ein
Kolleg besuchte, als um sich an deutschen Vortrag zu gewhnen.
Allerdings trug auch ich zunchst keinen Gewinn von seinen Stunden. Er
las grade ber die Bndner Wirren im 17. Jahrhundert, eine sehr
verwickelte Geschichte, zu deren Verstndnis mir alle Vorkenntnisse
fehlten; es war fr mich meist ein sinnloses Durcheinander. Junker Wy
gab fast nichts anderes als Tatsachen; die Kenntnis des allgemeinen
Hintergrundes setzte er wohl voraus und ermglichte seinen Schlern, die
Einzelheiten nach der strengsten neuesten Forschung zu berichtigen. Ein
begleitendes Lcheln deutete zuweilen seine Einstellung zu den Vorfllen
an.

Sehr viel gab mir ein Kolleg von Professor Oechsli ber die
Schweizerische Verfassung. Oechsli war im Gegensatz zu Meyer von Knonau
und Junker Wy Demokrat, ein offener, liebenswerter Mensch. Seine
Vorlesung erweckte in mir das Interesse fr Verfassungsgeschichte, womit
ich mich whrend meiner Studienjahre hauptschlich beschftigt habe. Bis
dahin hatte ich vom Wesen der Verfassungen, von der Gliederung des
Volkes, der Machtverteilung, dem Mae von Freiheit, Verantwortung und
Gebundenheit nur eine oberflchliche Vorstellung gehabt. Ebenso wichtig
wurde mir ein Kolleg bei Rahn ber Gotik, in dem ich das beglckende
Gefhl wesentlicher Belehrung und Bereicherung geno. Rahn trug hchst
klar und anschaulich vor. Ich begriff erst jetzt, da Gebude nicht
schlechtweg nach jeweiligem Geschmack errichtet werden knnen, sondern
da ihr Zweck und statische Gesetze die Bedingungen sind, mit denen der
Bauwille sich auseinandersetzen mu innerhalb der Formenwelt, die er
vorfindet.

Sachlich sehr wenig hatte ich von demjenigen Professor, der mich
persnlich am meisten interessierte: ich meine Salomon Vgelin. Ich
hrte bei ihm ein Kolleg ber Schweizer Humanisten und nahm an einem
Seminar teil, wo ber Holbein gearbeitet wurde, das in seinem schnen
alten Hause an der Bahnhofstrae gehalten wurde; es ist lngst
abgerissen. Einmal fhrte Vgelin das Seminar nach Basel, um die dort
befindlichen Bilder von Holbein zu zeigen. Mir kamen damals altdeutsche
Bilder noch schlechtweg hlich vor. Von der Schnheit der Holbeinschen
begann ich zwar etwas zu ahnen, besonders starken Eindruck machten mir
die Zeichnungen zu den Orgelflgeln des Basler Mnsters, aber
liebevollere Blicke warf ich doch im Vorbergehen auf die Gemlde von
Bcklin. Im Ganzen war ich fr die Vorlesungen von Vgelin nicht
gengend vorbereitet, und doch glaubte ich grade von ihm etwas vernehmen
zu mssen, was mich besonders anginge. In seinem sehr markanten Gesicht
war etwas Schwermtiges, etwas Zweifelndes und Problematisches, das mich
beschftigte; dazu kam, da mit einer gewissen Zurckhaltung von ihm
gesprochen wurde, als sei etwas Anstiges an ihm, was besser
verschwiegen bleibe. Mein erstes Semester war das letzte, in dem er las;
er war schon schwer krank und ist bald darauf gestorben.

Professor Alfred Stern las ber Neuere Geschichte. Ich hrte bei ihm ein
Kolleg ber die Orientalische Frage, die mir ziemlich gleichgltig war
und blieb, obwohl er frei und auergewhnlich gut sprach. Er war ein
Schler von Ranke und hatte von dessen Art, wie man sagte, etwas
angenommen. Ausgezeichnet war sein Seminar. Er legte uns darin ein zur
Zeit der franzsischen Revolution anonym erschienenes Buch vor, dessen
Verfasser herauszufinden war, und verstand es, uns zu lebhafter
Beteiligung anzuregen.

Sein bester Schler war ein Bulgare, Boris Minzs, dessen
leidenschaftlicher Eifer sich in seinem unschnen, aber krftigen,
auffallenden Gesicht ausprgte. Der wird einmal Minister, sagte der
Professor von ihm. Vielleicht hat nur sein frher Tod verhindert, da
die Prophezeiung wahr wurde; er ist als Professor in Sofia gestorben.

Bei Prof. Stern und bei Meyer von Knonau durfte ich gesellschaftlich im
Hause verkehren. Meyer von Knonau war mit einer Deutschen, einer feinen
und liebenswrdigen Frau verheiratet; Kinder hatte er nicht.

War ich aus der Orientalischen Frage nicht mit bereichertem Wissen
hervorgegangen, so brachte mir diese Vorlesung einen andern, viel
schtzbareren Gewinn. Sie war ihres aktuellen Inhalts wegen von
Studenten aller Fakultten besucht, so auch von einer mir befreundeten
Medizinerin, die neben mir sa. Eines Tages erzhlte ich ihr, ehe der
Professor erschien, da ich zwei Feuersalamander geschenkt bekommen
habe, reizende Geschpfe, die ich sehr liebe, von denen ich aber den
Eindruck habe, sie fhlten sich nicht wohl bei mir, und da ich
befrchte, ich ernhre sie nicht richtig. Meine Nachbarin wute mir
keinen Rat zu geben, indessen griff eine vor oder hinter uns sitzende
Studentin in das Gesprch ein und sagte, ich msse den Feuersalamandern
Regenwrmer geben. Woher soll ich denn Regenwrmer nehmen, sagte ich,
ich habe keinen Garten. Die fremde Studentin, die, wie ich bald
erfuhr, Marianne Plehn hie und Zoologie studierte, weshalb sie auch so
gut Bescheid wute, sagte mit nachsichtiger Freundlichkeit, sie wolle
mir wohl Regenwrmer bringen. Sie hielt Wort, was, nebenbei bemerkt,
nicht gehindert hat, da die Feuersalamander fortfuhren, sich so wenig
wohl bei mir zu fhlen, da sie zu meinem Schmerz starben. Bei
Gelegenheit einer Wrmerspende sagte Marianne Plehn zu mir, ich mchte
nun auch sie besuchen und ihre Kaulquappen kennenlernen. Sie bewahrte
diese, deren komisches Aussehen mich entzckte, in einem groen
Glasgef und rhmte sich, sie so abgerichtet zu haben, da sie auf ein
Klopfzeichen an der Oberflche des Wassers auftauchten. Da ich ihre
Dressurkunst glubig bewunderte, machte ihr viel Vergngen. So begann
eine Freundschaft, die mich durch das ganze Leben begleitet und es
verschnt hat.

Marianne hatte eine entschiedene, knappe Art, sich auszudrcken und
hielt sich sehr grade; der letztere Umstand war es wohl, der bewirkte,
da ich sie jahrelang fr grer als mich gehalten habe, whrend das
Gegenteil durchaus der Fall ist. berhaupt schenkte ich ihr unbedingtes
Vertrauen; wenn uns auf dem See ein Wetter berraschte, war ich
unbesorgt, wenn sich auch schon Schaumkrnchen auf den Wellen bildeten,
solange ich Marianne unbekmmert sah, erst wenn ihr Gesicht sich in
ernste Falten zu legen schien, glaubte ich, da Gefahr im Anzge sei und
legte mich nachdrcklicher in die Ruder.

Meine neue Freundin stammte von einem Gut in Westpreuen, das Lubochin
heit, an dem sie sehr hing, und von dem sie oft erzhlte: von dem
Garten voll Blumen, der das Haus umgab, in dem zahme Kraniche und zahme
Fchse ihr Wesen trieben, von den ckern, Gehlzen und einsamen Wldern,
die sich daran schlossen und dem dunklen, lautlos dahineilenden
Schwarzwasser, das sie begrenzte. Ich stellte mir zuhrend gern den
unbekannten Osten vor, die Ebenen, wo einst die deutschen Ritter mit den
heidnischen Preuen und spter mit den Polen gerungen hatten, die breite
Weichsel, die sie durchstrmte, von der ich mir einbildete, da sie der
Wolga hnlich sei, an das unabsehbare Ruland gemahnend. In Bezug auf
die Verbreitung der Familie Plehn in Westpreuen gab es folgende
Anekdote: Als Napoleon durch jene Gegend fuhr und auf Erkundigung, wem
dies und jenes Gut gehre, immer den Namen Plehn hrte, sagte er: cette
plaine est pleine de Plehn.

In einem anderen historischen Kolleg kam ich neben ein flinkes
zierliches Persnchen zu sitzen, die mir durch ihre schnen sprechenden
Augen und ihr schwarzlockiges Haar auffiel, was zusammen ihr ein feurig
trotziges Aussehen gaben. Hedwig Waser, die einer altberhmten Zrcher
Familie angehrte, war Germanistin. Ich hatte damals Visionen meiner
knftigen Dichtungen, die von dem in Deutschland herrschenden Geschmack
ganz abwichen. Man ist wohl in der Jugend auf dem Gebiet sehr
ausschlielich, wo man selbst schpferische Begabung fhlt, und man
etwas bilden mchte, dessen Wesen einem unverrckbar feststeht, wenn man
auch die Umrisse erst ahnt. Dem modischen Naturalismus, der die
Wirklichkeit des Alltags mglichst schonungslos darstellen und ihre
Wurzeln im Menschen und seiner Umwelt aufdecken wollte, war ich so
feind, da ich auch fr das Bedeutende innerhalb dieser Richtung, so fr
Ibsen, fr den die Jugend schwrmte, kein Verstndnis hatte, noch haben
wollte. Das allgemein mit Beifall aufgenommene Jugendwerk Max Halbes
Jugend, lehnte ich durchaus ab. ber derartige Fragen sprach ich viel
mit Hedwig Waser, die sich immer mit Klugheit und Feuer uerte; das
gemeinsame Interesse verband uns neben der persnlichen Sympathie, und
wir befreundeten uns rasch. In meiner Erzhlung Haduwig im Kreuzgang
entstand ihr und zugleich der Gromnsterschule ein kleines
Gedenkzeichen.

Von meinen Kollegen sind mir nur noch einige Namen in Erinnerung:
Hoppeler, ein lustiger Bursche, der, wenn ich nicht irre, etwas
verlotterte und frh gestorben ist, v. Jcklin, ein Bndner, Haffter,
dessen Dissertation ber Georg Jenatsch ich noch besitze. In nhere
Beziehung trat ich zu meiner einzigen Kollegin, einer sehr sympathischen
Norwegerin mit blonden Haaren und feinem, klugem Gesicht, Mathilde
Wergeland. Sie sprach gut deutsch, nur da sie, wenn sie in Eifer
geriet, was im Seminar nicht selten vorkam, alle mit du anredete,
Professoren und Studenten nahmen es mit beiflligem Lcheln auf. Sie
sprach mir zuweilen ihre Nationalhymne vor: O mein felsiger Nord, so
etwa begann sie und klang stolz und urgewaltig in norwegischer Sprache.
Einmal, als wir in grerer Gesellschaft zusammen waren, kam Mathilde
Wergeland auf den Einfall, wir sollten den Berliner Kongre vorstellen.
Sie verteilte die Rollen; ob sie selbst oder wer sonst Bismarck agieren
mute, habe ich vergessen. Mir wies sie entweder Disraeli oder Andrassy
zu, ich glaube mehr wegen meines kurzen gelockten Haars als wegen
innerer Verwandtschaft. Ich hatte mir, bevor der Gedanke an das Studium
auftauchte, die Haare abschneiden lassen, weil ich mit den vielen, die
ich hatte, nichts anzufangen wute, und sie mir eher unbequem waren. Zu
Beginn der Studienzeit lie ich sie wieder wachsen, weil es unter uns
Studentinnen Grundsatz war, uns in keiner Weise von anderen jungen
Mdchen zu unterscheiden. Damals galt es bei vielen noch fr unweiblich,
zu studieren; es sollte deshalb jede als mnnlich zu deutende Note in
der ueren Erscheinung und im Auftreten vermieden werden. Frau Wanner
war ber die Vernderung, besonders in der schwierigen bergangszeit,
entrstet. Frher sahen Sie aus wie der junge Goethe, sagte sie,
jetzt sehen Sie aus wie eine Zigeunerin. Ich nehme an, da das
letztere so bertrieben, wie das erste gnzlich unzutreffend war.

Am nchsten stand mir in den ersten Jahren Salom Neunreiter, eine
Elssserin, die Medizin studierte, also in den Vorlesungen nicht mit mir
in Berhrung kam. Sie hatte ein unregelmiges Gesicht, das dunkle
Augen, in denen es oft hei aufflammte, anziehend machten; sie war klug,
ttig, tchtig und sehr temperamentvoll. Ihre Mutter war eine
wohlhabende Geschftsfrau und ermglichte ihrer Tochter einen eigenen
Haushalt in einer kleinen Wohnung zu fhren, was sonst unter
Studentinnen kaum vorkam. Ihr Mdchen, das fr sie kochte, lie sie mit
am Tisch essen, eine demokratische Geste, die mir neu war und mir gut
gefiel. Bei unseren gemeinsamen Ausflgen hatte sie manches Mal
Gelegenheit, ihr Temperament und ihre Unerschrockenheit zu bettigen.
Einmal schlug sie an einem Vagabunden, der uns in einsamer Gegend
begegnete und belstigte, ihren Sonnenschirm entzwei. Ein anderes Mal
entrstete sie sich ber eine Schar wilder Buben, die, ich wei nicht
mehr, was angestellt hatten und hielt ihnen eine pathetische Strafrede;
als sie bei der Stelle ankam: Ihr Schande eurer Eltern kamen wir beide
so ins Lachen, da die Ansprache damit ein Ende nahm. Auf der Heimfahrt
von einem Ausflug am Sonntag Abend in der dritten Klasse gerieten wir
einmal zwischen angetrunkene Mnner, die sehr zudringlich wurden und
unsere Lage wurde doppelt peinlich, als der Schaffner, dessen Hilfe wir
anriefen, zu den Mnnern hielt, anstatt uns beizustehen. Salom gelang
es doch, sie in Schranken zu halten, whrend ich meine Angst und meinen
Widerwillen kaum verbergen konnte. Ich machte gelegentlich ein Gedicht
auf sie, das anfing: Tapfer und behende -- lebensaufwrts klettert
Salom -- Ihre kleinen Hnde -- knnen wohltun, doch auch weh. Mir tat
sie im allgemeinen nur wohl, wenn nicht grade ihre leicht empfindliche
Eifersucht gereizt wurde. Da ich etwas kurzsichtig war, pflegte sie
mich, wenn wir uns entgegengingen, eher zu erkennen, als ich sie sah,
und wenn dann mein Gesichtsausdruck sich nicht gleichzeitig in den des
freudigen Begrens verwandelte, fhlte sie sich dadurch verletzt.
Salom sprach nicht nur, wie sich von selbst versteht, deutsch und
franzsisch, sondern auch englisch flieend. Sie verkehrte viel mit zwei
lteren, in Freundschaft verbundenen Damen, einer Deutschen und einer
Englnderin, bei denen sie mich einfhrte. Ich liebte besonders die
weihaarige, umfangreiche Mi Davies, die heiter und humorvoll war; aber
die dunkle, ernste Frulein Schottbey war nicht weniger sympathisch.

Was Salom und mich auer der persnlichen Zuneigung verband, war unser
gemeinsames Werk, der Rachedolch. Unter den Professoren, bei denen
Salom hrte, war einer, der Gynkologe, der ein Gegner des
Frauenstudiums war und das auf eine sehr unfeine Weise uerte. Er
verflocht nmlich anstige oft geradezu unfltige auf sein Fach
bezgliche Witze in seinem Vortrag, die er vielleicht berhaupt gern
angebracht htte, die aber zugleich den Zweck hatten, die anwesenden
Studentinnen zu verscheuchen oder mindestens zu beleidigen; denn sie
konnten ja, ohne ihr Studium aufzugeben, auf diese Vorlesung nicht
verzichten. Wenn wir Sonntags spazieren gingen, erzhlte mir Salom
glhend vor Emprung, was der Verabscheute wieder an Unanstndigkeiten
vorgebracht hatte. Das brachte uns auf den Gedanken, ihn in einem Buch
an den Pranger zu stellen, der Verachtung der Nachwelt preiszugeben; wir
nannten dies knftige Werk den Rachedolch. Es sollte ein Briefwechsel
werden in der Art, da wir beide ziemlich genau so schrieben, wie es
unserer Lage entsprche. Voraussetzung sollte sein, da wir, wie es
wirklich der Fall war, uns nur des Sonntags sehen und sprechen knnten,
und wchentlich einen Brief wechselten. Allerdings muten dem breiten
Publikum einige Zugestndnisse gemacht werden, namentlich durch eine
nebenherlaufende Liebesgeschichte. Die chirurgische Klinik leitete
damals Professor Krnlein, ein Mann, der sich, wie allbekannt war,
ebenso durch seinen Charakter, durch vornehme Gesinnung wie durch die
Beherrschung seines Faches auszeichnete und dem ganzen, ihm anvertrauten
Institut ein entsprechendes Geprge verlieh. Diesen, den Salom ebenso
bewunderte und verehrte wie sie den Gynkologen hate, sollte Salom
lieben und am Schlu des Buches heiraten, whrend fr mich ein um sechs
Jahre jngerer Student vereinbart wurde. Ich sollte der Abwechslung
wegen eine junge Witwe sein, und der Altersunterschied zwischen dem
Geliebten und mir sollte in meinem Falle das Problem bilden. Die
Hauptsache war uns aber die Vernichtung des Feindes und daneben die
Schilderung des Lebens an der Universitt, namentlich in bezug auf das
Frauenstudium, wovon in Deutschland noch so wenige Nheres und
Bestimmtes wuten; Salom war sich durchaus bewut, Pionier zu sein. Wir
hatten an diesem Plan und seiner Ausfhrung groes Vergngen. Sonntags
lasen wir uns den Brief vor, den jede whrend der Woche geschrieben
hatte und beredeten den Inhalt des nchsten. Merkwrdig ist, da die
Briefe der so lebhaften Salom viel lnger und weitschweifiger waren als
meine, ja vielleicht hie und da ein wenig pedantisch. Sie war
pdagogisch veranlagt, ich war es gar nicht, sie wollte wirken und
belehren, und so lblich das auch ist, gerieten, wie ich glaube, meine
absichtslos hingeworfenen Briefe doch amsanter.

Obwohl wir damals mit seiner Verffentlichung rechneten, betrachtete ich
den Rachedolch doch nicht als zum Kern und Ziel meines Lebens, zur
dichterischen Produktion gehrig. Seit meinem fnften Lebensjahre hatte
ich Gedichte gemacht, spter Novellen geschrieben; es war mir immer
bewut, da dies meine Aufgabe und meine Leidenschaft war, der ich
irgendwann einmal gengen wrde. Whrend ich mich auf die Maturitt
vorbereitete, hatte ich nur selten einmal einen Vers zu machen mir
erlaubt, und auch whrend meiner Studienzeit nahm ich mir vor, alle
Kraft auf die vorliegende Arbeit zu wenden, mich nicht ablenken zu
lassen. Nur einmal machte ich eine Ausnahme, indem ich eine kurze
Erzhlung schrieb, der ich den Titel Die Goldinsel gab. Sie spielte im
Zeitalter der portugiesischen Entdeckungen und grndete sich auf die zu
jener Zeit verbreitete Annahme, es gebe irgendwo eine Insel, wo Gold in
Menge zu finden sei. Soweit ich mich erinnere, schwankte die Geschichte
im Dunst unreifer Poesie, etwas Breiiges ohne Knochen, und ermangelte
ganz des Wirklichkeitssinnes, wie auch gar nichts Erlebtes darin
steckte, aber der gtige Redakteur des Berner Bundes, Joseph Viktor
Widmann, nahm sie in die Sonntagsbeilage auf, und ich bekam vierzig
Franken dafr. Mit diesem ersten selbstverdienten Gelde beschlo ich,
von meinen damaligen Bekannten und mir eine Photographie herstellen zu
lassen, die ich meiner stets ein wenig um mein Los und die Gesellschaft,
in der ich mich bewegte, besorgten Gromutter zu schicken gedachte;
meine Eltern lebten beide nicht mehr. Auer mir waren sechs Mdchen auf
dem Bilde, alle Medizinerinnen. Clara Neumann, aus wohlhabender Familie,
durchaus brgerlich, ohne Draufgngertum oder studentische Bohme; sie
ist jung gestorben. Molly Herbig, eine Ostpreuin, blond, fein,
dezidiert und nicht ohne Humor; sie heiratete einen Schweizer Arzt,
hatte zwei Kinder und starb schon vor dem Krieg, wenn ich mich recht
erinnere. Frulein von Rosenzweig galt als natrliche Tochter des
Kaisers Friedrich; wie es sich damit verhielt, wei ich nicht, auch
sprach sie nie davon. Sie stand schlecht mit ihrer Mutter und litt
darunter, da sie finanziell von ihr abhing, neigte berhaupt zur
Schwermut. Nach vollendetem Studieren lebte sie mit Molly Herbig
zusammen, die sie mit bewunderswerter Selbstaufopferung behtete; aber
sie benutzte doch einmal einen unbedachten Augenblick, um sich das Leben
zu nehmen. Ein mir neuer Typus war die blonde, zierliche Annchen
Eysoldt, die von allen Dingen mit einer Offenheit sprach, die man Roheit
htte nennen knnen, wenn man nicht das Grundstzliche darin gesprt
htte. Liebe war fr sie, wie sie sagte, ein sinnlicher Trieb, mit dem
die Natur ihren Haushalt besorgt, den betreffenden Menschen Gefhle
vorspiegelnd, die eigentlich gar nicht vorhanden sind. Sie uerte
dergleichen mit sachlicher Khle und vollem Einverstndnis. Trotzdem
hatte sie einen Verlobten, den ich den vierfach Verfluchten nannte: er
war Pole, Jude, Sozialist und ganz arm. Die Beziehung war natrlich
aussichtslos und nachdem sie lngst gelst war, hat Annchen Eysoldt,
wenn ich nicht irre, einen Schweizer Rechtsanwalt geheiratet. Sie hatte
eine Schwester, von der sie erzhlte, da sie zum Theater gehen wolle;
sie ist eine berhmte Schauspielerin geworden. Die einzige Schweizerin
in diesem Kreise war Emma Rhyner. Sie hatte etwas beraus Drolliges und
Naives, und ich mochte sie besonders gern leiden. Von ihr lernte ich das
Lied: O i wett i hett en pfel! Aber en sure n pfel mue es si, das
sie mit lauter Stimme und nachdrcklicher Begeisterung zu singen
pflegte. Leider habe ich sie, nachdem sie sich irgendwo als rztin
niedergelassen hatte, ganz aus den Augen verloren. Zum Schlu nenne ich
die wrdigste von uns, die liebenswrdige, rosige Agnes Bluhm, die schon
am Ende ihres Studiums war. Sie ist noch immer erfolgreich
wissenschaftlich ttig.

Wie es kam, da ich mit so vielen Medizinerinnen verkehrte, die ich doch
in meinen Hrslen nicht antraf, kann ich nicht sagen; vermutlich waren
es Bekanntschaften aus dem Studentinnenverein. Fr Vereine hatte ich
keinen Sinn, diesem trat ich aber aus Kameradschaftlichkeit bei und
wurde schon bald zur Prsidentin gewhlt, was ich selbst bei meiner
geringen Eignung zu einem solchen Amt auffallend und beinah komisch
fand. Sehr unzufrieden waren die russischen Studentinnen mit mir, die in
groer Zahl zum Verein gehrten. Diese wnschten, da Vortrge gehalten
wrden, an die sich Diskussionen knpften, whrend ich fr zwangloses
Zusammensein war. Die meisten waren so, wie man sie aus russischen
Romanen kennt: sie konnten Nchte hindurch zusammensitzen und in
endlosen Gesprchen ber Welt und Lebensrtsel sich ergehen, wobei die
Probleme immer verworrener wurden. Wir sprachen auch ber alles, was
junge Menschen bewegt und interessiert; aber es war nicht ein so
uferloses, gewissermaen aus Schwche sich und den Gegenstand
auflsendes berschwemmen. Wir wuten, da die meisten russischen
Studenten sehr arm waren und ohne viel Wesens daraus zu machen, sich
jede Bequemlichkeit versagten, um studieren zu knnen, ferner da
diejenigen, die mehr Mittel besaen oder reich waren, den Bedrftigen
mitteilten, als verstehe sich das von selbst. Ich bewunderte das, ohne
mich zu einem nheren Verkehr gedrngt zu fhlen. Mir fehlte damals
jedes Verstndnis fr die Russen und ihre Nte.

Salom Neunreiter ging mir durch die Liebe verloren. Aus welchem Grunde
sie die eigene Huslichkeit aufgab, wei ich nicht mehr. In der Pension,
wo sie dann wohnte, lernte sie einen jungen blonden Deutschen kennen,
der Chemie studierte, und in den sie sich verliebte, als er sich einmal
an der Hand verletzt hatte, und sie ihm die Wunde kunstgerecht verband
und behandelte: Fr mich mu es sich da blau ffnen, sagte sie einmal,
als ich die Schnheit des dunklen Auges rhmte. Ihre Mutter war mit
dieser Neigung nicht einverstanden, sei es weil es sich um einen
Deutschen handelte, oder weil der Erwhlte ihr keine Gewhr fr das
Glck ihrer Tochter zu bieten schien. Wieder zeigte sich Salom
furchtlos und unternehmend. Als die Mutter drohte, ihr die Mittel zum
Studium zu entziehen, beschlo sie, sich selbst Geld zu verdienen. Der
rztliche Beruf kam nicht in Betracht, weil sie noch nicht ausstudiert
hatte; so ging sie nach irgendeiner deutschen Stadt, es mag Leipzig
gewesen sein, und arbeitete dort journalistisch. Wie lange sie dort
blieb, wei ich nicht mehr, auch nicht, ob die Mutter schlielich doch
nachgegeben hat. Jedenfalls hat sie bedauerlicherweise ihr Studium nicht
vollendet. Als sie wieder in Zrich war, kam es zwischen ihr und ihrem
Verlobten oft zu unerfreulichen Auftritten, die nichts Gutes fr die
Zukunft weissagten; doch hielt sie an ihm fest, ich wei nicht, ob aus
Zuneigung oder aus Eigensinn. Sie hat mit dem so ausdauernd Erkmpften
in Zrich gelebt und ist, soviel ich wei, sehr unglcklich geworden.
Kinder hatten sie nicht. In viel spteren Jahren habe ich noch einmal
Briefe mit ihr gewechselt, als ich an die Mglichkeit dachte, unseren
alten Rachedolch zu verffentlichen, der in ihren Hnden geblieben war.
Ich hoffte, da das auch fr sie von Nutzen sein knnte, denn ich hatte
gehrt, sie befinde sich oft in finanziellen Schwierigkeiten. Es wurde
nichts daraus, weil der Verleger, an den ich mich wandte, der Ansicht
war, es bestehe fr die geschilderten Verhltnisse kein Interesse mehr.
Das Frauenstudium war inzwischen in Deutschland eine alltgliche Sache
geworden.

Es war, glaube ich, in meinem zweiten Semester, da ich fast die ganzen
Sommerferien in Rti ob Meiringen zubrachte. Es gab dort noch keine
Hotels, nur eine einzige Pension in einem einfachen Hause, wo fast nur
Schweizer aus dem sogenannten kleinen Mittelstande wohnten. In dem
Holzhause gab es eine Menge Ohrwrmer, die mir mit ihren blanken
skorpionhnlichen Leibern ein unberwindliches Grausen einflten. Die
gutmtigen Pensionsgste verstanden zwar meine Angst nicht, kamen mir
aber bereitwillig zu Hilfe, indem jeden Abend einige von ihnen mich in
mein Zimmer begleiteten, um die Bestien aufzuspren und totzutreten.
Auer mir war der einzige Deutsche, der aber lange schon in der Schweiz
eingebrgert war, ein alter Herr, Professor Gladbach; er lehrte am
Polytechnikum Architektur, und ich glaube, der Holzbau war sein
Spezialfach. Sein Vater war als Emigrant in die Schweiz gekommen,
nachdem er irgendeine franzsische Revolution mitgemacht hatte; der
Professor erzhlte mir, die Franzosen htten ihn Lavache genannt. Er war
ein beweglicher, freundlicher Herr mit einem schelmisch-listigen Lcheln
in den Augen und liebte es, sich die Mahlzeiten durch Gesprche zu
wrzen. Dabei wandte er sich, da der brige Teil der Gesellschaft
schweigend zu essen pflegte, immer an mich und brachte mich mit den
seiner Schwerhrigkeit wegen berlaut gefhrten Unterhaltungen oft in
Verlegenheit, besonders da es meist um Gegenstnde ging, die den andern
vollstndig fernlagen. Die Herzge von Burgund waren sehr
prachtliebend, schrie er mich zum Beispiel an und verbreitete sich dann
ber Teppiche und Rstungen oder die derzeitigen Tischsitten. Wenn ich
Sie ansehe, mu ich immer an den alten Homer denken, begann er einmal.
Alle lachten und blickten auf mich. Er gab seiner Bemerkung dann eine
liebenswrdige Wendung, indem er sagte, so wie ich msse Nausikaa
ausgesehen haben, ein Vergleich der mir sehr schmeichelte, obwohl man
meinen alten Verehrer nicht allzu ernst nehmen konnte. Eines Tages
machte Professor Gladbach einen Ausflug auf eine etwa sechs Stunden
hher gelegene Alp, von dem er so begeistert zurckkam, da ich
beschlo, denselben zu machen. Da ich allein war, machte mir keine
Bedenken, den Weg hatte mir der Professor genau beschrieben. In der
Sennhtte, wo ich nach langem Marsch gegen Abend ankam, fand ich einen
Senn am Kessel, der seinem Aussehen nach ebensogut ein Ruber htte sein
knnen, mich aber freundlich empfing. Er sprach den Hasliberger Dialekt,
der auch Schweizern oft dunkel bleibt; aber die Verstndigung gelang mit
beiderseitigem, gutem Willen. Er bot mir ein Getrnk aus einer Tasse an,
von der er mir versicherte, da sie sfer, nmlich sauber sei, wozu ich
das mitgebrachte Brot a. Zum Schlafen stiegen wir eine Leiter zu einem
Bretterboden hinauf, wo er mir die eine Ecke anwies, whrend er sich in
einer anderen niederlegte; nicht das leiseste Angstgefhl wandelte mich
an. Als ich am Morgen erwachte, war er schon fort. Von einem Spaziergang
hher hinauf zurckkehrend, wollte ich eben in die etwas tiefer in einer
Senkung liegende Sennhtte hineingehen, als ich die Erde unter mir
nachgeben fhlte und zu meinem namenlosen Schrecken immer tiefer, bis an
den Grtel versank. Neben der Tr der Htte war ein groer viereckiger
Dngerhaufen aufgeschichtet, der, weil er schon alt war, die Farbe der
Steine angenommen und mich dadurch getuscht hatte. Niemand war weit und
breit zu sehen: ich zog mich aus und wusch mich, Wsche und Kleid so gut
es gehen wollte, in dem an der Htte vorberflieenden Bach.
Merkwrdigerweise erinnere ich mich, da ich ein hbsches,
erdbeerfarbiges Kleid trug. Dann trat ich, mit meinem Abenteuer
ausgeshnt, den Heimweg an.

Besonders die letzten Wochen meines Aufenthalts, als es Herbst wurde,
sind mir wie ein Traumgesicht, unsglich schn und unvergelich, in
Erinnerung. In der durchsichtig werdenden Luft brannten die roten
Beeren, aus dem Walde tnte nachts das seltsame, klagende Lachen der
Eulen. Ich lag im Kraut und machte Verse, von denen manche wenigstens
fr mich den Zauber jener Tage eingefangen haben, wie etwa diese: Das
Alphorn klingt am Bergeshang -- Wo die Lawinen drhnen -- Und immer
meinem Pfad entlang -- Folgt mir das se Tnen -- Mir ist, als ob das
ferne Lied -- mein totes Liebchen bliese -- Und knnt ich gehen wohin
mich's zieht -- Km ich zum Paradiese.

Ich wei nicht mehr, ob es die Inhaberin der Pension oder eine andere
Frau war, die eine Berner Tracht besa und sie mich anproben lie. Das
Wohlgefallen der freundlichen Gste an meiner Verwandlung ins
Bernerische war der Anla, da ich in dieser Verkleidung photographisch
aufgenommen wurde.

[Photo: Ricarda Huch]

Im folgenden Jahre dachte ich schon an das Doktorexamen und die
Dissertation. Ich whlte mir als Thema die Neutralitt der
Eidgenossenschaft, namentlich der Orte Zrich und Bern, whrend des
spanischen Erbfolgekrieges. Es war ein selbstndiger Beschlu, den ich
ohne Hinweis oder Ratschlag von seiten eines Professors fate.
Wahrscheinlich hing es damit zusammen, da ich bei Paul Schweizer, der
ein Buch ber die Neutralitt vorbereitete, eine Vorlesung darber
gehrt hatte. Der Gegenstand war noch nie im Zusammenhang behandelt
worden, auch einzelne Teile desselben so wenig, da da ein ergiebiges
Gebiet zur Verfgung stand. Mit meiner noch immer strotzenden
Arbeitslust ging ich darauf los und suchte zuerst im Zrcher Archiv
Material. Archivar war Paul Schweizer, der mir leicht htte behilflich
sein knnen, da er im Archiv sicherlich gut Bescheid wute und auch
wute, was fr mich in Betracht kam, aber er bekmmerte sich gar nicht
um mich, ich hatte sogar den Eindruck, es sei ihm nicht lieb, da ich in
sein Thema hineingriff. Mir kam das kleinlich vor; denn eine
Dissertation, selbst eine gute, konnte doch nicht den Erfolg eines
Professorenbuches beeintrchtigen. Im Grunde war ich froh, da mich
niemand beriet, und ich mir Schritt um Schritt meinen Weg suchen konnte.
Nach dem Zrcher kam das Berner Archiv. Zum erstenmal sah ich Bern, und
die schne Stadt machte groen Eindruck auf mich, vor allem das Mnster
mit dem noch flachen Turm, den ich von der Pension Hertenstein sah, wo
ich abgestiegen war. Nach einiger Zeit siedelte ich in eine andere
Pension ber, die etwas auerhalb der Stadt jenseits des Bahnhofs lag.
Da ich einen langen Weg zum Archiv hatte, war mir gerade recht; er zog
sich unter alten Bumen hin, von denen die braunen Bltter des Herbstes
auf mich herabrieselten. In der Pension hielten sich drei Japaner auf.
Einer, mit dem wohlklingenden Namen Songinohara, war Offizier und
bereiste die westeuropischen Lnder, um militrische Studien zu machen.
Von den beiden andern studierte einer Geschichte; er hie Mitzsukuri und
hat mir spter seine Dissertation geschenkt, die von den
englisch-hollndischen Beziehungen zur Zeit Cromwells handelte. Bei
Gelegenheit eines gemeinsam von der Pension unternommenen Spaziergangs
fragte mich pltzlich der eine von den Japanern, der neben mir ging:
Was halten von Dreieinigkeit? Ich hatte noch niemals ber die
Dreieinigkeit nachgedacht und bedauerte sehr, da ich einem Auslnder
und Nicht-Christen nur eine ganz unzulngliche Antwort geben konnte.
Merkwrdig war mir, da den Japanern an den Europern besonders das
Ungehemmte der Gefhlsuerungen auffiel. Bei ihnen wrde dergleichen
anstig sein. Wenn sie von einer langen, vielleicht jahrelangen Reise
zurckkehrten, sagten sie, wrden sie die Angehrigen, die sie
erwarteten, nicht anders als mit einer Verbeugung begren. Von
Umarmungen oder gar Kssen drfe keine Rede sein. Ich unterhielt mich
gern mit den Japanern, aber den Rassengegensatz empfand ich stark.

Im Winter 1890 auf 91 herrschte eine so starke und lang andauernde
Klte, da sich bis weit in den See hinein eine Eisdecke bildete, die
mit Sicherheit begangen und befahren werden konnte. Das kommt nur selten
vor, und es wurde wie ein Volksfest gefeiert. Ein Gewimmel von
Schlittschuhlufern belebte die blanke Flche, es gab Buden mit
Erfrischungen, Musik, Beleuchtung, und der Jubel ging bis in die Nacht.
Einer kleinen tragikomischen Begebenheit erinnere ich mich aus der Zeit
der Seegefrrne: ein Mann, der im Leuen von Bendlikon zu viel getrunken
hatte, ging am Abend, als es schon dunkelte, ber den See nach Ksnacht,
trotzdem man ihn warnte; denn das Eis war in jener Gegend nicht fest.
Dem Ufer schon nahe brach er ein. Als er merkte, da er unterging,
schwenkte er den Hut, rief: Adie Welt! und versank; die Herbeieilenden
konnten ihn nicht mehr retten.

Ich hatte von der allgemeinen Lustbarkeit nichts, als da ich unter der
strengen Klte litt; denn da ich im folgenden Sommer das Examen machen
wollte, hatte ich zu viel mit der Vorbereitung zu tun, um daran
teilzunehmen. Ich wohnte damals in Unterstra in einem netten Hause, das
einem alten Aargauer Ehepaar gehrte. Der Mann war Grtner gewesen und
hatte sich mit einem kleinen Vermgen zurckgezogen. Die beiden
gutherzigen Menschen freuten sich ihres Abendfriedens und waren zu jeder
Art Kurzweil bereit. Mich hatten sie um so lieber, als sie Dialekt mit
mir sprechen konnten. Abends wenn ich mde von der Arbeit war, pflegte
ich in ihr gemtliches Wohnzimmer zu gehen und auf der breiten Ofenbank,
der Kunst, sitzend, mit ihnen zu plaudern. Sie erlebten noch den
Schmerz, ihre einzige Tochter zu verlieren, die mit ihrem Mann und einem
Shnchen das obere Stockwerk bewohnte. Sie war eine sehr liebe Frau, aus
deren schnen Augen die Wrme ihres Herzens leuchtete; der bermig
groe Umfang ihres Krpers deutete wohl auf Krankheit. Obwohl ich ihren
Mann nicht leiden mochte, war ich doch froh, bei ihr zu Mittag essen zu
knnen, da der tgliche Gang in die Stadt mir zu viel Zeit genommen
htte.

Mit der schnen groen Veranda, die zu meinem Zimmer gehrte, ist die
Erinnerung an einen fr mich denkwrdigen Besuch verbunden, den ich im
Herbst erhielt, nmlich den von Joseph Viktor Widmann, dem Redakteur des
Berner Bundes. Einige Zeit vorher hatte ich unter dem Namen Richard
Hugo einen Band Gedichte herausgegeben, den der warmherzige Befrderer
junger Talente ausfhrlich und liebevoll eingehend im Bund besprochen
hatte. Die Gedichte waren zum groen Teil kindlich, ohne bewuten
Formungswillen, allzusehr hingesungen wie der in den Zweigen wohnende
Vogel singt; aber ihn hatte vielleicht ein leidenschaftliches Quellen
und eine gewisse persnliche Kraft angezogen, wenn sie auch persnliche
Prgung noch kaum gefunden hatte. Widmann hatte aus einer Photographie,
die nur meinen Kopf wiedergab, geschlossen, da ich klein und rundlich
sei, und war angenehm berrascht, mich gro und schlank zu finden. Auch
sonst erlaubte mir der Zufall, mich gut bei ihm einzufhren, als ich auf
seine Einladung hin seinen Besuch in Bern erwiderte. Sein Haus, der
Leuenberg, lag malerisch am Muristalden in der Schohalde. Die offene
Laube, wo wir zuerst saen, war durch ein groes, ich glaube von seinem
Sohn Fritz gemalten Bild geschmckt, auf dem zwei an den Pfahl eines
Scheiterhaufens gebundene jugendliche Gestalten zu sehen waren. Da sind
ja Olint und Sophronia, sagte ich, indem ich es betrachtete. Da ich
Ariost kannte, erfreute den Liebhaber lterer italienischer Literatur;
wir trafen uns rasch auf der Ebene einer ungefhr gleichgerichteten
Bildung. Sein heiterer humaner Geist beherrschte das Haus, seine Frau,
sein Sohn, der werdende Maler, die schne Tochter Johanna, seinem Herzen
besonders nahestehend, alle kamen mir mit der Freiheit knstlerischer
Naturen entgegen. Widmann war ein vorbildlicher Journalist; empfnglich,
weltoffen, durch und durch gebildet, so da er Anregung aus den
Tagesvorgngen schpfen und sie wiederum mit hheren Gesichtspunkten
verbinden konnte, witzig, launig, nicht zu leicht und nicht zu schwer,
mehr anregend als belehrend, reich an Einfllen, bei aller Beweglichkeit
in der Grundlage des Charakters fest. Darber hinaus war er ein Dichter.
Er hatte eine mir unverstndliche Bewunderung fr Spitteler, dem er
soviel wie mglich die Wege bereitete und den er hoch ber sich selbst
stellte; dagegen glaube ich, da er, nicht Spitteler, den eingeborenen
Dichtergeist hatte, mag er sich immerhin auf beschrnktem Gebiet
geuert haben. Ihm strmte die lyrische Ader, die Leier war sein eigen,
die man der Poesie in die Hnde gibt, wenn man sie figrlich darstellt.
Da Spitteler das lyrisch-melodische Element fehlt, wollte ich ihn nicht
als Dichter gelten lassen. Widmann war zu frei, als da er mir deswegen
gezrnt htte, wie er auch mich nicht deswegen geringer schtzte oder
aufgab, weil Spitteler von mir nichts wissen wollte. Bis zu seinem Tode
hat er unermdlich durch Besprechung meiner Bcher und Hinweise mich zu
frdern gesucht; noch jetzt beunruhigt mich zuweilen der Gedanke, ich
habe ihm nicht genug gezeigt, wie dankbar ich seine Gte empfand.

Meine Dissertation wurde dank dem reichlichen Material, das ich in den
Archiven gefunden hatte, sehr umfangreich. Durch die Korrespondenz der
verschiedenen fremden Gesandten wurde ich mit einigen der in Betracht
kommenden Persnlichkeiten ziemlich gut bekannt, was mir ermglichte,
ein paar bunte Farbflecken in die brigens wissenschaftlich graue
Darstellung zu setzen. Von dem Berner Maler Anker erhielt ich, nachdem
meine Dissertation im Druck erschienen war, einen alten Stich, der eine
darin eine Rolle spielende Person darstellte. Professor von Wy, dem ich
nie vorher von meiner Arbeit gesprochen hatte, weil ich nicht wute, da
das blich ist, empfing mich, als ich ihm endlich einen Besuch machte,
um sie ihm vorzulegen, so vornehm und menschlich liebenswrdig, wie er
immer war, und hat sie grndlich gelesen. In dem Brief, den er mir
darber schrieb, kam eine Bemerkung vor, die ich auerordentlich fein
fand, nmlich ich bringe das Wesentliche gern in einem Nebensatz,
anstatt es in den Hauptsatz zu setzen. Dies liegt mir ersichtlich so im
Blut, da es mich berwindung kostete, die nderungen, zu denen er mir
im Hinblick darauf riet, vorzunehmen. Ich fhlte mich verpflichtet,
seiner Anweisung zu folgen; aber ich hatte das Gefhl, als sei ich nicht
mehr ich in den verbesserten Stzen.

Die Doktorprfung verlief nicht so gnstig wie die Maturitt. Ich hatte
solche Examensangst, da ich nur durch die eindringliche Vorstellung,
Erbrechen und Zahnziehen wrde doch noch schlimmer sein, mir
einigermaen Haltung geben konnte. Die wohlwollende Gesinnung der
Examinatoren war wohl zu spren, konnte aber die Tatsache nicht
aufheben, da ich auf manchen Gebieten nicht gengend beschlagen war.
Auf die erste Frage von Professor von Wy, wer der eigentliche Begrnder
der Neutralitt in der Schweiz gewesen sei, schwieg ich bestrzt und
fassungslos, wie wenn sich eine abgrndige Leere in mir aufgetan htte,
bis mir pltzlich Zwingli einfiel, zugleich aber auch zum Bewutsein
kam, da ich einen Abschnitt der Schweizer Geschichte vernachlssigt
hatte, wo eingehende Kenntnisse von mir vorausgesetzt werden durften.
Man hatte wahrscheinlich erwartet, ich wrde summa machen, und es wurde
nur magna. Aber was liegt dem daran, der eben das Examen bestanden hat!
Nur da ich meinen Lehrern eine Enttuschung bereitet hatte, tat mir
leid. Nachdem mir der Rektor, Professor Hitzig, von dem guten Abschlu
Mitteilung gemacht hatte, fgte er dem Glckwunsch zum erworbenen
Doktortitel einen Glckwunsch zum Geburtstag hinzu: es war mein
siebenundzwanzigster, der 18. Juli 1891. Noch sehe ich die lange Tafel
und die charakteristischen Kpfe von Junker Wy, Meyer von Knonau,
Baechtold vor mir, ihre freundlich mir zulchelnden Gesichter. Nicht
lange danach starb Professor von Wy, einige Tage nach ihm seine Frau;
sie wurden zusammen begraben. Meyer von Knonau, der damals jnger war,
als er mir erschien, ist erst im Jahre 1931, mit Recht hochgeehrt von
allen schweizerischen und allen Historikern deutscher Zunge, gestorben.
Er war das Muster eines jener Gelehrten, der die Quellen gewissenhaft
durchforscht und in unermdlicher Arbeit die Ergebnisse sammelt. Das ist
selbstverstndlich notwendig und gut; aber bloe Tatsachen, wenn sie
nicht in Beziehung zu uns und zu den Geistern in der Luft, wie der
Apostel Paulus sie nennt, gebracht werden knnen, mit denen wir kmpfen,
bleiben doch Spreu. Das Gebiet, auf dem Meyer von Knonau am meisten
gearbeitet und Bedeutendes geleistet hat, ist das Mittelalter; jedoch
vom Wesen des Mittelalters bermittelte er seinen Zuhrern wenig. Er war
als Vorbild eines treuen Forschers seinen Schlern ehrwrdig, ein Fhrer
in den groen Fragen des ffentlichen Lebens; eine Leuchte in den Wirren
und Kmpfen der Zeit war er nicht und wollte er nicht sein. Er wollte
mglichst richtig und vollstndig mitteilen, was gewesen war. Nur da er
Stcke gab ohne den Atem und die Gewalt des Lebens. Ich unterschtzte
den Wert der Einzelforschung, die strenge Beschrnkung auf das vom
Wissen Erfate nicht und war weit entfernt zu wnschen, da aus der
Geschichte ein Roman gemacht werde; aber ich fragte mich, zu was die
Stcke da wren, wenn nicht um zu einem lebendigen Ganzen gemacht zu
werden, wenn nicht die Leidenschaften der Lebendigen die Schatten
erglhen lassen, wenn wir uns nicht in sie, sie sich nicht in uns
verwandeln?

Ich verstand gar nichts von den Problemen der Geschichtsschreibung, aber
unwillkrlich legte ich doch einen Mastab an das, was ich hrte und las
und beurteilte es. Ranke lehnte ich so entschieden ab, da ich fr die
hohe, bezaubernde Kunst seines Aufbaus und seiner Schilderung
unempfnglich blieb. Und doch war Ranke ganz anders als Meyer von
Knonau, reich an Ideen und Zusammenhngen, der Gabe teilhaftig, das
Vergangene anschaulich zu machen. Wenn ich mich selbst recht verstehe,
war mir seine Welt zu geglttet, zu verbindlich, zu sehr vom Standpunkt
der Oberen Zehntausend gesehen, auf einer zu schmalen Basis errichtet,
so da ihr nicht genug warmes Blut zuflsse. Ich glaubte, die wirkliche
Welt sei viel wilder, grausamer, bser und gemeiner, und doch auch
wieder viel schner. Verschwieg er auch keine von den Schandtaten, die
straflos begangen werden, so verstand sein reinlicher Pinsel doch auch
das Struppigste fr gute Gesellschaft annehmbar zu machen. Ich vermite
das unterirdische Rauschen der bermenschlichen Mchte, das vielleicht
nur durch die Musik der Worte mitgeteilt werden kann, vor dem auch das
lauteste Weltgeschehen pltzlich entleert in sich zusammenfallen kann.
Dagegen glaubte ich, eine versteckte Servilitt gegenber der
Wirklichkeit zu spren. Den fernen Stern des ewig-gttlichen Rechts lie
er mir nicht klar genug erstrahlen.

Auf die Freude des bestandenen Examens folgte die unbequeme, drckende
Frage, wie nun das Studium zu verwerten sei. Das Geld, das mir aus dem
Verkauf des vterlichen Hauses zugeflossen war, hatte ich whrend der
Studienjahre verbraucht; es war grade noch soviel vorhanden, da ich den
Druck der langen Dissertation davon bezahlen konnte. Ich mute also
daran denken, mir das Leben zu verdienen. Auf meine Anfragen und
Erkundigungen in Deutschland, denn dahin wendete ich mich naturgem,
erfuhr ich, da ich auf eine Anstellung als Lehrerin an einer hheren
Schule nur rechnen knne, wenn ich vorher in Deutschland das
Lehrerinnenexamen gemacht htte; meine Studien und Prfungen in der
Schweiz wren also vergeblich gewesen. Dagegen strubte sich mein Stolz,
ich htte einen lcherlichen Umweg zu einem leicht erreichbaren Ziel
gemacht, wre beschmt, wie einer, der zu hoch hinaus gewollt htte,
heimgekommen. Im Grunde war ich ber das geringe Entgegenkommen der
deutschen Frauenfhrerinnen froh, denn ich htte, wenn sie mir eine
Aussicht erffnet htten, die geliebte Schweiz verlassen mssen,
wahrscheinlich um nie zurckzukehren. Ernstlich vorstellen konnte ich
mir das gar nicht: es war mir zumute, als msse man mich mit den Wurzeln
herausreien. Doch blieb die unentrinnbare Tatsache, da ich Geld
verdienen mute und nicht wute wie; ich sah keinen Ausweg.

Eines Abends sa ich arbeitend am Schreibtisch, als ber das vor mir
liegende Papier hin eine dicke, abscheuliche Spinne auf mich zu kroch.
Trotz meines Schreckens durchzuckte mich ein frohes Vorgefhl: bedeuten
doch Spinnen am Abend Glck, und ein so hliches Exemplar konnte nur
etwas Wundervolles weissagen. Am folgenden Morgen bekam ich einen Brief
vom Oberbibliothekar der Zrcher Stadtbibliothek, Dr. Hermann Escher,
mit der Anfrage, ob ich geneigt sei, eine Stelle an der Bibliothek
anzunehmen. Zu dieser Aufforderung war es folgendermaen gekommen. Die
Stadtbibliothek besa eine wertvolle Sammlung kleiner Druckschriften,
die auf die franzsische Revolution bezug hatten; ein Zrcher
Zeitgenosse derselben hatte sie zusammengebracht. Damit sie dem Publikum
zugnglich wrde, sollte sie katalogisiert werden, wozu von den
Angestellten der Bibliothek keiner Zeit hatte. Dr. Escher lie deshalb
unter den Studierenden der historischen Fakultt umfragen, ob jemand
Lust habe, sich der ziemlich langwierigen Arbeit selbstverstndlich ohne
Entgelt zu unterziehen. Auer mir meldete sich noch ein anderer, der
bald wieder absprang, so da ich allein damit fertig werden mute.
Vielleicht hat sich eine gewisse Abneigung gegen die franzsische
Revolution in mir festgesetzt beim Schreiben der unzhligen Titel, in
denen sich der marktschreierische und zugleich eintnige Geist jener
Bewegung ausgetobt hatte. Jetzt erntete ich den Lohn meiner damaligen
Bereitwilligkeit; denn bei dieser Gelegenheit hatte Dr. Escher mich
kennengelernt und den Eindruck gewonnen, da ich fr die Bibliothek in
Betracht komme. Es war eine entscheidende Wendung, die ganz berraschend
war, und die ich doch in einem Winkel meines Herzens erwartet hatte.
Schien es mir doch unmglich, da ich gezwungen sein sollte, Zrich zu
verlassen. Ein warmes Glcksgefhl berstrmte mich; es war einer jener
Augenblicke, wo das begehrliche Herz bis zum Rand gefllt und befriedet
ist.

Vielleicht erscheint es andern unbegreiflich, da ich nicht vorgezogen
htte, nach Deutschland zurckzukehren; aber so war es nun einmal, da
ich mich in Zrich mehr zu Hause fhlte als zu Hause. Es hing wohl damit
zusammen, da in Deutschland fr mich keine Mglichkeit war, meine
erworbenen Kenntnisse ersprielich zu verwerten und mein Brot zu
verdienen; weit mehr aber wirkte das Heimatgefhl, mit dem ich mich dem
gastlichen Lande, der Schweiz, angeschlossen hatte. Zunchst, als ich
sie kennenlernte, bezauberte mich die Schnheit des Stadt- und des
Landschaftsbildes: die stilvollen und die heiteren Huser, der
groartige Wurf, mit dem die Stadt zwischen die Berge hingegossen ist,
die Schwne am Limmatufer, die krhenden Mwen, der festlich schimmernde
See und das schneeige Band der Alpen am Horizont. Dann lernte ich die
Menschen kennen, die mir vertraut und doch fremd und beraus anziehend
waren. Von Natur mit wenig Beobachtungsgabe ausgestattet, war ich doch
durch den pltzlichen Wechsel der Umgebung dazu gefhrt worden, auf das
ffentliche Leben zu achten und mir ein Urteil ber viele Erscheinungen
zu bilden, die ich bisher als selbstverstndlich hingenommen hatte. Es
fiel mir auf, wieviel selbstbewuter und sicherer im Auftreten die
einfache Bevlkerung in der Schweiz war als daheim, sie schien nicht
durch eine Kluft von den hheren Schichten getrennt zu sein. Dies gab
den Eindruck von Gemeinschaft und Ausgeglichenheit, kurz von Kultur. Auf
der anderen Seite war trotz der demokratischen Verfassung der Charakter
vieler Familien aristokratisch, das heit, sie schienen sich der
Verpflichtung bewut, dem ganzen Volke durch Gesinnung und Verhalten ein
Vorbild geben, die kulturellen und politischen Gter, die von den
Vorfahren errungen waren, pflegen und mit ihrer Person und ihrem Besitz
fr die Heimat sich einsetzen zu sollen. Diese Haltung war ganz
unpathetisch, und wenn sich etwa demokratische Gromuligkeit in den
Mittelklassen bemerkbar machte, so wurde das mit humoristischem Lcheln
kritisiert. berwiegend war in der ganzen Bevlkerung entweder das
patrizische oder das buerliche aristokratisch-konservative Wesen. Sehr
gefiel es mir, da die Familiengeschichte gepflegt wurde, da viele
Familien ihren Ursprung in weit zurckliegende Jahrhunderte
zurckverfolgen konnten, da man schon aus dem Namen einer jeden
schlieen konnte, aus welcher Gegend sie stammte. In Deutschland hatten
fast nur die altadligen oder alte reichsstdtische Familien einen
Stammbaum; im allgemeinen ging die Erinnerung kaum ber die Groeltern
hinaus. Mein historischer Sinn fhlte sich davon angezogen. Ebenso wie
die Familiengeschichte wurde die Geschichte der Stdte, der Kantone, des
Landes und Volkes gepflegt, und zwar nicht nur von znftigen Gelehrten.
Es gab in Zrich viele Herren, die Kaufleute oder Fabrikanten waren oder
gewesen waren und sich mit Einzelforschungen in der Geschichte
beschftigten. Viele von den Neujahrsblttern, die nach alter Sitte von
einer Reihe von Gesellschaften herausgegeben wurden, kamen auf diese
Weise zustande. Die allgemeine schweizerische Geschichte war dem ganzen
Volke bekannt, die groen Gedenktage wurden mit freudigster Teilnahme
von allen gefeiert. Wie anders war das bei uns. So gewaltige Ereignisse
wie die Trkensiege am Ende des 17. Jahrhunderts waren den meisten
Deutschen kaum bekannt, nicht einmal die Befreiungskriege konnten fr
alle Deutsche eine glorreiche Erinnerung sein. Jedes Land feierte
mglichst nur seine Dynasten vom dynastischen Standpunkt aus. War das
nicht einst anders gewesen? Mehr und mehr bildete sich in mir die
Ansicht aus, da die Schweiz sich in der Bahn weiterentwickelt habe, die
im mittelalterlichen Deutschen Reich eingeschlagen gewesen wre, von der
zuerst die Reformation, hauptschlich aber der Absolutismus Deutschland
abgelenkt htte. Hier in der Schweiz schien mir das wahre, das
unentstellte Deutschland zu sein, dem ich mich zugehrig fhlte, hier
wurden noch die beiden groen Tendenzen des mittelalterlichen Reiches,
die universale und die fderalistische Idee, hochgehalten und
verwirklicht. Auch die eigentmliche Mischung von demokratischen und
aristokratischen Elementen, wie sie in den Stdten des Mittelalters sich
ausgebildet hatten, war hier erhalten geblieben. Ich hatte, obwohl meine
Kindheit in die Zeit des Krieges von 1870 und der Reichsgrndung fiel,
niemals die Schwrmerei fr das neue Reich teilen knnen, die so
allgemein war. Nicht einmal fr Bismarck und den alten Kaiser konnte ich
mich begeistern, und die Anknpfung an das Mittelalter, die zuweilen
versucht wurde, indem man Wilhelm I. als Nachfolger der groen
Sachsenkaiser oder der Hohenstaufen hinstellte, fand ich verfehlt. Das
neue Reich war, fand ich, etwas von Grund aus anderes, es schlo sich
nicht an das Mittelalter, sondern an den an Absolutismus. Den hate ich;
ich war Republikaner, ohne je, soviel mir bewut ist, in dieser Richtung
beeinflut worden zu sein, es war mir angeboren. Im damaligen
Deutschland konnte man nur entweder Beifall klatschen zu dem, was die
jeweiligen Regierungen anordneten, oder schweigend und verrgert, von
allen verketzert beiseite stehen; die Schweizer konnten mitwirken und
gegenwirken nach der eigenen berzeugung. In der Atmosphre, die dadurch
entstand, war mir leicht zu atmen. Ich fhlte mich hier wie auf einem
hohen Berge, von reinerer Luft als im Tale umspielt. Zu dieser
Entwicklung mag beigetragen haben, da ich trotz meiner historischen
Einstellung persnlich gar nicht in der Vergangenheit, ganz und gar im
Gegenwrtigen lebte. Bis in ein ziemlich hohes Alter habe ich nie
zurckgeblickt. Dementsprechend gab ich mich mit allen Sinnen und
Gedanken dem neuen Leben hin, das in der Schweiz sich mir auftat. Ich
fhlte mich in Zrich so zu Hause, da die ersten hochdeutsch
gesprochenen Worte, die ich hrte, wenn ich vorbergehend nach
Deutschland reiste, mich fremd und peinlich berhrten: die Sprache wie
die Gesichter kamen mir flacher, verschwommener vor als in der Schweiz.
Ich bedauerte, da nicht auch in Deutschland berall die Mundart und die
volkstmliche Sonderart gepflegt worden war, und ich schrieb das der
Zentralisation zu. Meine Vorliebe fr das Mannigfaltige und Abneigung
gegen das Uniforme war wohl zunchst eine sthetische, wie ich denn
glaube, da ich nach Kierkegaard damals eher eine sthetische als eine
ethische Weltanschauung hatte. Ich hatte einen leidenschaftlichen Hang
fr das Schne. Aber im tiefsten Ursprung ist doch wohl das Schne eins
mit dem Wahren und Guten. Jedenfalls kann man, glaube ich, behaupten,
da das Mannigfaltige im politisch-sozialen Leben nicht nur sich
schner, sondern auch besser auswirke. Strebt doch die Natur berall zum
Mannigfaltigen, und man verkrzt ihren Reichtum, indem man
zentralisiert. Durch Zentralisation entstehen die Grostdte und
Grostaaten, gegen die ich in der Schweiz eine lebhafte Abneigung fate;
ich war ja auch in einer mittelgroen Stadt und in einem Kleinstaat
aufgewachsen. Die Schweizer ihrerseits hatten zum groen Teil ein
reizbares Mitrauen gegen Deutschland, soweit sie es mit Berlin
gleichsetzten; aber wo sie nicht das bemerkten, was sie als Berlinerisch
empfanden, ein lautes, vordringliches, berhebliches Wesen, war es
leicht, mit ihnen vertraut zu werden, so da jedes Gefhl von Fremdheit
oder Nichtzusammengehrigkeit verschwand. Bei den Gebildeten fand ich
Verstndnis, wenn ich stolz mein Niedersachsentum betonte; das grenzte
ja schon an die republikanisch-aristokratischen Hansestdte.

Nachdem ich meine Bereitwilligkeit, mich an der Stadtbibliothek
beschftigen zu lassen, erklrt hatte, trat ich mein neues Amt an. Dr.
Hermann Escher, nunmehr mein Vorgesetzter, war in mancher Hinsicht ein
eigentmlicher Mensch. Zuverlssigkeit, Treue, Pflichtgefhl,
Unerschtterlichkeit der berzeugungen waren in ihm gleichsam
angesammelt und festgeworden wie ein Erbe von Jahrhunderten. Das
Interesse fr sein Amt beherrschte ihn ganz; ich glaube nicht, da
Freundschaft, Liebe, Familiengefhl oder sonst eine Leidenschaft ihn
jemals davon htte abziehen knnen. Doch war er nicht etwa kalt oder
gefhllos, nur war seine Empfindungswelt so kanalisiert, da es nie am
Ntigen und Ntzlichen fehlte, allzu heftige Strmungen oder gar
berschwemmungen aber vermieden werden konnten. Daraus war nicht zu
schlieen, da er ein urgesunder Mensch sei, vielmehr war er
nervenleidend; wenn ich mich recht erinnere, uerte sich das so, da er
zeitweilig wie verschleiert war, sich nicht konzentrieren konnte. Da
jemand seine Interessen nicht teilte, konnte er sich nicht vorstellen,
und bei mir den Wunsch nach Belehrung in seinem Fache vorauszusetzen,
hatte er ja alles Recht. Auch hrte ich aufmerksam zu, wenn er mir
bibliothekstechnische Vortrge hielt; aber es blieb mir trotz guten
Willens nichts davon im Gedchtnis. Ebensowenig behielt ich von der
Aufstellung und dem Verlauf der Schlacht bei Zrich, die er mir auf dem
Schlachtfelde erklrte. Er war sich seiner Verantwortung als Chef bewut
und zeigte whrend der Arbeitsstunden meistens einen gemessenen,
freundlichen Ernst, der ihm ohnehin natrlich war, doch nicht so, da er
dem Scherz und Witz nicht zugnglich gewesen wre und nicht gern gelacht
htte. Nur hatte sein Lachen nicht das Elementare, Saftige, das im
Innersten des Menschen entspringt; es war, als sei da ein Zugang
verstopft oder verholzt. Anders war es mit Dr. v. Wy, der wie ich neben
und unter Dr. Escher arbeitete: da brauchte man nur anzutippen, und das
Lachen rieselte hervor. Wilhelm von Wy, der Neffe meines verehrten
Professors, war im Hauptamt Lehrer des Lateinischen am Gymnasium; er
hatte wie ich an der Bibliothek nur eine halbe Stelle. Man nannte uns
drei scherzweise nach einer bekannten Zricher Firma Escher, Wy &
Kompagnie. Als Unterangestellte konnten Dr. v. Wy und ich es uns
leisten, zuweilen ber den Strang zu schlagen und etwas ausgelassen zu
sein, und wir machten von dieser Vergnstigung unserer bescheidenen
Stellung hie und da Gebrauch. Er hatte etwas allerliebst Kindliches,
wenn wir Dr. Escher mit kleinen Spitzbbereien neckten. Ich habe es
spter nie begreifen knnen, wenn seine Schler am Gymnasium ihn allzu
ernsthaft und streng fanden, so ganz anders hatte ich ihn gekannt.
Vielleicht hatte er der Notwendigkeit, grere Schulklassen im Zaume zu
halten, nur gengen knnen, indem er sich mit bertriebener Strenge
panzerte. Mir hat er im Privatunterricht das Griechische beigebracht und
wute dabei sehr anmutig dem Ton freundschaftlichen Verkehrs, der sich
zwischen uns herausgebildet hatte, durch den Ernst des Lehrers und im
Hinblick auf das zu erreichende Ziel eine sachliche Schattierung zu
geben.

Da meine Stelle an der Bibliothek nur eine halbe und entsprechend gering
honoriert war, konnte ich davon nicht leben; aber unversehens wurde mir
geholfen. Um mglichst gut fr den Daseinskampf gerstet zu sein, hatte
ich auch das Oberlehrerexamen gemacht und zwar mit sehr guten Noten.
Dadurch waren drei Schwestern auf mich aufmerksam geworden, die in
Zrich eine Privatschule leiteten: sie luden mich ein, bei ihnen in
deutscher Sprache zu unterrichten. Den Namen der drei Damen habe ich
vergessen; sie waren noch jung, und eine war sehr hbsch. Ich sagte zu,
obwohl ich nie Unterricht erteilt und auch kein groes Zutrauen in meine
Fhigkeit dazu hatte; aber ich konnte eine Gelegenheit, Geld zu
verdienen, mir nicht entgehen lassen und hatte auerdem den Grundsatz,
jede Handhabe zu ergreifen, die das Schicksal bietet. Quo dii vocant
eundum, hie eine mir zusagende Devise. Es zeigte sich sofort, da die
Schwierigkeit der Aufgabe noch grer war, als ich erwartet hatte.
Natrlich konnte ich hinreichend gut und richtig deutsch sprechen und
schreiben, aber die dazu gehrigen grammatikalischen Begrndungen konnte
ich nicht immer geben, was auf der Stufe, die mir zugewiesen war, noch
in Betracht kam. Infolgedessen war ich immer besorgt, ich knnte in eine
grammatische Falle geraten. Vor allen Dingen glckte es mir gar nicht
mit dem Erklren der Gedichte, die im Lesebuch vorkamen. Nachdem die
eine der drei Vorsteherinnen einmal bei mir zugehrt hatte, sagte sie zu
mir, ich habe das Gedicht viel zu schnell erledigt, man msse mindestens
eine Stunde, etwa auch mehr, auf ein Gedicht verwenden. Da ich zugab,
das nicht zu knnen, empfahl sie mir ein Buch, aus dem ich die
erforderliche Belehrung schpfen knne. Das Buch, das ich mir sofort
anschaffte, ist mir noch heute zuweilen eine Quelle des Vergngens, wenn
es mir auch nie eine der Belehrung wurde. Fast alle Gedichte, die in
Schullesebchern vorkommen, sind darin mit pedantischer Lust
abgeschlachtet und kleingekut, bis an die Stelle der natrlichen Freude
am Gedicht der Ekel davorgetreten sein mu. Wie war die Waschfrau in
dem gleichnamigen Gedicht von Chamisso? Sie war arbeitsam, fleiig,
fromm, treu. Woran sehen wir, da sie treu war? Sie ernhrte, pflegte
und begrub ihren Mann. Das Studium dieses Buches bestrkte mich eher in
meinem Widerwillen gegen das schulmige Erklren von Gedichten, als da
es mich in eine brauchbare Methode einfhrte. Es gibt gewi einen Weg,
jungen Schlern die Bedeutung und Schnheit eines Gedichtes zugnglich
zu machen, wobei man mehr Zeit verbrauchen kann, als ich zu tun pflegte;
aber ich verfgte ber diese Kunst nicht. Mir schien, entweder fhle man
die Schnheit oder man fhle sie nicht, und den, der sie nicht fhle,
solle man dabei lassen; mit Erklrungen knne man nur den Schmelz
abstreifen.

Fand ich Schwierigkeiten im Unterricht, so war auch die Ttigkeit an der
Bibliothek nicht ohne Schatten. Mit dem Publikum kam ich nicht in
Berhrung, die Herren htten geglaubt, mir damit etwas Ungebhrliches
zuzumuten, und das Registrieren und Katalogisieren, das Anfertigen von
Begleitschreiben zu Bchersendungen war bald erlernt und sehr
langweilig. Indessen das lie sich ertragen, die tglich sich
wiederholende Unterlage des Berufs durfte schon langweilig sein;
schlimmer war, da meine besondere Leistungsfhigkeit nicht in Anspruch
genommen, meine Kraft nicht ausgentzt wurde, und die Arbeit mich doch
ermdete. Ich hatte darauf gerechnet, da mir genug freie Zeit bleiben
wrde, um nun endlich meine dichterischen Plne auszufhren; bald aber
merkte ich, da meine erste elastische Arbeitskraft sich in der
trockenen Berufsschreiberei erschpfte, und mir die Stimmung zu
schpferischer Arbeit fehlte, wenn ich am spten Nachmittag nach Hause
kam. Es mag sein, da in jener Zeit der Bundesschwur entstand, ein
Lustspiel, das den Einflu der Franzsischen Revolution auf die Schweiz
zum Gegenstande hat, und die Konflikte, die sich daraus ergaben. Ich
gestehe, da es mir, als ich es jetzt, nach mehr als vierzig Jahren
wieder las, einen guten Eindruck machte, obwohl es hie und da etwas ins
Possenhafte fllt. Es hat anziehende, ausgeprgte Charaktere, komische
Situationen, spannende Verwicklungen und rhrende Lsungen und wrde,
gut dargestellt, gewi das Publikum unterhalten, allerdings wohl nur ein
schweizerisches, da es ganz auf schweizerische Verhltnisse gegrndet
ist. Im ganzen aber brachte ich nichts Befriedigendes zustande und litt
darunter; ich wollte blhen und Frchte tragen und sa ausgelaugt da und
lie die Stunden vorberschleichen. Dieser Zustand nderte sich, als ich
an der Gromnsterschule angestellt wurde.

Meine Erfolge an der Dreifruleinschule waren so gering, da ich mich
ber das Zutrauen wunderte, welches man mir durch Erffnung einer
Lehrttigkeit an der stdtischen hheren Mdchenschule erwies; ich
verdankte es wohl meinen guten Zeugnissen und den gnstigen Aussagen der
Professoren, bei denen ich studiert hatte. Ich sollte Deutsch und
Geschichte unterrichten an den Fortbildungsklassen, am
Lehrerinnenseminar und an einer Abteilung, wo die Mdchen zur
Universitt vorbereitet wurden. Es handelte sich hier um eine hhere
Stufe, weniger Gedichte waren zu erklren als Dramen, schon robustere
Gewchse, die man eher zergliedern und untersuchen konnte. Die jungen
Mdchen, denen ich hier gegenberstand, waren im Durchschnitt etwa zehn
bis zwlf Jahre jnger als ich; bei ihnen konnte ich fr das, was ich zu
geben imstande war, auf Aufnahmefhigkeit rechnen. Kinder zu
unterrichten mu gelernt sein, mit Erwachsenen kann man sich selbst
zurechtfinden. So wenigstens schien es mir. Allerdings waren die
Mdchen, die ich nun kennenlernte, zum Teil noch sehr kindlich; aber
vielleicht waren sie grade deshalb sehr aufmerksam, sehr strebsam und
voll guten Willens, etwas zu lernen. Das war besonders bei denen der
Fall, die Lehrerinnen werden oder studieren wollten. Wenn die Schweizer
Schulen in der ganzen Welt berhmt sind, so sind auch die Schler,
wenigstens die Schlerinnen, denn nur diese kann ich beurteilen,
ausgezeichnet; dem Typus der jungen Dame, die nur mit einem Drittel
ihres Wesens milaunig durch die Klasse schlendert, weil der Hauptteil
schon in den weltlichen Strudel geraten ist, bin ich nie begegnet.

Meine Stelle an der Bibliothek war mir doch zu wert, als da ich sie
gleich htte aufgeben mgen. So lief ich denn zwischen Bibliothek und
Schule, die einander benachbart waren, hin und her. Die Schule war im
Jahre 1853 an Stelle des alten Chorherrengebudes an das Gromnster
angebaut worden und mit dem schnen Kreuzgang verbunden; ich hatte von
dort nur ein paar Schritte zu meinem zweiten Arbeitsplatz. Wir waren
damals nur ein kleiner Betrieb: auer Dr. Escher, Dr. v. Wy und mir gab
es, wenn ich mich recht erinnere, noch zwei Mnner, die die
Bcherausleihe besorgten. Wir drei arbeiteten in einem Zimmer, das
allerdings sehr gerumig war. Mein Platz war an dem groen Fenster,
unter dem jetzt die Zwinglistatue steht. Als ich im Neujahrsblatt ber
die in der Bibliothek aufbewahrte Wick'sche Sammlung schrieb, arbeitete
ich wochenlang in der Wasserkirche, von der die stdtische Bibliothek
ihren Anfang genommen hat, und an die das damalige Bibliotheksgebude,
das sogenannte Helmhaus, angeschlossen ist. Da war es khl und still,
die alten Folianten und Globen umher waren eine edle, feierliche
Gesellschaft.

Mir war viel wohler, seit ich mehr zu tun hatte, wenn es auch zuweilen
fast zu viel war, denn ich gab bis 24 Stunden in der Woche, wozu noch
der Bibliotheksdienst kam. Auf den allerdings mute ich schlielich doch
verzichten. Es versteht sich von selbst, da ich die Privatschule
verlie, sowie ich an der stdtischen Schule angestellt wurde; ich
glaube, die drei Schwestern sahen mich gern scheiden.

Unterstra war zu weit entfernt von der Bibliothek, als da ich dort
htte bleiben knnen; ich verlie meine lieben alten Aargauer, um, ich
wei nicht von wem beraten, in eine von einer Frau Walder geleiteten
Pension berzusiedeln. Sie bewohnte damals ein schnes altes Haus an der
Unteren Zune, das den Namen Meerfrulein hatte. Meine beiden Zimmer
gingen auf den Platz, wo einige Zeit vorher das alte Theater abgebrannt
war; die Spuren davon waren noch sichtbar. Frau Sophie Walder, geborene
Feldmann, war die Tochter eines Schweizers, der zu jener Zeit in Ruland
gelebt hatte, in der der bekannte Moser aus Schaffhausen dort sein Glck
gemacht hatte. Von diesem merkwrdigen Mann und seinem Schicksal, das
von dem ihres Vaters so verschieden gewesen war, erzhlte sie mir oft.
Beide Mnner, die miteinander befreundet gewesen waren, hatten Russinnen
geheiratet; Frau Walders Mutter hatte durch Verschwendung, Faulheit und
andere, dem schweizerischen Wesen fremde Eigenschaften, ihren Vater sehr
unglcklich gemacht und den Verfall seines Vermgens verschuldet. Die
Tochter, Frau Walder, war im Gegensatz zu ihr die Tchtigkeit und
Rechtlichkeit in Person. In unermdlicher Ttigkeit sorgte sie gut fr
ihre Pensionre, sie war viel zu wohlwollend und auch zu stolz, um sich
an ihnen zu bereichern; es fehlte ihr nicht an einer gewissen
Groartigkeit. Obwohl ihre Tage seit Jahren mit Hausarbeit angefllt
waren, erbrigte sie doch die Zeit, um dies und das zu lesen, sie
brachte allem, was an sie herantrat, Interesse entgegen und war
namentlich sehr musikalisch; von ihr hrte ich zuerst die Herrlichkeit
der Matthuspassion rhmen. Wenn ich jetzt den Chor hre Ruhe sanfte,
sanfte ruh, begleitet ihn manchmal fr mein Ohr aus weiter Ferne ihre
Stimme, die ihn so sehr liebte und gern leise vor sich hin sang. Mein
jugendlicher Appetit und meine Wrdigung feiner ser Speisen belustigte
sie, und sie tischte mit besonderem Vergngen meine Lieblingsgerichte
auf. Zu der heiteren Grundstimmung der Pension trug das immer lustige
und willige Dienstmdchen, das Drle, bei, mit der ich noch jetzt in
Beziehung stehe. Die starke gebogene Nase, die Brille und die stattliche
Figur gaben Frau Walder etwas Gestrenges; aber sie hatte ein warmes
gtiges Herz und ein feines Verstndnis fr Menschen, und ich denke mit
Dank an sie zurck. Auer mir wohnten bei Frau Walder zwei allerliebste
junge Mdchen, Schlerinnen des Pianisten Robert Freund, der eine
bedeutende Rolle im Zricher Musikleben spielte, und ein Student der
Chemie, Edouard Marmier. Er fiel auf durch sein dunkles Gesicht von
beinah negerartigem Typus, in dem zwei schwarze Augen geheimnisvoll
glitzerten. Er hatte eine groe Liebe zu seinem Vater, mit dem er
brieflich Schach spielte, und zu seiner Vaterstadt Estavayer-le-Lac,
deren eigenartige Schnheit er mit Vorliebe schilderte. Aus seinen
Erzhlungen von dem dortigen Leben, namentlich den reizvollen alten
Festen entstand mir die kleine Mrchennovelle Der Mondreigen von
Schlaraffis. Er wohnte grade ber mir, und wenn ich Abends vor dem
Schlafengehen noch eine Weile im offenen Fenster sa, sa er wohl in dem
seinigen und spielte die Geige. Eine Stelle aus der damals neuen
Cavalleria rusticana gefiel mir besonders gut: es war dann, als ob die
Nacht auf dem totenstillen Platze selber zu singen beginne.

Meinen hauptschlichen Verkehr bildeten diejenigen Freundinnen, die mir
mehr als Freundinnen, die mir so gut wie Familie wurden, Marianne Plehn,
Marie Baum und Hedwig Waser; die letztere, dadurch gebundener als wir,
da sie bei ihrer Mutter lebte, konnte nicht regelmig mit uns zusammen
sein, die wir uns beinahe tglich sahen. Mit ihrem blonden, lockigen
Haar, ihren braunen Augen, ihrem raschen Wesen und dem Jugendglanz, der
sie umgab, erschien mir Marie Baum, als ich sie zuerst sah, wie ein
blhendes Apfelbumchen, mit dem die Frhlingsluft spielt, und es kam
mir von selbst auf die Lippen, da ich sie Bumchen nannte, ein Name,
der ihr geblieben ist. Ich hatte, als ich sie eben kennengelernt hatte,
den entschiedenen Eindruck, wir paten zusammen, so da ich ihr
vorschlug, wir wollten uns sofort du nennen, weil man spter, nachdem
man lngere Zeit das Sie gebraucht hat, Mhe hat, zum Du berzugehen.
Marianne Plehn, die dabei war, rief entrstet aus: Sie nennt sich du
mit den jngsten Semestern, whrend wir noch beim Sie sind! Dem wurde
nun abgeholfen. Wenn ich mich jetzt frage, was die Ursache war, da
grade diese Freunde mir Familie wurden, whrend ich doch auch vorher
schon herzliche Beziehungen angeknpft hatte, so mag die Erklrung zum
Teil darin liegen, da Marianne Plehn, Marie Baum und ich alle drei
Norddeutsche waren, bei aller persnlichen Verschiedenheit in einer
Atmosphre aufgewachsen, die man als die des deutschen Idealismus
begreift. Unsere Groeltern hatten inmitten der Ausstrahlungen des
Goethe-Schiller-Zeitalters gelebt. Diese gemeinsame Grundlage schafft
das Selbstverstndliche, das den Umgang so leicht macht. Das aber trifft
fr viele zu; es mu doch noch etwas anderes, Entscheidendes dazukommen.
Der katholische Katechismus beginnt mit der Feststellung, der Mensch
lebe, um zu Gott zu kommen. Nun waren wir damals nicht bewut religis
gerichtet; aber den Sinn unseres Lebens suchten wir doch, ohne darber
nachzudenken, jenseits der Welt. Wenn man Gotteskinder und Weltkinder
unterscheidet und unter Gotteskindern im weitesten Sinne solche Menschen
versteht, die, obwohl sie ihren irdischen und weltlichen Aufgaben mit
voller Hingebung, ja Leidenschaft gengen, doch durch sie nicht
ausgefllt sind, sondern ein hheres Sein darber ahnen, und die
infolgedessen der Welt gegenber durch eine gewisse Naivitt und
Unbekmmertheit charakterisiert sind, derzufolge sie in der Welt oft
zurckstehen, so habe ich mich unwillkrlich zu solchen immer besonders
hingezogen gefhlt. Es pflegen gtige Menschen und Menschen voll Humor
zu sein. Schlielich jedoch entscheidet bei so innigen, dauernden
Beziehungen, wie sie damals zwischen uns entstanden, das Persnliche,
das immer ein Geheimnis bleibt. Ein besonderer Reiz Bumchens war ihr
glockenhelles melodisches Lachen, das so oft, so oft in jener
glcklichen Zeit ertnte. Nietzsche hat einmal gesagt, er habe immer
einen Menschen ntig, mit dem er lachen knne; in diesem Punkte war ich
wie Nietzsche. Zwar haben wir damals berhaupt viel gelacht; aber
besonders leicht und grundlos erklang dieser Akkord zwischen Bumchen
und mir. Ich erinnere mich an einen sommerlich glhenden Nachmittag, als
wir nach langer Wanderung in Rapperswil in einem Gasthaus am See
einkehrten. Als der ersehnte Caf complet auf der Veranda aufgetragen
war, nahm Bumchen die Kaffeekanne in die eine, die Milchkanne in die
andere Hand und schenkte aus beiden zugleich in die Tassen ein. ber
dieses abgekrzte Verfahren kamen wir in ein Lachen, das sich noch jetzt
erneuert, wenn ich daran denke. Oder das Lachen berfiel uns, wenn uns
zum Bewutsein kam, da wir schon eine Weile vor der Auslage eines
Bckerladens gestanden und andchtig die knusprig glnzenden Brtchen
betrachtet hatten. Man sah uns so hufig zusammen, da uns ein
milauniger Einsamer, der uns beobachtete, Kastor und Pollux nannte. Es
versteht sich von selbst, da auch ernste, ja traurige Dinge uns
bewegten; aber das Dunkle nahm in der Freude des Zusammenseins leicht
ihre lichte Farbe an. Wir fhlten uns gesund und kraftvoll, und die
Zukunft war unser. Da ich zehn Jahre lter als sie war, strte uns
nicht, kam uns kaum zum Bewutsein. Bumchen war eine von den wenigen
Studentinnen, der zu Hause nicht nur keine Schwierigkeiten in den Weg
gelegt waren, die vielmehr zum Studium angehalten worden war. Sie sollte
Mathematik studieren, wofr sie besonders begabt war; vielleicht nahm
man in ihrer Familie an, von dem mathematischen Genie ihres Grovaters
Dirichlet sei etwas auf sie bergegangen. Sie wandte sich aber bald,
weil es ihr zu abstrakt war, von diesem Fach ab und ging zur Chemie
ber.

Nur vorbergehend, aber immer hochwillkommen, erschien unter uns die
Malerin Luise von Kehler; aus Westpreuen stammend, war sie mit der
Familie Plehn von jeher eng verbunden. Sie schwebt mir vor, wie ich sie
zuerst sah, unter einem mit grner Seide geftterten Sonnenschirm, mit
ihrem charakteristischen Gang, der mich an eine Bachstelze erinnerte.
Etwas leichtes und beschwingtes verliehen ihr auch die ein wenig nach
oben gebogenen Winkel ihres Mundes, der zu lieblichem Lcheln geschaffen
schien. Ihre Anwesenheit war zunchst durch ihre Freundschaft mit
Marianne Plehn veranlat, allmhlich hufiger durch Auftrge von meinen
Freunden Reiff; so malte sie ein sehr feines und treues Portrt von der
alten Frau Reiff. Ich dachte oft, sie sei eigentlich eine durch Zufall
in die Malerei verschlagene Dichterin, worauf die wunderschnen Briefe
mich brachten, die sie schrieb. Sie hatte viel mit der Technik des
Malens zu ringen, was ihre Bilder auszeichnete, war ihre Auffassung der
Persnlichkeit; ihre auerordentliche Fhigkeit, Menschen zu erleben,
war die Grundlage ihrer Kunst und eignete sie im Leben zur Freundschaft.
Ihre Augen waren so wie man die der sogenannten Vorschauer beschreibt,
die das zweite Gesicht haben, als shen sie Dinge, die den meisten
Menschen unsichtbar sind. Sie war sehr musikalisch und sang mit schner
Stimme, die mit keiner anderen vergleichbar war.

Durch Marianne Plehn und Bumchen erfuhr ich nun auch allerlei von der
naturwissenschaftlichen Fakultt. Marianne studierte Zoologie und, da
sie auch das Oberlehrerexamen machen wollte, wozu zwei Nebenfcher
verlangt wurden, Botanik und Geologie. Albert Heim, Professor der
Geologie, war mit der etwas gnomenhaften Gestalt, dem groen
Altmnnerbart, eine wohlbekannte, charakteristische Erscheinung. Er war
stolz auf die Fortschritte und die Aufklrung, die an Hand der
Naturwissenschaften errungen waren, verabscheute das Christentum und
glaubte, die Welt wrde desto glcklicher werden, je vollstndiger die
Religion berwunden wrde. Von der Tiefe religiser Vorstellungen hatte
er keine Ahnung und wurde infolgedessen schnell mit ihnen fertig, wie er
denn zum Beispiel das Abendmahl fr eine Menschenfresserei ansah. Wre
er ber diese Dinge besser unterrichtet gewesen, htte er wahrscheinlich
anders, wenigstens nicht so verfehlt geurteilt. Seine Frau, Marie
Vgtlin, war unter den ersten Frauen gewesen, die in der Schweiz Medizin
studierten, eine sehr angesehene, beschftigte rztin. Es verstand sich
von selbst, da Heim den studierenden Mdchen durchaus geneigt war,
ebenso war Professor Arnold Lang, der Zoologe, ohne jedes Vorurteil.
berhaupt waren unter den Schweizer Professoren keine grundstzlichen
Gegner des Frauenstudiums, wie sie es auch nicht grundstzlich befrdert
hatten; sie wollten den Frauen, die danach verlangten, Raum geben, ihre
Fhigkeit zu beweisen, und als es ihnen gelungen war, das zu tun, lieen
sie sie bereitwillig gelten. Lang war ein Mann von umfassendem Wissen
und eine bedeutende Persnlichkeit; hchst anregend, voll Feuer und
Unternehmungslust, Professor Schrter, der Botaniker, der einzige von
diesen dreien, der noch am Leben ist, ttig und teilnehmend wie je.

Bumchen hrte hauptschlich bei Professor Bamberger, den man nach
seinem uern fr einen liebenswrdigen Gesellschaftsmenschen htte
halten knnen, der aber fast ausschlielich fr die Wissenschaft und in
ihr lebte. So verbindlich er im persnlichen Umgang war, so bis zum
berma leidenschaftlich konnte er bei wissenschaftlichen Streitigkeiten
mit anderen Forschern werden. Ein schweres Leiden, das ihn frh befiel,
machte der Laufbahn des unglcklichen Mannes ein Ende.

Um diese Zeit nahm der von Dr. Hans Bodmer gegrndete Hottinger
Lesezirkel einen merklichen Aufschwung; er wurde allmhlich zum
gesellschaftlichen und literarischen Mittelpunkt Zrichs. Bei welcher
Gelegenheit ich die Brder Bodmer kennenlernte, wei ich nicht mehr zu
sagen. Ihre Eltern bewohnten ein gemtliches Haus in der Gemeindestrae,
ganz hnlich dem von Frau Wanner, nur gepflegter, und nur durch einen
schmalen kurzen Weg davon getrennt; so begegnete ich ihnen schon im
ersten Jahre meines Zricher Aufenthaltes hufig. Auch hat das Gefhl,
Nachbarskinder zu sein, Hans Bodmer und mich immer in einem
selbstverstndlichen gegenseitigen Wohlmeinen verbunden. Seine
Aufforderung, ein Singspiel fr den Lesezirkel zu schreiben, machte mir
Lust; ich whlte als Gegenstand das Mrchen vom Dornrschen, das zu
romantisch bunten, komischen, grotesken und gefhlvollen Auftritten
Anla geben konnte. Nachdem mein Entwurf angenommen war, begannen die
Vorbereitungen und das Einstudieren, das eine Anzahl junger Menschen in
frhlicher Stimmung vereinigte. An die Auffhrenden erinnere ich mich
nicht mehr, nur da den Prinzen ein hbscher Zricher, Max Freudweiler,
gab, der sich spter das Leben genommen hat. Die Musik zu den zahlreich
eingestreuten Liedern war von dem Kapellmeister Lothar Kempter
komponiert, sanglich und leicht sich einschmeichelnd, sehr geschmackvoll
dem anspruchslosen Charakter des Textes angepat. Die Auffhrung verlief
durchaus befriedigend und ist fr mich besonders denkwrdig, weil sie
mittelbar den Anla zu meiner Bekanntschaft mit Hermann und Emmi Reiff
gab, einem jungen Ehepaar, dessen Freundschaft ein wertvoller,
unvergelicher Bestandteil meines Zricher und meines spteren Lebens
wurde.

An die Auffhrung des Spiels schlo sich ein Ball, bei dem ich fters
mit einem jungen Basler tanzte, der mir erzhlte, er sei als Gast bei
Freunden in Zrich, die ich durchaus msse kennenlernen, eben Reiffs.
Der junge Basler hie Emanuel Zslin, war sehr hbsch und hielt sich fr
unwiderstehlich; es machte mir ein verzeihliches Vergngen, ihm zu
zeigen, da das bertrieben sei. Er stammte aus einer Kaufmannsfamilie
und war vielleicht in einer vorwiegend auf Geschftsinteresse und
Vorteil gerichteten Umgebung aufgewachsen; jedenfalls verachtete er jede
Art von Erwerbsttigkeit und berhaupt jede Nutzen bezweckende
Beschftigung, obwohl reichlicher Besitz Voraussetzung seines Lebens
war. Infolge seines Zuredens und Anpreisens meiner Person machte Emmi
Reiff mir eines Tages einen Besuch, eine schne zartfarbige Blondine,
der ihre frauenhafte Wrde und Gemessenheit, die ebenso gut kindliche
Schchternheit sein konnte, reizend anstand.

Deutlich erinnere ich mich noch des ersten Abends, den ich bei Reiffs
zubrachte, und wie Hermann in seiner trockenen und khlen Art im
Gesprch sofort auf das Wesentliche der Dinge zusteuerte, dadurch die
Schranken der Fremdheit wegblies und sofort eine Stimmung zwischen uns
herstellte, als wren wir alte Freunde. Er machte nie Konversation, was
die Schweizer berhaupt weniger tun als wir Deutsche, was er sagte, war
ihm eigentmlich, aus seinem Erleben und Denken gewachsen. Seine
Intelligenz war durchaus nicht auerordentlich, aber sein Humor gab ihm
etwas berlegenes; ich habe kaum je einen Menschen gekannt, der in Rede
und Gebrde, in jedem Zoll seines Wesens so von Humor durchdrungen war.
Da er reich war, konnte man ihm nicht anmerken, er trat nicht gern
hervor, und auch wenn er selbst Gesellschaften gab, stand er am liebsten
abseits wie der belanglosesten Gste einer. Mittelgro und schmal von
Wuchs war er leicht zu bersehen. Er sowohl wie Emmi kleideten sich
einfach, wenn auch sehr gediegen, und auf Reisen stiegen sie nicht in
prchtigen Hotels ab, sondern in den bewhrten alten, bescheidenen
Gasthusern, deren es in der Schweiz so vorzgliche gibt. Die
absonderliche Mischung von lautloser Zurckhaltung und witziger
berlegenheit in seinem Wesen lt sich schwer beschreiben; mit einem
flchtigen, unbetonten Seitenblick konnte er einem die Summe seiner
wohlfundierten kritischen Anmerkungen mitteilen. In der Unterhaltung war
er viel ergiebiger als Emmi, aber sie war die wrmere, gewichtigere
Persnlichkeit. Wenn ich mir den Wohllaut ihrer dunklen Stimme
vergegenwrtige, berkommt mich Heimweh nach ihr. Doch konnte sie etwas
Kaltes, Hartes und Schweres haben, wenn ihr jemand unsympathisch war
oder irgend etwas sie verstimmte.

Reiffs bewohnten damals ein Haus in der Tdistrae, dessen Erdgescho
die Geschftsrume ausfllten, whrend im ersten Stock die alte Frau
Reiff wohnte und den zweiten das junge Paar innehatte. Die alte Frau
Reiff war in einfacheren Verhltnissen aufgewachsen, war sehr schlicht
in ihrer Erscheinung und ihrem Auftreten und lebte, wenn auch den
gnstigen finanziellen Verhltnissen entsprechend, doch altmodisch
einfach mit einem alten Mdchen im eigenen Haushalt. Sie sprach ungern
hochdeutsch und hat immer im Dialekt mit mir verkehrt. Whrend das
Verhltnis zwischen Mutter und Schwiegertochter oft dornig ist, standen
die alte Frau Reiff und Emmi sich sehr gut; Emmi hing mehr als an der
eigenen Mutter an ihr, und sie liebte die Frau des Sohnes mindestens
ebenso wie den Sohn selbst, der seine Gefhle nicht gern uerte,
besonders da nicht, wo sie als Pflicht von ihm erwartet werden konnten,
und infolgedessen oft gar keine zu haben schien. Emmis Vater, Heinrich
Franck, war der Begrnder der bekannten Franckschen
Kaffeezusatz-Fabriken und auerordentlich reich. Emmi war streng erzogen
und sehr zurckgehalten, als sie jung heiratete, war sie nicht nur ganz
unerfahren, sondern auch geistig unentwickelt. Mit ihrem Mann und von
ihm geleitet, hatte sie den ersten freien Blick ins Leben getan, mit
seinen Gedanken zuerst ber das Leben und die Menschen nachgedacht. Sie
hatte deshalb mit der Liebe vermischt ein dankbares Gefhl fr ihn, wie
es uns etwa ein Lehrer einflt, der magebenden Einflu auf uns hatte,
und diese Art der Verbundenheit beherrschte sie selbst dann noch, wenn
sie sich einmal zu einem andern Manne hingezogen fhlte. So etwas konnte
umso leichter vorkommen, als seine natrliche und grundstzliche
Trockenheit sie sicherlich etwas darben lie. Ich glaube nicht, da er
ihr jemals sagte, wie schn sie war, oder da er sie fhlen lie, wie
beglckt er ihre Nhe empfand; er wollte, man solle, ohne da er es
aussprche, wissen, was er fr einen fhlte. In einem solchen Falle wre
ihre erste Regung gewesen, zu ihm zu flchten und ihn um Rat und Hilfe
zu bitten. Sie war reicher als ihr Mann, aber sie hatte ihm gegenber
eine liebliche Art, sich zu geben, die ihr ganz natrlich war, als sei
sie arm und habe alles von ihm zu empfangen.

Beider Verhltnis zum Geld war mir interessant. Emmis Vater hatte die
Auffassung, der reiche Mann msse sich als den Verwalter seines
Reichtums zugunsten seines Volkes ansehen, seine Pflicht sei, sich
persnlich im Genusse des Reichtums bis zu einem gewissen Grade zu
beschrnken, um den Bedrftigen in vernnftiger Weise davon zukommen zu
lassen. Wohlttigkeit war eine Pflicht, die der Besitzende dem
besitzlosen Teil des Volkes gegenber auszuben hatte. Diese Anschauung
hatte Herr Franck seinen Kindern fest eingeprgt und Hermann Reiff
teilte sie, ob von seinem Schwiegervater beeinflut, wei ich nicht. Er
betrieb die Wohlttigkeit fast als Beruf, seine Zeit war zum groen Teil
damit ausgefllt. Ich fand diese Grundstze schn, und doch entsprach
der Betrieb mir nicht ganz; ich pflegte meine Freunde scherzweise die
edlen Reiffs zu nennen. Wenn Emmi zu armen Frauen ging und mit ihnen
ratschlagte, wie sie es anstellen sollten, mit 80 Rappen im Tage
auszukommen, whrend sie selbst eine fr jene unvorstellbare Summe fr
ihren Haushalt ausgab, so berlief mich ein peinliches Gefhl. Die
kleinen Einschrnkungen im Essen oder bei anderen Gelegenheiten auf der
Grundlage berall sprbaren Reichtums kamen mir lcherlich vor. Hermanns
Grundsatz war, nur denen zu helfen, die dadurch in die Hhe gebracht
wrden, bei denen die Untersttzung gut angewandt wre, denen aber
grndlich beizustehen. Er wute immer von einer Menge gescheiterter
Existenzen zu erzhlen, die er untersuchte, und wenn er auf einen Fall
geraten war, der die Mhe der Untersttzung lohnte, war er sehr
befriedigt. Das war verstndlich; aber wenn alle so dchten, was sollte
dann aus den Allerrmsten werden, die eine mangelhafte Anlage zum
Aufstieg hinderte? Und lie sich berhaupt berechnen, welches Ergebnis
eine Untersttzung grade in diesem Augenblick zeitigen wrde? Sollte
einen nie das natrliche Erbarmen hinreien, das der Anblick des Elends
im Herzen erregt? Sollte man nicht geben, wie der Christ gibt, weil Gott
der Freund der Armen ist und geboten hat, sie zu lieben und ihnen
mitzuteilen? Ich verschwieg meine Einwnde nicht, und diese Dinge waren
oft Gegenstand unserer Gesprche. Ich glaube jetzt, da ich damals in
mancher Hinsicht Unrecht hatte: ich konnte mich in die Lage sehr reicher
Menschen nicht gengend hineinversetzen, mir nicht vorstellen, wie sie
bestndig von Bittstellern berlaufen waren, unter denen die durchaus
unwrdigen in der Mehrzahl waren, wie die Zahl und Zudringlichkeit der
Bettelnden selbst das Wohltun zum Geschft werden lie. Wenn nicht
Religion das Verhltnis zwischen Besitzenden und Besitzlosen weiht, ist
eben der Reichtum selbst ein Problem. Und doch ist es gut, wenn es
reiche Privatleute gibt, nicht nur, weil sie unabhngig sind oder weil
sie die Kunst frdern knnen, sondern auch, weil ihre Wohlttigkeit
persnlich und zufllig und deshalb glcklicher verteilt und wirksamer
ist als die des Staates. Reiffs haben vielen Armen in groartiger Weise
geholfen, und wenn ihre Art und Weise den Betreffenden nicht immer
bequem war, so war sie ihnen sicher ntzlich.

Im Laufe unserer Bekanntschaft bekam Emmi von ihrem Vater ein groes
Haus am See in Rschlikon geschenkt; sie nannte es nach der Farbe
Rothaus. Oberhalb desselben grndete sie ein Heim fr elternlose oder
verlassene und verwahrloste Kinder, die von dort aus adoptiert werden
konnten. Ich bin oft mit ihr dort gewesen. Es hatte etwas ergreifendes,
die schne Kinderlose umringt von den spielenden Kindern zu sehen, die
sie aufgenommen hatte, und fr die sie sorgte.

Wie Reiffs bald mit allen meinen Freundinnen bekannt wurden, bildeten
wir einen Kreis, der von dem Kreis ihres frheren Verkehrs vollstndig
getrennt blieb. Dieser setzte sich in der Hauptsache aus der Zrcher
Finanz zusammen und die mit ihm verbundene Geselligkeit war, wie es so
zu gehen pflegt, ebensosehr eine Belastung wie ein Vergngen. Es waren
wohl gute Freunde darunter; aber die Beziehung ohne Konvention, der
Umgang der Wahl, die Freunde des Herzens waren wir. Jahre hindurch war
ich in jeder Woche einmal des Abends bei Hermann und Emmi. Der schnste
Augenblick war fr mich, wenn Hermann zu Emmis Begleitung Cello spielte,
und ich flach auf einem Teppich oder Fell liegend, zuhrte. Am liebsten
hrte ich Corelli und andere italienische Komponisten des 17. und 18.
Jahrhunderts, die ich auf diese Weise damals kennenlernte. Musik war die
einzige Kunst, zu der Reiffs eine innere Beziehung hatten. Sicheres
eigenes Urteil hatten sie in bezug auf die bildende Kunst nicht, und
vollends gar nicht in bezug auf die Poesie. Daher kam es, da sie ber
Wert oder Unwert der Zslinschen Dichtungen sich durchaus nicht im
Klaren waren.

Was Zslin berechtigte, ein Dichter sein zu wollen, war wohl
hauptschlich sein Hang zum Auergewhnlichen, ein Hang, sich pathetisch
und berschwenglich in Worten und Handlungen zu uern. Gestaltungskraft
besa er nicht, und was er etwa an poetischer Begabung htte haben
knnen, wurde aufgehoben durch seine Unfhigkeit, etwas zu durchdenken
und durch seinen Mangel an Geschmack, der wohl ein Mangel an Verstand
war. Dem Einflu seines Namens mag es zuzuschreiben sein, da sein Drama
Samuel Henzi in Basel aufgefhrt wurde. Das historische Gerst hatte
hier seine wonnetrunkene Phantasie etwas gesttzt, so da das Stck
wenigstens ernst genommen werden konnte; es war sogar eher trocken
geraten. Reiffs und ich fuhren nach Basel hinber, um der Vorstellung
beizuwohnen. Ich war nicht ohne Sorge; aber ein annehmbarer
Achtungserfolg wurde erreicht. Diejenigen Dichtungen, in denen Zslin
sich so recht die Zgel schieen lie, waren unbeschreiblich komisch,
namentlich an jenen Stellen, wo er die hchsten Trmpfe ausgespielt zu
haben glaubte. So kam zum Beispiel in einem Drama ein Reigen schwangerer
Frauen vor, die etwas zu singen hatten, und er meinte damit die Flle
der Natur, das ewig quellende Leben und dergleichen zu
unwidersprechlicher Anschauung gebracht zu haben. Auch auf das uere
seiner Bcher erstreckten sich seine auerordentlichen Einflle: er gab
einen Band Gedichte heraus, dessen erste und letzte Bltter leicht rosig
angehaucht waren, whrend sie nach der Mitte hin immer rter wurden,
damit das ganze Buch einer Rose gliche. Er hatte die liebenswrdige
Eigenschaft, da man ber seine Werke lachen und sie kritisieren durfte,
wenn er fhlte, da es in freundschaftlicher Absicht geschah; aber aus
dem bodenlosen Durcheinander seiner Vorstellungen kam er nicht heraus.
Trotz dieser geistigen Schwche, und obwohl er im Grunde ebenso
unzulnglich als Mensch wie als Dichter war, mute man ihn gern haben,
und nicht nur, weil er hbsch war. Er war ein liebenswrdiger, stets
gutgelaunter Gesellschafter, sang mit angenehmer Stimme, war freimtig,
gutmtig, herzlich, vertrglich, hatte Mutterwitz, war nie
Spielverderber. Meine Empfnglichkeit fr seine liebenswerten
Eigenschaften ging so weit, da ich einige Wochen lang mit ihm verlobt
war, wenn man eine Beziehung so nennen will, von der ich mir nicht
vorstellen konnte, da sie mit einer Heirat endete. Marianne Plehn, die
ihm wohlwollte, war mit meinem Verhalten sehr unzufrieden. Du liebst
ihn ja gar nicht, sagte sie mibilligend zu mir. Aber er ist doch so
niedlich, wandte ich ein. Man heiratet einen Mann nicht, weil er
niedlich ist, sagte sie streng. Ich fhlte, da sie Recht hatte. Was
fr ein glckseliger Tag war es fr mich, als ich mich zu der Lsung
dieses planlosen Verhltnisses aufgerafft hatte! Damals erfuhr ich, da
eine Entlobung weit beglckender als eine Verlobung sein kann. Das
Hochgefhl wiedergewonnener Freiheit trbte ich mir nicht durch
Selbstvorwrfe wegen der Zslin etwa zugefgten Enttuschung. Ich war
der Meinung und bin es noch, da eine Frau mit derartigen Krnkungen
Mnnern keinen erheblichen Schaden zufgt; denn erstens finden sie
leicht eine andere, wenn ihnen daran liegt, und zweitens wissen sie ihre
Freiheit um so viel hher zu schtzen, als sie fr sie wirksamer und
gehaltvoller ist.

Zslin fand wirklich bald eine andere. Spter hat er in Italien eine
unheilvolle Ehe mit einer Italienerin geschlossen, deren
unvergleichliche Schnheit er pries. Man erzhlte sich, er sei zu einem
kurzen Besuch nach Basel gekommen und habe sie seinen Verwandten
vorgefhrt, wobei sie so dicht verschleiert gewesen sei, da niemand ihr
Gesicht gesehen habe. Als er sich des Italienischen mchtig fhlte,
schrieb er eine Reihe von Dramen in italienischer Sprache und lie sie
in prchtiger und kostbarer Aufmachung erscheinen; gelesen hat sie wohl
nie jemand. Er ist, soviel ich wei, in rmlichen Verhltnissen
gestorben.

Der grte Teil meines tglichen Lebens war natrlich durch den Beruf,
den Unterricht in der Schule eingenommen. Da ich mir meines Mangels an
Erfahrung und auch an Begabung fr die Lehrttigkeit bewut war, hatte
ich vor jeder Stunde Angst. Manchmal zitterten mir die Knie, wenn ich
das Klassenzimmer betrat. Glcklicherweise wute ich, da mir dieser
klgliche Zustand nicht anzumerken war auer von solchen, die mich genau
kannten. Anfangs hatte ich noch keinen Begriff, wieviel Stoff in eine
Stunde hineingeht, zumal wenn man ihn nicht mit einer flotten Redewalze
zu verbreitern versteht, und bema ihn bei der Vorbereitung zu kurz;
dann erwartete ich mit bebender Ungeduld das Klingelzeichen, das die
Stunde beendete. Furchtbar war es, wenn sich mitten in der Stunde die
Tr auftat und die Herren und Damen der Schulkommission rcksichtsvoll
leise eintraten, um mein Wirken zu begutachten. Besonders ein groer und
dicker Herr flte mir Unbehagen ein, der ein wenig schielte und mit
einem Auge die Klasse, mit dem anderen mich in Obacht zu nehmen schien.
brigens verhielt er sich sehr wohlwollend gegen mich, ebenso wie alle
andern, obwohl nicht alle, wie ich erfuhr, fr die Anstellung der
Fremden gestimmt hatten. Der Vorsteher der Erziehungsdirektion war Herr
Grob, ein kleiner freundlicher Mann. Ich habe einmal irgendwo ein
Gedicht von ihm gelesen, das ungefhr folgendermaen anfing: Wie ist es
so herrlich zu leben -- auf dieser verlsterten Welt -- wo Wohltun und
ntzliches Streben -- die Menschen zusammenhlt. Es sprach sich darin
jene Art von demokratischem Optimismus aus, ber die ich lachen mute;
aber die wahrhaft menschliche, gtige und feine Art des Menschenfreundes
habe ich dankbar erfahren. Als mein Roman Erinnerungen von Ludolf
Ursleu erschienen war und Beachtung fand, beschied er mich eines Tages
zu sich. Er sagte mir, da er mit meiner Ttigkeit an der Schule
zufrieden sei und hoffe, ich werde immer fester mit ihr verbunden
werden. Da sei nun ein Buch von mir herausgekommen, das fr junge
Mdchen nicht geeignet sei. Er wolle sich darauf nicht einlassen,
berhaupt komme ihm nicht in den Sinn, einem Schriftsteller Schranken zu
bestimmen; aber da ich nun einmal Lehrerin an einer Mdchenschule sei,
wrde es einen guten Eindruck machen, wenn ich auch einmal ein Buch fr
junge Mdchen schriebe. Ich erwiderte, da ich wenig Zeit zu
schriftstellerischer Ttigkeit habe und wohl nicht sobald wieder einen
Roman schreiben wrde; da ich aber jedenfalls auf das angewiesen sei,
was mir einfiele und mich ergriffe, kurz auf eine innere Notwendigkeit,
und mich nicht durch auerhalb dieses Antriebs liegende Absichten
bestimmen lassen knnte. Wei ich auch nicht mehr wrtlich was ich
sagte, so waren es doch mehr ablehnende als ausweichende Worte, die ich,
natrlich mit geziemender Hflichkeit und Bescheidenheit, vorbrachte.
Herr Grob nahm sie gtig und sogar verstndnisvoll auf; er kam nie
darauf zurck, und ich habe nie eine Beeintrchtigung meiner Stellung
von Seiten der Erziehungsdirektion erfahren.

Da ich mich anfangs auf jede Stunde grndlich vorbereiten mute und
auerdem die Aufstze mehrerer Klassen durchzusehen hatte, blieb mir in
der Tat wenig freie Zeit. Meistens war ich sowohl vormittags wie
nachmittags an der Schule beschftigt und fand zu Hause einen Haufen von
Heften vor, der abzutragen war. Mit den Kollegen, die ich in den Pausen
im Lehrerzimmer traf, stand ich gut, nur vom Direktor, Herrn Stadler,
hatte ich das Gefhl, da er mir mitraute. Wenn er meinte, da ich
nicht mit Leib und Seele, mit jeder Faser meines Wesens Lehrerin war, so
hatte er im Grunde recht; aber da ich mich trotzdem bemhte, meinen
Platz gut auszufllen, konnte er mir keinen Vorwurf machen und hat das
auch nie getan. Peinlich und langweilig waren mir die Sitzungen, wo die
Herren bedenklich, sorgenvoll und entrstet ber jede kleine
Mutwilligkeit oder Nachlssigkeit der Schlerinnen zu Gericht saen. Die
lieben Mdchen waren im allgemeinen so gutartig, so tchtig, so
strebsam, da man ihnen eine gelegentliche Ausgelassenheit wohl hingehen
lassen konnte. Ich hatte sie gern, und sie hatten mich gern. Am liebsten
unterrichtete ich am Seminar, wo ein wahrhafter Eifer zu lernen und sich
zu bilden bestand. Es kam mir zugute, da ich ohne es zu beabsichtigen,
streng, ja vielleicht beinah gebietend, wirkte; es ist kaum jemals
vorgekommen, da ich ein tadelndes Wort htte aussprechen mssen, ein
ernster oder erstaunter Blick gengte. Als Belastung empfand ich die
Schulausflge, denen ich mich nicht entziehen konnte, wenn es meine
Klassen anging. Tagelang keine Minute fr mich sein zu knnen war mir
fast drckender als die Verantwortung. Lebhaft erinnere ich mich eines
mehrtgigen Ausflugs ber den St. Gotthard. Frhliche Wanderlust
herrschte, abends, wenn man im Quartier angelangt war, wurden etwa noch
Spiele gemacht; mit meinen langen Beinen war ich im Laufen immer unter
den ersten. Fr die Maroden gab es Fahrgelegenheit. Unter vielen sind
immer einige, denen etwas zustt, denen es schlecht wird, die sich
irgend etwas zu Gemte ziehen. Oben auf dem Gotthard hatte die eine sich
den Magen verdorben, eine andere konnte die Hhenluft nicht vertragen,
und nachdem ich fr diese so gut es ging gesorgt hatte, mute ich noch
zu allen zum Gutenachtsagen ans Bett kommen. Wie jung, frisch,
empfnglich und erwartungsvoll sie waren, und doch hatten die meisten
von ihnen ein Leben voll Anstrengung und mancher Entbehrung vor sich.
Wenn ich an ihrem Bett stand und ihnen Gutenacht sagte, wre ich gern
eine Fee gewesen, um ihnen ein Pfand des Glckes aufs Kissen zu legen.
Im Gotthardtunnel, durch den wir die Rckreise machten, bekam eine mir
sehr liebe Schlerin, ich glaube es war Martha Usteri, eine hbsche
Blonde, die sich spter nach Manila verheiratete, asthmatische Zustnde,
weil sie in dem geschlossenen Raum nicht atmen konnte. Whrend der
ganzen Fahrt klammerte sie sich sthnend an mich. Die halbe Stunde im
Tunnel wollte kein Ende nehmen, und jetzt sind mehr als vierzig Jahre
seitdem verflossen.

Freuden ohne Schatten waren die Ausflge oder Festlichkeiten, die wir im
Freundeskreise veranstalteten. Kahnfahrten liebten wir besonders, deren
Ziel meist Bendlikon oder Ksnacht oder die Halbinsel Au war. Die
tglichen Pflichten und rgernisse waren vergessen, wenn wir, ein Boot
voll Jugend und Glck, ber den geliebten See hinruderten, lachend und
singend, Bumchen und ich mit Vorliebe das Duett: Der Zweig erzittert --
Weil ein Vglein drauf flog -- Mein Herz erzittert -- Weil Erinnerung es
durchzog. Mit den Pensionsgsten in der Unteren Zune bestieg ich einmal
den tliberg bei Nacht, wo wir die Sonne aufgehen sehen wollten. Wir
gingen zeitiger als sonst zu Bett und schliefen bis zwei oder drei Uhr;
dann brachen wir auf, sahen den Sonnenaufgang, frhstckten und waren
zur Zeit wieder unten, da ich um acht zum Unterricht in der Schule sein
konnte. Eigenartig schn war es, auf dem tliberg das Nebelmeer zu
sehen, wenn Plakate in der Stadt verkndeten: tliberg hell! Wenn nach
dem Aufstieg in der dicken Wolkenhlle diese allmhlich durchsichtiger
wurde und pltzlich die reine Glorie des Lichtes da war, und man die
titanischen Massen tief unter sich wogen sah, das hatte etwas
berwltigendes.

Das schnste Fest war unstreitig das Sechseluten, der uralte
Frhlingsjubel um die Flamme, die den Winter verzehrt und zum dmmernden
Himmel auflodert. Wir beendeten den Tag nicht selten bei Reiffs, nachdem
wir an dem allgemeinen Hin- und Herwogen teilnehmend uns mde geschaut
und gefreut hatten. Einen Geburtstag Hermann Reiffs feierten wir durch
ein Gedicht, das ich gemacht hatte. Wir stellten die vier Elemente vor,
die sich merkwrdig gut unter uns verteilen lieen: Hedwig Waser war das
Feuer, Marianne Plehn die Erde, Luise von Kehler die Luft und ich das
Wasser. Prchtig stand Hedwig das scharlachrote Kleid und der Kranz von
roten Klatschrosen, ich hatte einen seidenen, mattblau und wei
gestreiften Stoff lose angeworfen. An meinem dreiigsten Geburtstag war
ich selbst Gegenstand eines Festes. Wenn sich in die Feier der spten
Jahrzehnte ein dicker Tropfen Wermut mischt, so war diese eitel Freude.
Alle waren mit Blumenkrnzen geschmckt. Mir berreichte ein
vierjhriges Tchterchen von Hermanns in Genua verheirateter Schwester
einen Kranz von weien Seerosen und sagte dazu einen Vers auf! Diese
Blumen nimm sie hin -- Holde Herzensknigin -- Ruh auf unsrer Liebe
weich -- Wie die Wasserros' im Teich. Whrend des Abendessens hielt
Hermann eine parodistische Rede, die in den Worten gipfelte: Andere
haben ihren Goethe, ihren Schiller, wir haben unsere Huch.
Unvergleichlich witzig wute er den rollenden Ton und die platten
Wendungen mancher volkstmlicher Festredner zu treffen. Das groe
Trachtenfest des Hottinger Lesezirkels habe ich nicht mehr miterlebt.
Doch trat ich noch einmal in seinen Dienst bei der Einweihung der neuen
Tonhalle im Herbst 1895, die zufolge der Anwesenheit von Johannes
Brahms, dessen Triumphlied aufgefhrt wurde, sich zugleich zu einer
Brahmsfeier gestaltete. Ich schrieb drei kleine Szenen innerhalb einer
Rahmenhandlung, bei der der leitende Gedanke war, da zu den drei
Zrcher Heiligen, Felix, Regula und Exuperantius eine vierte, die Musik,
hinzukam. Es hie nachher, indem man den Tadel in ein Lob verkleidete,
die Dichtung sei zu fein gewesen, um in diesem Rahmen zu wirken, und
gewi war es natrlich, da der harmlose Scherz neben den groen
musikalischen Kompositionen, die geboten wurden, sich nicht behaupten
konnte. Ebenfalls in meine letzten Jahre fielen die Besuche des
Vortragsknstlers Emil Milan, die fr das gebildete Zrich ein
willkommener Genu waren. Im allgemeinen liebe ich es nicht, schne
Gedichte vortragen zu hren, begreife ich doch gut, da Goethe grade die
einfachen Zelterschen Kompositionen seiner Lieder schtzte. Das schne
Gedicht hat seine eigene Melodie in sich, die nur allzuleicht vor
fremden Eingriffen zurckweicht. Milan indessen lie das Gedicht in
seiner Eigenart erklingen. Er trug es mit angenehmer Stimme ganz
schlicht so vor, wie wir es wohl selbst in unserer Seele vernahmen, nur
da es durch ihn in allem Glanze der Sinnlichkeit hrbar wurde. Mit
Vorliebe sprach er Balladen von C. F. Meyer: Die Fe im Feuer -- Die
Rose von Newport -- aber auch lyrische Kostbarkeiten wie Fllest wieder
Busch und Tal. Er wute alles auswendig, auch grere Prosastcke, zum
Beispiel Abschnitte aus Werthers Leiden, und zwar so, da an ein
Steckenbleiben nicht zu denken war, weil er in diesen Augenblicken den
Dichter selbst darstellte; so knnte man sich den Vortrag eines Barden
der alten Zeit denken. Ich glaube, da alle die damaligen Zuhrer des
liebenswrdigen Mannes die von ihm vernommenen Stcke ihr lebenlang mit
seinem Klang und Tonfall im Geiste gehrt haben.

Die breite glnzende Landschaft, in die Zrich eingebettet ist, bildet
fr Feste im Freien einen imposanten Hintergrund, wie er nicht leicht
anderswo zu finden ist. berhaupt aber scheint in der Schweiz ein
besonderes Talent fr das Festefeiern vorhanden zu sein, ohne da es wie
in Mnchen dem Geschick und der Farbenlust eines Knstlerkreises zu
danken wre. Vielleicht ist auch hier die Tradition wirksam. Bei den
Regatten, den Umzgen, den Schlachtengedenkfeiern berwiegt nie der
Pomp, so prchtig auch die Inszenierung sein mag, schon weil der weite
Himmel und die flimmernde See doch alles berstrahlen, hauptschlich
aber weil sie so volkstmlich, so vaterlndisch und so knstlerisch
durchdacht sind, da die Idee, der die jeweilige Feier unterstellt ist,
nicht durch Dekorationsmasse erdrckt werden kann. Die in der Schweiz so
hohe Schtzung der Bildung und die ausgleichende Macht der Kultur machen
sich bemerkbar. Man knnte etwa einmal zu viel belehrt, aber nicht leer
angelrmt werden.

Mein Herz erzittert -- weil Erinnerung es durchzog. Das Antlitz der
Erinnerung ist wehmtig, denn die Sttten, zu denen sie uns fhrt, sind
oft wie versunkene Meerstdte mit altfrnkischen seltsamen Giebeln und
Toren, deren Bewohner uns s vertraut und zrtlich ansehen und deren
einer uns zuflstert: Verla uns, denn dies ist Vineta, die nur einmal
in hundert Jahren vom Meeresgrunde aufsteigt, und wenn die Mitternacht
schlgt, werden wir versinken. Nur in der Erinnerung gibt es noch die
kleinen lndlichen Huser der Gemeindestrae, deren Tren nachts
zutraulich offenstanden. Das nachbarlichgemtliche, grtenumblhte,
vergangenheitumwitterte Zrich ist versunken. Whrend des Jahrzehnts,
das ich in Zrich zugebracht habe, 1887 bis 1896 vernderte sich seine
bauliche Erscheinung in entscheidender Weise. Das Theater am See, die
Tonhalle, das sogenannte rote und weie Schlo, viele Huser an der
Bahnhofstrae entstanden. An all diesen Projekten und ihrer Ausfhrung
nahmen meine Freunde und ich lebhaften Anteil, handelte es sich doch um
unser Zrich, unser geliebtes Zrich. Kaum eins der neuen Gebude
befriedigte: sie haben den etwas aufdringlichen, prahlerischen
Charakter, womit man in jener Zeit Wucht und Gre auszudrcken, dem
Aufschwung eines wohlhabenden Gemeinwesens zu entsprechen meinte. Das
Zurckhaltende, Aristokratische, das allen Schweizer Stdten
ursprnglich eigen war, ging dadurch verloren, wenn auch nicht in dem
Mae wie es in vielen deutschen Stdten nach 1870 der Fall gewesen war.

Wenn man die Sommernachmittage oder die Sommerabende im Freien zubringen
wollte, lief man den Zrichberg hinauf zum Schlli oder zur
Karolinenburg oder zum alten Dolder. Das waren einfache weie Huser,
neben denen etwa ein paar hohe Pappeln standen, wo sehr frugal gespeist
wurde. Man traf nur wenig Menschen dort, keine Gesellschaft, die gestrt
htte. Es war schn, auf den See herabzusehen, besonders wenn feierlich
das Samstagabendgelut erbrauste. Wenn ich jetzt zwischen eleganten
Villen den alten Spuren nachgehe, fallen mir die Verse meines
Zeitgenossen, des Basler Dichters Dominik Mller ein: Es ist wohl schn
und angenehm -- doch ist's nicht mehr wie ehedem!

Es geht den meisten Menschen wohl so, da sie auffallende Vernderungen
in einer Stadt, die sie lange bewohnt haben, und die sie lieben, mit
mignstigem Blick betrachten, obwohl sie selbst sich bestndig
verndern und keineswegs immer zum Vorteil. Und wie schn ist doch auch
das neue Zrich, wie prchtig das Gewimmel der ansehnlichen Huser, die
sich den Berg hinauf gedrngt haben, wie heiter sind die Zeichen eines
unaufhaltsamen, ppigen Wachstums, weithin verbreiteten Reichtums. Wer
wre so kleinlich, einer gastlichen Stadt zu grollen, weil sie sich in
einer anderen Richtung entwickelte, als man selbst wnschte oder
voraussehen konnte? Auch hrte keine aus meinem Freundeskreise auf,
Zrich wie eine Heimat zu lieben, und nichts lag im Grunde ferner als
die Mglichkeit, ich knnte sie freiwillig verlassen.

Was die Ursache war, da ich aus Frau Walders Pension schied, wei ich
nicht mehr: jedenfalls habe ich die letzten Jahre meines Zrcher
Aufenthaltes auf dem Schanzenberg verlebt, dem groen, hochgelegenen
Hause, zu dem man an der Kantonsschule vorber hinaufsteigt. Auer der
angenehmen Lage des Hauses hatte dieser Wechsel den Vorzug, da unter
demselben Dach, aber auf der andern Seite des weitlufigen Gebudes,
meine Freundinnen Marianne Plehn und Marie Baum wohnten. Unsere
Hauswirtin war Frau Dr. Nagel, eine gutmtige, etwas ratlose Frau, die
es mit ihrem blonden, selbstsichern Manne nicht leicht hatte. Er
behandelte ihre beiden Kinder aus erster Ehe stiefvterlich; besonders
emprte uns, da er sie, wenn sie ihm unartig vorkamen, damit zu
bestrafen pflegte, da er sie stundenlang in den Keller sperrte. Abends
aen wir bei einer von uns dreien, selten ohne da irgendein Gast
hinzugekommen wre. Diejenige, an der die Reihe war zu bewirten, setzte
ihren Stolz hinein, den Tisch durch eine zwar hchst bescheidene, aber
sonst nicht bliche Leckerei zu wrzen. Darin war Marianne besonders
erfinderisch. Auch sonst sorgte sie fr berraschungen, wenn sie zum
Beispiel Probleme erzhlte. Sie beschrieb dann zwei Leute ihrer
Bekanntschaft, einen Mann und eine Frau, die sich liebten, zwischen
denen sich aber innere und uere Schwierigkeiten auftrmten, und es
wurde unsererseits darber beratschlagt, ob und wie dieselben aus dem
Wege gerumt werden knnten. Zum Schlu wurde die Lsung, wenn eine
solche schon vorhanden war, bekanntgegeben. Ich war dabei meist
ungeduldig und schnell fertig: man liebt sich, dann gibt es keine
Hindernisse, wer von unberwindlichen Hindernissen redet, liebt nicht.
Oder ich bat: Marianne, spiel das Polenlied. Das Polenlied hatte eine
wiegende, schwrmerische Melodie, die mir sehr zusagte, und wenn ich es
im Geiste hre, fhle ich den Zauber jener glcklichen Stunden. Aber ich
bitte Marianne jetzt vergebens darum: sie spielt es nicht mehr. Zuweilen
belustigte sie sich damit, da sie meine leidige Gespensterfurcht kannte,
mir durch Erzhlen von unheimlichen Geschichten gruseln zu machen.
Namentlich eine wute sie, die durch eine Mischung von Humor und
grotesker Schaurigkeit einzig war, und die wir nicht mde wurden zu
hren, wie man ein Musikstck gern immer wieder hrt; sie wrde jedoch,
wenn ich sie wiederzugeben versuchte, ihren grten Reiz verlieren, den
Mariannes Vortrag ihr gab.

Eine neue Bekanntschaft wurde mir dadurch, da eines Tages auf der
Rmistrae eine hochgewachsene Dame mit schneeweiem Haar mich mit der
Frage anhielt, ob ich Ricarda Huch sei. Es war Frau Emilie Heim, die
Witwe des Zrcher Musikers, nach dem der Heimplatz benannt ist, die mich
liebenswrdig einlud, sie zu besuchen. Ich tat es gern und war seitdem
hufig ihr Gast. Sie war eine sehr gebildete und angeregte Frau, die
durch ihren Mann viel mit Musikern in Berhrung gekommen, auch mit
Richard Wagner gut bekannt gewesen war. Sie erzhlte mir mancherlei von
ihm, und einiges davon ist mir im Gedchtnis geblieben. In bezug darauf,
da Mathilde Wesendonck sich nicht entschlieen konnte, ihm anzugehren,
habe er gesagt: Kind, die hatte ihre Millionen zu lieb! Besondern
Eindruck machte mir, da er von Mozart gesagt habe: Ja, das war ein
Musiktier! Die Erkenntnis, da Mozart einen natrlichen Quell Musik in
sich hatte, der ihm fehlte, vielleicht weil er berhaupt erschpft war,
und den er durch den Intellekt ersetzen mute, schien sich darin
auszusprechen.

Die Anstellung an der Schule war es wohl, die mir den Gedanken
nahelegte, die schweizerische Staatsangehrigkeit zu erlangen; denn
meine Ttigkeit dort galt allgemein als eine Lebensstellung. Es schien
keine Schwierigkeit zu haben, da ich seit mehreren Jahren in der Schweiz
lebte, und da mein Gesuch durch angesehene Zrcher Brger untersttzt
wurde. Auch kamen mir die Behrden aufs freundlichste entgegen, und die
Angelegenheit wre bald erledigt gewesen, wenn sich nicht auf meiner
Seite ein unvorhergesehenes Hindernis gezeigt htte. Mein Vater war als
ganz junger Mensch nach Brasilien gegangen und hatte dort, nachdem er
Teilhaber einer kaufmnnischen Firma geworden war, das Brgerrecht
erworben. Da mein Vater, der so leidenschaftlich an seinem Vaterland
hing, wie es eben die Auslandsdeutschen zu tun pflegen, nicht auch
staatsrechtlich Deutscher war, hatte ich nicht gewut; man pflegte sich
damals berhaupt um solche Dinge wenig zu bekmmern. Da meine Mutter
nicht mehr lebte, meine Schwester durch Heirat, mein Bruder durch seinen
Beruf Deutsche geworden waren, hatte nach dem Tode meines Vaters, der
stattfand, als ich bereits in der Schweiz war, niemand daran gedacht,
nach den betreffenden Papieren zu suchen; kurz, es waren keine
vorhanden, die ber die Staatsangehrigkeit meines Vaters, von der die
meinige abhing, etwas ausgesagt htten. Die Herren, mit denen ich zu
verhandeln hatte, sahen wohl ein, da ich mich schuldlos in einer
schwierigen Lage befand und bedauerten mich; aber sie blieben dabei, sie
knnten mich nicht in das Schweizer Brgerrecht aufnehmen, bevor ich aus
dem vorhergehenden entlassen wre, was nicht mglich sei, wenn sich der
Charakter desselben gar nicht feststellen lasse. Sie gingen so weit,
sich in meinem Interesse an die Behrden in Porto Alegre zu wenden, wo
mein Vater gelebt hatte; aber da grade Umwlzungen in Brasilien oder nur
Unordnungen in den zustndigen mtern stattgefunden hatten, war keine
befriedigende Auskunft von dort zu erlangen. So wurde trotz aller
Bemhungen meiner Zrcher Freunde aus meiner Nationalisierung nichts.
Als es mir spter meine Staatenlosigkeit beinah unmglich machte zu
heiraten, wurde das Problem dadurch gelst, da brasilianische Freunde
meines verstorbenen Vaters, die in Hamburg lebten, unter Eid aussagten,
da er das brasilianische Brgerrecht besessen habe.

Whrend ich versuchte Schweizerin zu werden, hatte ich nie das Gefhl,
dadurch mein deutsches Vaterland aufzugeben oder gar zu verraten. Man
pflegte damals in der Schweiz scherzweise von Deutschland als vom groen
Kanton zu sprechen. Das entsprach ganz meinem Empfinden; es drckte sich
darin das Bewutsein der einstigen Zusammengehrigkeit aus, und wenn das
wirkliche Verhltnis umgekehrt war, da Deutschland in dieser Wendung zu
einem Gliede der Schweiz gemacht wurde, das sich von ihr abgetrennt
htte, so lag insofern etwas Wahres darin, als Deutschland von den Ideen
und Formen des alten Reiches der Deutschen mehr abgewichen war als die
Schweiz. Das betraf allerdings Verhltnisse und Beziehungen, die den
Laien nicht so gelufig waren wie den in der Geschichte Bewanderten;
aber grade mit solchen kam ich viel zusammen. Wohl bemerkte ich
allmhlich, da im Volke vielfach mehr der Gegensatz zu Deutschland als
die Erinnerung an den einstigen Zusammenhang lebendig war, da fr die
welsche Schweiz die historischen Grundlagen der Eidgenossenschaft und
ihr kultureller Zusammenhang mit Deutschland, der den Gebildeten und
namentlich den Studierten in der deutschen Schweiz wert war, wie es
schon die Sprache bedingt, weniger ins Gewicht fiel. Es begegnete mir,
da Schweizer ein erstauntes und unglubiges Gesicht machten, als ich
gelegentlich sagte, da Wilhelm Tell, gesetzt er habe gelebt, ein
Deutscher gewesen sei, und von den Deutschen als deutscher Held verehrt
werde. Junker Wy, Meyer von Knonau, Hermann Escher hatten
freundschaftliche Beziehungen zur deutschen Gelehrtenwelt, die beiden
letzteren reisten beinah jedes Jahr einmal nach Deutschland. Dabei waren
sie selbstverstndlich treue Schweizer und htten den letzten
Blutstropfen fr die Unabhngigkeit ihres Landes hingegeben. Fast knnte
ich sagen, da auch ich das getan htte; denn das, was die Schweiz auch
mir war, war sie ja nur als selbstbewutes, unabhngiges Gebilde, das
Ideale hochhielt, die auch meine waren, die sie nur als von den Alpen
und eigener Kraft geschtztes freies Asyl pflegen und verkrpern konnte.
Die Schwierigkeit, die darin lag, da die Schweiz zu Frankreich ebenso
gute Beziehungen hatte wie zu Deutschland, whrend der Gang der
Geschichte Frankreich zu unserm Erbfeind gemacht hatte, unterschtzte
ich.

Da ich bald, nachdem ich mich bemht hatte, Schweizerin zu werden,
freiwillig die Schweiz verlie, ist nicht leicht zu begreifen. In Zrich
war ich in den Besitz meiner selbst gekommen, hier wurde mir zuerst das
Bewutsein der eigenen Persnlichkeit und der eigenen Krfte; denn zu
Hause wird man als Glied einer Familie ohne eigenes selbstndiges Wesen
in eine vorhandene Rubrik eingeordnet, in der Fremde, wo man fr sich
allein steht, mu man sich Unbekannten bekannt machen und ihnen seinen
Wert beweisen. Hier hatte ich Freunde, mit denen ich mich innig
verbunden fhlte, in deren Liebe ich wirklich weich ruhte, wie ich
solche anderswo wiederzufinden kaum hoffen konnte, hier hatte ich eine
geachtete und gesicherte Stellung, in die ich immer wirksamer
hineinwachsen konnte. Im Grunde war es aber gerade diese Stellung,
dieser Schulberuf, der mich dazu brachte, so teure Bindungen zu lsen,
eine so gromtige Heimat aufzugeben. Mein Beruf befriedigte mich immer
weniger. Anfangs war die Schwierigkeit des Unterrichts eine Art
Widerstand gewesen, den zu berwinden eine interessante Aufgabe war, das
ging verloren in dem Mae, wie die Kunst des Unterrichts mir gelufiger
wurde. Ich hatte nun keine Angst mehr vor den Stunden, aber auch keinen
andern Ansporn als die Pflicht. Da ich meine Berufsttigkeit, wenn ich
ihr auch pflichtgem oblag, mglichst schnell hinter mich zu bringen
suchte, um mich dem hinzugeben, was nun einmal mein innerer Beruf war,
empfand ich als unrichtig. Ich liebte die Mdchen, aber es war mir
lstig, da ich ihnen etwas beibringen sollte. Ich hatte damals keine
festen berzeugungen, keine Grundstze, die es mich gedrngt htte,
jungen, empfnglichen Menschen zu bermitteln; was ich an Weltanschauung
hatte, war eine Richtung auf das Leben, ich knnte auch sagen auf das
Schne, das Groe und Echte. Ich wollte vor allen Dingen leben und
erleben, und darin schien mich die Schule zu hemmen. Es war mir zumute,
als sei ich in eine Meeresstille geraten. Da war nichts mehr zu
begehren, zu erkmpfen, zu wagen; so lag ich da und mute so liegen in
qulender Beklemmung.

In dieser Stimmung traf mich die Aufforderung einer jungen Bremerin,
nach Bremen zu kommen, wo ihre Familie im Verein mit andern ein Lyzeum
grnden wollte. Allerdings handelte es sich auch da wieder um
Unterricht; aber ich wrde nur einige Vortrge zu halten haben, und es
wrde mir gengend Zeit bleiben, um meine schriftstellerischen Plne
auszufhren. Bevor ich abreiste, machten Bumchen und ich noch einen
Ausflug ins Gebirge. ber Furka und Grimsel wandernd, atmeten wir noch
einmal die reine und wilde Luft der schneenahen Hhe, genossen wir noch
einmal das Glck, alles was uns in Ernst und Scherz, im Leben und in
Gedanken begegnete, miteinander durchsprechen zu knnen, gegenseitigen
Verstndnisses gewi, wie wir es drei Jahre lang beinah tglich zu tun
gewohnt gewesen waren. Jetzt fhlten wir zugleich mit dem Glck des
Augenblicks die Wehmut des Abschieds und die Ungewiheit, ob wir jemals
zusammen die geliebten Berge, und wann wir uns selbst wiedersehen
wrden. Trstlich war fr mich, da Marianne Plehn die im gleichen Sinne
an sie gerichtete Aufforderung annahm. Sowohl Marianne wie Bumchen
waren nach beendetem Studium sofort von ihren Professoren als
Assistentin gewonnen worden; da Marianne jedoch die Stelle mit einem
Kollegen teilte, war sie zu gering besoldet, als da sie davon htte
leben knnen, und sie war gezwungen, die Gelegenheit eines ausreichenden
Verdienstes, die ihr geboten wurde, zu ergreifen. Sie ri sich schweren
Herzens von Zrich los wie ich, die ich es doch freiwillig tat. Ich
verlie die schne Stadt, die den Fremdling behtet hatte, die ich nie
aufgehrt hatte zu lieben, und zu der es mich immer wieder zurckzog.
Kmpfe, Mhen und Erschtterungen aller Art standen mir bevor, aber
gewonnen hatte ich doch das strmische Leben, das ich vermit hatte, und
zu dem das Schicksal mich drngte.






[End of Frhling in der Schweiz, by Ricarda Huch]

[Fin de Frhling in der Schweiz, par Ricarda Huch]
